Er verkörperte Langsamkeit, die vor allem eine Achtsamkeit war – achtsam auf die Gesundheit, auf die Schonung der Natur, auf Biodiversität und auf das menschliche Miteinander. Dass sich immer eine Lösung finden lasse, wenn man die Menschen um einen Speisetisch herum versammele, war seine Philosophie. Carlo Petrini, der Gründer der „Slow-Food“-Bewegung, ist im Alter von 76 Jahren am Donnerstababend gestorben. Er war ein Influencer im besten Sinne, ein wirkungsvoller Publizist und auch ein geschickter Organisator, denn die Slow-Food-Organisation ist heute in 160 Ländern aktiv.Es begann Ende der achtziger Jahre mit einem Manifest, das ein paar Freunde unterzeichneten - und mit dem genialen Namen „Slow Food“ als Gegenkonzept zur McDonald’s-Kultur und all den anderen Fast Food-Protagonisten. Doch der bis dahin vor allem als Publizist tätige Petrini war kein Hitzkopf wie etwa der französische Agrar-Aktivist José Bové, der einmal eine McDonald’s-Filiale verwüstete. Petrini wollte die Verbraucher von der Alternative besseren Essens und besserer Anbaumethoden mit konkreten Angeboten überzeugen.Pragmatisch wie er war, arbeitete er mit großen und kleinen, nationalen und internationalen Unternehmen zusammen, denn er wollte sich nicht in einer Nische isolieren. Wobei die einzelnen Slow Food-Länderorganisationen durchaus unterschiedlich vorgehen. Petrini war immer ein Gegner harter zentralistischer Regeln, er akzeptierte eine gewisse Anarchie in seiner Organisation, weil sie Kreativität freisetze. „Soll ich Bergbauern in den Anden etwa vorschreiben, wie sie ihre Kartoffeln anbauen sollen?“, fragt er rhetorisch einmal gegenüber der F.A.Z.Das Slow-Label mit der roten Schnecke ist bei Erzeugern heiß begehrt. Wer es beantragt, muss beweisen, dass er eine vom Aussterben bedrohte Ware oder Tradition bewahren will und auf chemische Zusätze, Massentierhaltung und Gentechnik verzichtet. Darüber hinaus veranstaltet Slow Food Lebensmittelmessen, Kongresse und Konferenzen rund um die Erde. Auf einer von Petrini gegründeten Gastronomie-Universität in Pollenzo nahe seines Geburtsortes Bra südlich von Turin, erwerben die Absolventen branchenweit angesehene Diplome.Der Vater der Bewegung hatte sich in den vergangenen Jahren stärker aus der Organisation zurückgezogen. 2022 ernannte er den jungen ugandischen Landwirt und Agronom Edward Mukiibi zu seinem Nachfolger: Weniger europäische Nabelschau, Öffnung gegenüber den Entwicklungsländern und Dezentralisierung waren seine nicht risikolose Vorstellung. Nur wenige Führungspersönlichkeiten sind in der Lage, ihre Nachfolge derart vorzubereiten. Manche haben es bedauert, dass Slow Food sich von einem italienischen Gastronomie-Klub zu einem globalen, auch politischen Akteur gewandelt hat. Doch Petrini wollte immer auch etwas bewegen, das ist ihm mit Beharrlichkeit – „slow“ eben - gelungen.