Er lässt die Schweizer Fussballer jeden Morgen zum Speicheltest antraben: So arbeitet der Performance-Spezialist Eduardo Parra GarciaJetlag, Klima, frühe Anspielzeiten: Die Fussball-WM in den USA, Kanada und Mexiko stellt die Schweizer Delegation vor viele Herausforderungen.08.06.2026, 12.00 Uhr5 LeseminutenDer Zufall ist sein grosser Feind: Der Performance-Spezialist Eduardo Parra Garcia (rechts) arbeitet seit 2023 für den Schweizerischen Fussballverband.Peter Klaunzer / KeystonePaul Gascoigne war ein wunderbarer englischer Fussballer, der stets seinem Instinkt gehorchte, das galt auf dem Platz und daneben, wo der Mittelfeldspieler regelmässig am Bartresen zur Höchstform auflief. So war das auch 1996, als «Gazza» vor der Heim-EM mit dem englischen Nationalteam durch Ostasien tourte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gascoigne und seine Kollegen hielten es damals für eine gute Idee, sich in einer Diskothek in Hongkong an einen Zahnarztstuhl binden und sich vom Barkeeper Tequila in den Mund spritzen zu lassen. Natürlich landeten Bilder von der Aktion in den britischen Tabloids. Daheim auf der Insel war die Empörung gross. «Disgracefool», dichtete die «Sun» auf ihrer Titelseite.Dreissig Jahre ist das alles nun her. Es ist eine Geschichte aus einer anderen Zeit. Im modernen Fussball haben Eskapaden keinen Platz, er ist zu einem Spiel der Asketen geworden. Alles wird heute vermessen, jedes Detail beachtet. Der Zufall ist der grosse Feind, ihn gilt es zu eliminieren. Das fängt schon lange vor dem Anpfiff an, bei Themen wie der Ernährung, dem Schlaf oder der Trainingsbelastung.«Head of Performance» lautet der Titel des Mannes, der beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) für all das zuständig ist, und sein Name Eduardo Parra Garcia. Der Spanier leitet ein Team, zu dem Athletiktrainer, Ernährungsberater und ein Koch gehören.In diesen Tagen bereitet sich das Schweizer Team in San Diego auf sein erstes WM-Gruppenspiel vor, das am Samstag in San Francisco gegen Katar stattfindet. Die SFV-Delegation logiert im «Fairmont Grand Del Mar», einem Fünf-Sterne-Hotel, das etwas ausserhalb von San Diego liegt. Zu dem weitläufigen Komplex gehört auch ein Golfplatz.Für die Fussballer beginnen die Tage dort mit einem Speicheltest. Mit ihm werden bestimmte Substanzen im Körper gemessen, der Cortisolspiegel etwa. Dieser liefert Hinweise darauf, wie es um den Fitnesszustand des Spielers steht. Ist der Wert zu hoch und deutet auf Übermüdung hin, kann das etwa in die Trainingsgestaltung einfliessen.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenIndividualisierung ist das ZauberwortAlle Informationen fliessen digital zusammen. Und helfen Parra Garcia und seinem Team, von jedem Spieler zu jeder Zeit ein Gesamtbild zu haben. «Basierend darauf stimulieren wir jeden Spieler so, wie er das gerade braucht», sagt der Spanier.Der Speicheltest ist nur ein Puzzleteil; der Schweizer Nationalspieler von heute wird pausenlos vermessen. Das beginnt schon im Schlaf, dessen Qualität mit sogenannten Wearables aufgezeichnet wird. Es geht mit dem morgendlichen Speicheltest weiter. Auch Daten zur Ernährung und Flüssigkeitsaufnahme werden erfasst. Und natürlich während des Trainings die GPS-Daten.Parra Garcia stiess 2023 zum SFV; zuvor hatte die Schweiz an der WM in Katar im Achtelfinal gegen Portugal keinen guten Eindruck hinterlassen. 1:6 ging sie damals unter, was auch damit zusammenhing, dass Spieler auf dem Platz standen, die nicht fit waren. Danach strebte der Verband eine Professionalisierung an. Und fand Parra Garcia, den Galizier, der in seiner Karriere an illustren Orten gearbeitet hat, bei Inter Mailand, Real Madrid oder Liverpool etwa.Wenn Parra Garcia über seine Arbeit spricht, dann fällt immer wieder das Wort «individuell». Manchmal sind seine Antworten so lang, dass er sie mit einer Entschuldigung beendet. Doch es gibt über seine Arbeit auch viel zu sagen.Zum Beispiel über den Schlaf, ohne den Sportler nicht ihre beste Leistung erbringen können. Und der bei einem Turnier, das in weit entfernten Zeitzonen stattfindet, eine besondere Rolle spielt. Neun Stunden beträgt die Zeitverschiebung zwischen der Schweiz und der amerikanischen Westküste.Für den Körper ist das eine Herausforderung, weil sein zirkadianer Rhythmus – umgangssprachlich die innere Uhr – durcheinandergerät. Und wer schlecht schläft, der performt auch schlecht, weil Schlaf nicht nur für die Leistung auf dem Platz entscheidend ist, sondern auch für die Erholung danach.Schon vor der Reise in die USA waren die Schweizer Fussballer darum angehalten, ihren Schlaf allmählich an die neue Zeitzone anzupassen; sie mussten dafür darauf achten, sich zu bestimmten Zeiten am Sonnenlicht aufzuhalten, ihre Essenszeiten anpassen und den Zeitpunkt des Nickerchens. In den ersten Tagen in San Diego halfen sie zudem mit Melatonin-Tabletten nach.Dass die Betten der Schlafqualität nicht abträglich sind, hatte Parra Garcia schon bei der Auswahl des WM-Camps sichergestellt; eigenhändig prüfte er die Matratzen und liess sich vom Hotel ein sogenanntes Kissenmenu mit fünf Optionen zustellen. Einige Spieler bringen ihr eigenes Kissen mit und spezielle Pyjamas.Wenn die Westküste mit den Spielorten Los Angeles, San Francisco und Vancouver für die Schweiz in Sachen Zeitumstellung ein schlechtes Los ist, so ist sie mit Blick auf das Klima ein gutes. Die Hitze ist für sie vorderhand kein grosses Thema. Doch im weiteren Turnierverlauf könnte sich das noch ändern, vielleicht landet die Schweiz dann an Spielorten an der Ostküste der USA, an denen es deutlich heisser wird.Für dieses Szenario stehen kühlende Tücher, die bereits beim Test gegen Australien in den Trinkpausen zum Einsatz kamen, Kühlwesten und sogenannte «ice slurries», für die Eisstückchen mit isotonischen Getränken gemischt werden, bereit. Die Hilfsmittel sollen der Thermoregulation der Spieler dienen. Das Ziel ist es, die hitzebedingte Ermüdung hinauszuzögern.Neben dem Jetlag und dem Klima gibt es an dieser WM noch eine dritte Besonderheit, die Parra Garcia und sein Team in diesen Tagen beschäftigt: die Anspielzeiten. Wenn die Schweizer am Samstag in San Francisco gegen Katar in die WM starten, erfolgt der Anpfiff bereits um 12 Uhr mittags.Das ist für die Fussballer eine ungewohnte Zeit. Und bedeutet, dass sich ihr Tagesablauf nach vorne verschiebt. Sie müssen früher aufstehen, ihren Körper früher in Schwung bringen, auch: früher essen. Um sich an den neuen Rhythmus zu gewöhnen, setzten die Schweizer ihr letztes Testspiel, das 1:1 gegen Australien, auf 12 Uhr mittags an.Parra Garcia bereiten die vielen Spiele SorgenDie Anspielzeiten um 12 Uhr mittags sind ein Sinnbild für diese WM, die für die Auswüchse des hyperkommerzialisierten Fussballs steht wie kein Turnier vor ihr. Der Weltfussballverband Fifa hat sie so festgelegt, um den Fernsehstationen in Europa entgegenzukommen.Für Eduardo Parra Garcia ist das kein grosses Problem. Ihn treibt die Belastung der Spieler viel mehr um. Erstmals wird die WM in diesem Jahr mit 48 Teilnehmern ausgetragen, was zur Folge hat, dass sich das Turnier in die Länge zieht wie nie zuvor. Das belädt den ohnehin schon überladenen Spielplan noch weiter. In den letzten Jahren wurde bereits die Champions League ausgebaut, zudem fand im Sommer 2025 erstmals die neue Klub-WM der Fifa statt. Für viele Topspieler hat das zur Folge, dass sie den dritten Sommer in Folge im Einsatz stehen. EM, Klub-WM, WM: Dieses Programm absolvierten etwa auch die Schweizer Gregor Kobel und Manuel Akanji.Parra Garcia sagt, der Spielplan sei «extrem aggressiv» geworden und es bereite ihm Sorgen, dass die Spieler immer weniger Ferien und Pausen hätten. Er sei diesbezüglich auch schon mit anderen Fitness-Coaches an die Fifa gelangt, sagt der Spanier noch. Viel weiter geht er nicht ins Detail, aber diesen Satz sagt er noch: «Es gibt da noch viel Arbeit zu erledigen.»Passend zum Artikel