«Wir haben immer Notfallpläne»: Der neue SIX-Präsident spricht über das Szenario eines Kollapses des grössten Schweizer ZahlungsabwicklersAndré Helfenstein äussert sich in seinem ersten Interview zum Milliardenfiasko beim Worldline-Konzern, an dem die SIX noch immer beteiligt ist.23.05.2026, 21.45 Uhr7 LeseminutenAufräumer bei der Schweizer Börse: Der Ex-CS-Banker André Helfenstein muss das Verhältnis der SIX zu ihren Aktionären kitten.Dominic Nahr für NZZaSHerr Helfenstein, die USA erleben gerade den wohl grössten Börsengang der Geschichte. Elon Musk bringt SpaceX an die Märkte. In Europa kann man von solchen Mega-IPO nur träumen. Schmerzt Sie das als neuer Präsident der Schweizer Börse?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Börsengang von SpaceX muss in den USA erfolgen. Das sollte uns nicht schmerzen. Aber wir müssen aufpassen, dass das Narrativ vom abgehängten Europa nicht auf die Schweiz überschwappt. Diese Woche lieferte die SIX ein Gegenbeispiel. Mit DSM-Firmenich hat sich ein bedeutender Chemiekonzern in Zürich kotieren lassen.SpaceX strebt eine Bewertung von zwei Billionen Dollar an. Verlieren die Finanzmärkte jedes Mass?Wir sprechen tatsächlich über neue Grössenordnungen. Aber ich sehe diese nicht als Anzeichen für eine Finanzkrise. Man darf nicht vergessen: Firmen wie SpaceX oder Open AI haben komplett neue Geschäftsfelder erschlossen. Schon in den 1970er oder 1980er Jahren gab es Wachstumsbranchen, die als riesig galten. Aber im Vergleich mit heute wirken sie klein.Trotzdem mehren sich die Krisensignale. Die langfristigen Zinsen von Staatsanleihen sind so hoch wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Steuern wir auf eine Schuldenkrise zu?An den Anleihenmärkten sieht man tatsächlich Unruhezeichen. Aber deswegen eine Krise vorauszusagen, wäre reine Spekulation.Die steigenden Bondrenditen verheissen nichts Gutes für die boomenden Aktienmärkte.Ich persönlich hatte in der Vergangenheit den Eindruck, dass die Aktienbewertungen sehr hoch sind, und wurde bisher eines Besseren belehrt. Seit längerem ist viel günstiges Geld im Umlauf. Das führt zu Fehlallokationen.Sie kommen aus der Bankenwelt und waren viele Jahre bei der Credit Suisse, zuletzt als Chef der CS Schweiz. Wie haben Sie den Untergang der Bank erlebt?Ich möchte zunächst betonen: Das wichtigste Ziel wurde damals erreicht. Die CS hat am Montag nach dem Krisenwochenende im März 2023 funktioniert. Das war für den Schweizer Finanzplatz und die globalen Märkte enorm wichtig. Alles andere wäre ein Super-GAU gewesen. Für mich persönlich war es aber auch sehr traurig. Ich war siebzehn Jahre bei der CS und habe immer noch viele gute Kontakte aus dieser Zeit. Die CS Schweiz war eine sehr gute Einheit. Der Untergang war ein schwieriger Moment. Jeder ging anders damit um. Bei mir brauchte es Zeit, bis ich ihn verarbeitet hatte.Und heute, drei Jahre später?Ich schaue auf viel Gutes zurück. Die Credit Suisse hat mir viel ermöglicht. Heute richte ich den Blick nach vorne und freue mich über meine neuen Aufgaben.Bei der UBS gab es nach dem Untergang der CS Stimmen, die sagten, die CS Schweiz sei weniger erfolgreich gewesen als kolportiert. Hat Sie das getroffen?Das waren Einzelfälle. Wir müssen das grosse Ganze im Auge behalten: UBS und CS funktionieren heute als eine Grossbank. Die UBS hat die Integration, ein riesiges Unterfangen, sehr erfolgreich umgesetzt. Das ist wichtig für den Wirtschaftsstandort Schweiz und unseren Finanzplatz.Aber Sie sind in der neuen Grossbank nicht Chef der UBS Schweiz geworden. Haben Sie das SIX-Präsidium zum Trost erhalten?Nein, zum Trost würde ich einen Job nicht machen wollen. Ich habe mich nach meinem Weggang von der UBS entschieden, den exekutiven Weg zu verlassen und Verwaltungsratsmandate zu übernehmen. Ich freue mich sehr, dass ich als Verwaltungsratspräsident die Zukunft der SIX Group verantworten und gestalten darf.Bei der SIX hinterlassen Ihnen Ihre Vorgänger ein schwieriges Erbe. Wegen Fehlinvestitionen musste die Gruppe Milliardenbeträge abschreiben. Es sieht nach einem Schlamassel aus.So würde ich es nicht formulieren. Unser Kerngeschäft ist sehr solide. Die SIX ist kein Turnaround-Fall. Aber es gibt klarerweise Handlungsbedarf. Diesen haben wir erkannt und gehen ihn an. Erste Resultate bestätigen den eingeschlagenen Kurs. Das Geschäftsjahr 2026 ist sehr gut angelaufen.Die SIX hat 2018 ihr Kartengeschäft an Worldline verkauft und sich in Aktien bezahlen lassen. Doch aufgrund des Missmanagements bei Worldline musste die SIX über 1,5 Milliarden Franken an ihrer Beteiligung abschreiben. Diese Mittel fehlen nun für Akquisitionen.Die Abschreibungen waren schlecht. Das muss man nicht schönreden. Rückblickend hätte die SIX die Worldline-Aktien früher verkaufen können. Aber wir haben eine gute Ertragsbasis und eine starke Bilanz. Wir müssen unsere Investitionen nun stärker priorisieren. Die Mittel fehlen also nicht, sie sind knapper geworden.Sie betonen die Unabhängigkeit der SIX als nationale Börse. Viele andere nationale Börsen gehören mittlerweile zu multinationalen Konzernen. Wie lange kann sich die SIX der Konsolidierung entziehen?Es gehört zu unserem Mandat, die Unabhängigkeit der Finanzmarktinfrastruktur sicherzustellen. Wir sind schon heute gross genug, um dem Druck aus dem Ausland standzuhalten. Die Schweiz hat im Vergleich zu anderen Ländern ein überdurchschnittlich starkes Finanz- und Wirtschaftszentrum. Unser Heimmarkt ist das Fundament, um in der Schweiz, und gezielt in Europa, zu wachsen.Doch eine zweite Übernahme wie jene der spanischen Börse im Jahr 2020 werden Sie nicht mehr stemmen können. Wie erreichen Sie die kritische Grösse, um im europäischen Markt zu bestehen?Durch organisches Wachstum und gezielte, kleinere Akquisitionen. Nehmen Sie unser Finanzinformationsgeschäft. Hier haben wir wiederholt Übernahmen von kleineren Firmen getätigt, deren Angebot oder Expertise für unsere bestehende Kundschaft nützlich sind. Das wollen wir weiterführen.Die SIX betreibt eine der grössten Börsen Europas, ist selbst aber nicht kotiert. Sie gehört rund 120 Banken, wobei die UBS mit Abstand die grösste Aktionärin ist. Die Machtverhältnisse werden in einem geheimen Aktionärsbindungsvertrag geregelt. Ist diese Intransparenz noch zeitgemäss?Die SIX ist nicht intransparent. Wir veröffentlichen und kommentieren unsere Geschäftszahlen. Und wir pflegen mit unseren Aktionären, die zugleich unsere wichtigsten Kunden sind, einen aktiven Dialog.Aber im Vergleich zu einem kotierten Unternehmen weiss man wenig über die SIX.Das Modell der Eigentümerbanken hat sich in den letzten zwanzig Jahren bewährt. Es erlaubt uns, stabil zu arbeiten und uns nicht nur an Quartalszahlen zu orientieren. Es bildet eine gute Basis für eine eigenständige Finanzmarktinfrastruktur der Schweiz.Die Aktionäre waren aber unzufrieden mit der letzten SIX-Führung. Deshalb sind Sie im Januar mehrere Monate früher als geplant Präsident geworden.Es ist nachvollziehbar, wenn unsere Aktionäre bei hohen Abschreibungen wie im Fall von Worldline nicht zufrieden sind. Das ist noch nicht verdaut. Es ist eine meiner Prioritäten, das Verhältnis zu den Aktionären wieder in ruhigere Bahnen zu lenken.Wie?Ein Element ist der Aktionärsbindungsvertrag, der 2028 ausläuft. Wir wollen ihn in engem Austausch mit unseren Aktionären erneuern.Was will man in dem Vertrag erneuern?Wie bei anderen Unternehmen auch bleibt das im Kreis der Aktionäre. Der Vertrag ist ein gut durchdachtes Dokument, das dem ursprünglichen Zweck der SIX Rechnung trägt: der Bereitstellung einer unabhängigen Finanzmarktinfrastruktur für die Schweiz.Eine Börsenkotierung der Börsenbetreiberin SIX bleibt aber ausgeschlossen?Das ist kein Thema. Wir bleiben beim Eigentümermodell.Kritische Stimmen bezeichnen dieses als antiquiert.Im Gegenteil: Es hat Zukunft. In Zeiten geopolitischer Fragmentierung achten Länder aus gutem Grund wieder stärker darauf, ihre Infrastruktur zu kontrollieren. Sei es bei der Energieversorgung – oder beim Finanzmarkt.Die SIX hat mit der UBS einen besonders einflussreichen Grossaktionär. Wie ist das, wenn der wichtigste Anteilsinhaber auch der wichtigste Kunde ist?In der Finanzbranche erlebt man das oft. Einmal ist man Konkurrent, dann Partner, Kunde oder bei uns auch Aktionär. Für die SIX ist ein stabiles Aktionariat ein wichtiger Vorteil.Worldline bleibt trotz kleinerer Beteiligung ein Problem für die SIX. Wie gross sind die Überlebenschancen des Unternehmens?Die Kommunikation ist Sache von Worldline. Aus Sicht der SIX kann ich sagen: Das Schweizer Zahlungsgeschäft von Worldline hat immer funktioniert. Und das ist für die SIX und für die Kunden in der Schweiz entscheidend. Es geht um rund zwei Milliarden Transaktionen pro Jahr.Jede Zahlung in Migros und Coop läuft über Worldline-Terminals. Haben Sie Notfallszenarien für einen möglichen Ausfall der Firma?Wir haben immer Notfallpläne. Worldline ist aber nicht nur hierzulande tätig, sondern auch in anderen Ländern Europas. Das Thema betrifft also nicht nur die Schweiz.Gibt es ein paralleles Zahlungssystem, wenn Worldline ausfällt?Das kann ich nicht kommentieren.Ein Grund für die Probleme von Worldline waren auch problematische Kunden wie illegale Spielkasinos oder Erotikplattformen. Was erwarten Sie vom Unternehmen diesbezüglich?Als Aktionär will man solche Dinge weder sehen noch lesen. Deshalb gehe ich davon aus, dass Worldline in diesem Bereich auch aufräumen wird.Bei der spanischen Börse, die die SIX 2020 übernommen hat, müssen Sie selbst anpacken. Bis heute ist das Unternehmen nicht in die SIX integriert.Die SIX hat die Integration nach der Übernahme zu zögerlich angepackt. Das war ein Fehler. Wir treiben die Zusammenführung aller unserer IT-Plattformen jetzt aber mit aller Konsequenz voran.Legen Sie die Hand dafür ins Feuer, dass es dieses Mal gelingt?Das ist das Ziel. Mit einer Plattform hat man tiefere Stückkosten als mit drei verschiedenen Plattformen. Wenn Kunden auf einer Plattform handeln können, rechnen wir auch mit höheren Erträgen.Zur PersonDer erfahrene Banker ist seit Januar 2026 Präsident des Verwaltungsrates der SIX. Davor war er während siebzehn Jahren in verschiedenen Funktionen bei der Credit Suisse tätig, zuletzt von 2020 bis 2024 als CEO der Credit Suisse Schweiz. Vor seiner Zeit bei der CS war er unter anderem Partner bei der Boston Consulting Group. Helfenstein hat an der Universität St. Gallen Wirtschaft studiert. Neben seinem Amt bei der SIX sitzt er ebenfalls im Verwaltungsrat der Amag Leasing AG sowie der Gaydoul Group.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Der neue Präsident der Schweizer Börsenbetreiberin SIX räumt Fehler ein
André Helfenstein äussert sich in seinem ersten Interview zum Milliardenfiasko beim Worldline-Konzern, an dem die SIX noch immer beteiligt ist.








