Der Mentalcoach ist für die Entspannung zuständig: wie das Schweizer Nationalteam im Trubel der Heim-WM Fokus und Ruhe findetEuphorie und Torspektakel begleiteten das Schweizer Eishockey-Nationalteam in der Vorrunde. Wie fahren die Spieler zwischen den Partien herunter? Der Mentaltrainer Stefan Schwitter erklärt seine Methoden.26.05.2026, 15.15 Uhr5 LeseminutenIst für das Mentale und das Körperliche neben dem Eis zuständig: Stefan Schwitter, der Performance-Coach des Schweizer Nationalteams.Swiss Ice Hockey FederationZehn Spiele in siebzehn Tagen absolviert das Schweizer Nationalteam an dieser Eishockey-WM im Idealfall. Fast permanent herrscht Leistungsdruck, Adrenalin und Cortisol fluten die Körper der Eishockeyspieler in den Abendspielen, das euphorisierte Heimpublikum pusht zusätzlich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Viele Spieler finden in solchen Phasen höchster Intensität stundenlang keinen Schlaf. Um so rasch wie möglich in den Regenerationsmodus zu kommen, führt das Team deshalb eine gemeinsame Entspannungs-Session durch. Kehren die Spieler nach einem Match in die Garderobe zurück, legen sie nicht nur ihre Eishockeyausrüstung ab, sondern Schicht für Schicht auch eine symbolische Ritterrüstung.Stefan Schwitter ist der Performance-Coach des Nationalteams, zum nunmehr dritten Mal ist er an einer WM der Schweizer für alles Mentale und Körperliche neben dem Eis zuständig. Schwitter führte diese Entspannungs-Session ein, die beginnt, sobald sich die Spieler umgezogen haben und das Team-Meeting beendet ist.Dafür legen oder setzen sich die Eishockeyspieler in der Garderobe hin, Schwitter leitet die Session mit seiner Stimme an. «Wir legen gemeinsam die Rolle des Hockeyspielers ab», sagt er. «Als würden wir eine Ritterrüstung Stück für Stück ausziehen. Hinter jedem Spieler steckt ein Mensch, der ausserhalb des Eishockeys noch andere Rollen hat. Wir kreieren einen Raum, in dem sie die Rolle los sein dürfen.» Ein Setting, in dem es nicht um Leistung geht. «Dort regenerieren sie physisch, mental und emotional am schnellsten.»Entspannen in der GruppeDer Stürmer Sven Andrighetto beschrieb bei seinem Auftritt bei «NZZ Live» im März, wie diese Entspannungstechnik der Mannschaft helfe, herunterzufahren und besser zu schlafen. «Sonst wurde es gerne einmal 3 oder 4 Uhr in der Nacht, bis ich zur Ruhe kam.»Die meisten Profisportler haben ihre eigenen Methoden, wie sie mit Druck umgehen. Schwitter arbeitet während des Turniers oft auch individuell mit den Spielern. Er betont aber, wie wichtig es ihm sei, dass man auch in der Gruppe entspanne. «Wenn Ruhe einkehrt und Stille da ist, fördert das neben dem Teamspirit die nonverbale Kommunikation.» Kopf und Körper weg vom harten, treibenden, explosiven Hockeysport und hin zum Weichen zu bringen – das ist Schwitters Hauptaufgabe während eines Turniers.Absolvieren an der Heim-WM im Idealfall zehn Spiele innert siebzehn Tagen: die Spieler des Schweizer Eishockey-Nationalteams.Claudio Thoma / KeystoneDabei spielt es keine Rolle, ob die Mannschaft gerade gewonnen oder verloren hat; der Stresslevel ist in beiden Fällen hoch, die Emotionen sind intensiv. Je nach Situation lässt Schwitter unterschiedliche Themen in die Entspannungsübung einfliessen, um diese zu verarbeiten. Zum Beispiel die Euphorie an diesem Turnier, jedes Schweizer Spiel ist mit 10 000 Menschen ausverkauft. Oder den Rausch, in den sich das Team zuweilen hineinspielt. Die Begeisterung trage die Mannschaft, ebenso wichtig sei es aber, dass sich das Team von ihr nicht davontragen lasse. Diese Gefahr sieht der Mentalcoach allerdings nicht. «Es sind alles Profis, die genau wissen, wie schnell es kippen kann.»Wie Schwitter das Team bei diesem Wechselspiel zwischen Fokus und Entspannung unterstützt? Indem er das Geniessen zulässt, die Mannschaft dann aber zurück in den Moment holt. An Matchtagen versucht er, dass die Spieler relativ lange in diesem leistungslosen Raum bleiben. Und die Spannung erst langsam hochfahren.Vom Wrestling-Ring ins Zen-KlosterSchwitter hat eine bewegte Vergangenheit. Er schlug sich jahrelang als Profiwrestler in den USA durch, forderte seinen Körper bis an die Grenzen und darüber hinaus. Später stellte er mehrere Weltrekorde im Kettlebell Swing auf, verbrachte aber auch viel Zeit in einem Zen-Kloster. Was er von seinen Erfahrungen aufs Eishockey übertragen kann? «Wie wichtig es ist, innere Ruhe zu haben. Dass dein innerer Zustand darüber entscheidet, wie du performst. Im Fokus steht nicht nur der Sportler, sondern vor allem der Mensch dahinter.»Vor ein paar Jahren lernte Schwitter Patrick Fischer kennen, den langjährigen Coach des Schweizer Nationalteams, der im April abgesetzt wurde, weil er für die Olympischen Spiele 2022 ein gefälschtes Covid-Impfzertifikat gekauft hatte. Fischer holte ihn als Performance-Coach zum Nationalteam.Wie reagierten die Spieler auf seine Methoden? «Es hat anfangs etwas Zeit gebraucht, bis sie Anklang fanden», sagt Schwitter. «Aber wenn jemand merkt, dass das guttut und eine positive Auswirkung auf die Performance hat, dann gibt er sich dem auch mehr hin.» Einige Spieler überzeugte der ganzheitliche Ansatz besonders, Kevin Fiala und Roman Josi arbeiten auch neben dem Nationalteam mit ihm.Schwitter ist beeindruckt, wie das Team in den letzten Jahren zusammengewachsen ist. Wie die Erfahreneren die Jüngeren integrieren. Und wie offen die Spieler miteinander sprechen. «Ein guter Teamspirit bedeutet ja nicht einfach Schulterklopfen und dass alles himmelhoch jauchzend ist, sondern er entsteht auch durch Diskussionen. Dass man Dinge anspricht, fragt: ‹Wie denkst du darüber? Was fühlst du?›»Arbeitet auch neben dem Nationalteam mit dem Mentalcoach Stefan Schwitter zusammen: Roman Josi, der Captain der Schweizer.Claudio Thoma / KeystoneDas war nicht zuletzt in diesem Frühling wichtig. Nach den Olympischen Spielen, die mit einem harten Schlag endeten, im Viertelfinal gegen Finnland nach einer 2:0-Führung. Möglicherweise die letzte Chance auf eine Olympiamedaille der aussergewöhnlichen Generation um Roman Josi. Und dann nach der Entlassung des Trainers Fischer, über die es im Team unterschiedliche Meinungen gab. Es sei darüber diskutiert worden, und irgendwann sei klar gewesen: «Das Team hat es verdient, dabei zu sein. Wir führen das jetzt zu Ende.»Es zu Ende führen: Nach viermal Silber seit 2013 soll es zu Hause nun endlich und erstmals Gold werden. Manche Spieler haben schon mehr als einen Final verloren. Wie geht man damit um? «Das Gefühl eines verlorenen Finals soll sich nicht einnisten», sagt Schwitter.Dass der Druck vor der K.-o.-Phase nun da ist, das lasse sich gar nicht abstreiten. Sein Job sei es, dafür zu sorgen, dass die Athleten mental und körperlich frisch blieben, sagt Schwitter. Er müsse gut beobachten und spüren: Wann sage ich was, und wann sage ich gar nichts? Zudem könne man den Druck, an einer Heim-WM Historisches schaffen zu können, ja auch als Privileg sehen.Passend zum Artikel