Niemand weiss mehr über die Schweizer Fussballer: So arbeitet Kevin Ehmes, der Chefanalyst der NationalmannschaftSeit Dienstag ist der Schweizer WM-Kader bekannt – der Analyst Kevin Ehmes hat dafür entscheidende Vorarbeit geleistet. Über eine Disziplin, die immer wichtiger wird.20.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Laptop ist sein wichtigstes Arbeitsgerät: Kevin Ehmes, der Spielanalyst des Schweizer Nationalteams.Peter Klaunzer / KeystoneZehn Jahre arbeitet Kevin Ehmes nun schon für den Schweizerischen Fussballverband (SFV). In dieser Zeit hat sich viel getan, auf dem Platz und daneben, davon wird noch die Rede sein. Zuerst nach Berlin, Juni 2024, EM-Achtelfinal, Schweiz gegen Italien. Da trifft Remo Freuler nach 37 Minuten zur Führung; das Tor legt den Grundstein zum Schweizer 2:0-Sieg, dem eine Bedeutung zukommt wie kaum einem anderen in der hiesigen Fussballgeschichte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ehmes sitzt an jenem Tag auf der Bank der Schweizer, aber was in der 37. Minute auf dem Platz passiert, bekommt er nicht mit. Er befindet sich in seiner eigenen Welt, versunken in den Laptop, in eine Spielszene, die er gerade analysiert. Und so entsteht dieses Bild, von dem Ehmes bis heute vergnügt erzählt: Alle jubeln. Nur einer sitzt einfach da, es ist Ehmes, der Spielanalyst des Schweizer Nationalteams.Die Szene von jenem Sommertag in Berlin ist wichtig, weil sie viel über Ehmes erzählt, über seine Arbeit, auch: über die Bedeutung, die er im Schweizer Staff über die Jahre erlangt hat.Für die Nominierung des WM-Kaders, den der SFV in den letzten Tagen schrittweise bekanntgegeben hat und zu dem sich der Nationaltrainer Murat Yakin am Mittwoch offiziell äussert, hat Ehmes entscheidende Vorarbeit geleistet.Das WM-Aufgebot der Schweizer NationalmannschaftTor: Marvin Keller, Gregor Kobel, Yvon Mvogo. – Verteidigung: Manuel Akanji, Aurèle Amenda, Eray Cömert, Nico Elvedi, Luca Jaquez, Miro Muheim, Ricardo Rodriguez, Silvan Widmer. – Mittelfeld/Angriff: Michel Aebischer, Zeki Amdouni, Breel Embolo, Christian Fassnacht, Remo Freuler, Cedric Itten, Ardon Jashari, Johan Manzambi, Dan Ndoye, Noah Okafor, Fabian Rieder, Djibril Sow, Ruben Vargas, Granit Xhaka, Denis Zakaria.Seine Analyse hält er geheimIm Betreuerstab haben sie ihm Übernamen wie «das Auge» gegeben oder «Kevinpedia». Er ist der Mann, der das Spiel im Hintergrund vermisst. Der die Kandidaten für das Nationalteam im Alltag verfolgt, wenn sie weit weg von der Nationalmannschaft sind, in ihren Klubs von Saudiarabien bis England. 30, 35 zählen zum engeren, etwa 50 zum erweiterten Kreis.Manchmal schaut Ehmes am Wochenende mehrere Fussballspiele parallel; am Montag klickt er sich durch einen Berg von Videosequenzen, analysiert Daten. Am liebsten hätte ihm die NZZ dabei über die Schultern geschaut, aber das wollte Ehmes nicht, Berufsgeheimnis.Der 34-Jährige hat wie kein anderer im Fussballverband im Blick, wie es den Kandidaten für das Schweizer Nationalteam gerade ergeht. In den vergangenen Wochen hat er die drei Schweizer WM-Vorrundengegner Katar, Bosnien-Herzegowina und Kanada analysiert. Er hat ihre Schwächen identifiziert und abgeleitet, was die Schweiz braucht. Und was nicht.Ehmes hat eine Art wissenschaftlichen Rahmen für die Nominierungen bereitgestellt. Und so dazu beigetragen, dass Cedric Itten einen der Plätze in der Offensive einnimmt und Christian Fassnacht einen anderen; die Aufgebote für die beiden sind die zwei kleinen Überraschungen im Schweizer WM-Kader. Wobei sich diese Überraschungen auf die letzten Plätze im Kader beschränken, was viel darüber erzählt, wie viel im Schweizer Nationalteam schon längst geklärt ist.Kurze Wege statt riesige RessourcenEhmes wird im deutschen Offenbach geboren und ist im Kanton Zug aufgewachsen. Schon früh weiss er, dass er seine Zukunft dem Sport verschreiben will. Während des Studiums in Bolton findet er zur Datenanalyse, später landet er über Umwege beim SFV, zuerst auf Mandatsbasis, nach zwei Jahren mit einem festen Vertrag.Im Sommer erlebt er seine fünfte Endrunde. Er hat einen steilen Aufstieg hinter sich, und dieser Aufstieg versinnbildlicht auch, wie sein Feld, die Spielanalyse, sich entwickelt hat.Der Zufall macht den Fussballsport aus, doch er ist auch der grösste Feind von allen, die in der Branche tätig sind, und das gilt mit jedem zusätzlichen Franken, der in das Spiel fliesst, noch mehr. Den Zufall gilt es zu kontrollieren, wenn möglich zu eliminieren, und das ist ein Grund, weshalb Daten immer wichtiger werden und Leute, die mit diesen Daten arbeiten.In den grossen Ligen soll es Klubs geben, die Analystenteams mit Dutzenden Angestellten beschäftigen. Im SFV backt man kleinere Brötchen, aber auch hier hat sich in den letzten Jahren einiges getan. 2018, an der WM in Russland, war Ehmes noch einer von zwei SFV-Analysten. Und als solcher vor allem für die Gegneranalyse gefragt.Mittlerweile leitet er seine eigene Stabsstelle. An der WM im Sommer sind drei Analysten allein für das Schweizer Team zuständig. Zudem werden die Trainer der Nachwuchs-Nationalmannschaften in der Gegneranalyse eingesetzt. Das ist im Vergleich mit anderen Verbänden immer noch nicht üppig, aber dafür sind die Wege kurz, so, wie man das in der Schweiz gerne hat.Und seit Murat Yakin vor der EM 2024 zu Kevin Ehmes sagte, er wolle ihn auf der Bank haben, es bringe ihm nichts, wenn er irgendwo auf der Tribüne sitze, hat Ehmes auf der Bank seinen Platz. Er gehört zum engsten Kreis von Yakin, zusammen mit dem Assistenztrainer Davide Callà und dem Goalietrainer Patrick Foletti. Ein «Vertrauensbeweis» sei das, sagt der Analyst.Beim SFV verfolgt er heute mögliche Nationalspieler, wobei ein massgeschneiderter Algorithmus der ETH zum Einsatz kommt, der aufzeigt, ob die Spieler ihre Positionen so interpretieren, wie das dem Trainerteam vorschwebt. Ehmes analysiert die Spiele der Schweiz und zerlegt die Herangehensweise der Gegner.Wenn die Schweizer Fussballer trainieren, zeichnet Ehmes mit Drohnen die Einheit auf. Wenn die Nationalmannschaft auf dem Platz steht, schaut er genau hin. Für die Halbzeitansprache liefert er dem Nationaltrainer zwei, drei Beobachtungen und stellt passende Videoclips bereit.Das Wort «Datenguru» mag er gar nichtEinmal wurde Ehmes in einem Zeitungsartikel als «Datenguru» bezeichnet; es ist ein Begriff, den er nicht mag. Er arbeitet zwar viel mit Daten, aber es ist nicht so, dass er ihre Bedeutung überhöht; er betont, sie seien «kein heiliger Gral», sondern ein Hilfsmittel. Ehmes sagt, im Fussball gehe es permanent darum, Entscheidungen zu treffen, und die Daten könnten dabei helfen. «Ich verstehe mich als Übersetzer zwischen Theorie und Praxis», sagt er.Murat Yakin gilt als Bauchmensch und als Trainer, der sich gerne auf seinen Instinkt verlässt. Doch Ehmes beschreibt ihn als Coach, der sich im Umgang mit Daten «exzellent entwickelt» habe und «extrem offen» sei. «Yakin gibt viel Vertrauen ab und ist sehr empfänglich für Ideen», sagt Ehmes. Unter Yakins Vorgänger Vladimir Petkovic war sein Rat noch weniger gefragt.Wer im internationalen Fussball tätig ist, hat mit einem Paradoxon zu kämpfen. Es besteht darin, dass Nationaltrainer und Staff zwar viel mehr Zeit haben, um an Ideen herumzutüfteln, aber gleichzeitig viel weniger Zeit, diese mit den Fussballern auf dem Trainingsplatz einzuüben. Das hat zur Folge, dass viele Nationalteams keine grossen Experimente wagen. Die Sicherheit kommt zuerst. Kein Tor kassieren, hoffen, dass irgendwie eines gelingt.Die Schweiz steht an guten Tagen für etwas anderes, sie tritt dann taktisch innovativ auf. Überrascht den Gegner mit Schachzügen wie an der EM 2024, als Michael Aebischer vom linken Flügel ins Zentrum zog. Zuweilen, sagte ein Analystenkollege kürzlich zu Ehmes, erinnere ihn die Schweiz an eine Vereinsmannschaft. Es ist ein Kompliment, das ihn gefreut hat.Für die Schweizer Fussballer, die den Sprung in das 26-Mann-Kader geschafft haben, rückt die WM nun allmählich in den Fokus. Am kommenden Montag beginnt in St. Gallen das Vorbereitungs-Camp. Für Kevin Ehmes dreht sich schon lange alles nur um die WM. Ihn beschäftigt etwa die Frage, wer im Sechzehntelfinal der Schweizer Gegner sein könnte. 28 Teams kommen wegen des neuen Modus infrage – für einen Analysten ist das ein Albtraum.Aber auf seinem Laptop hat Ehmes schon 28 Ordner angelegt, für jeden möglichen Gegner einen.Passend zum Artikel