Wer anderen Menschen wichtig ist, hat den Sinn des Lebens gefunden, sagt Michael Zichy – und besteht darauf, dass die Frage nach dem Lebenssinn auch eine politische Dimension hatWie lässt sich ein sinnerfülltes Leben führen? Der Philosoph Michael Zichy gibt eine paradox klingende Antwort: Man solle sich selbst nicht so wichtig nehmen, aber für andere da sein.Wolfgang Hellmich22.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIst die Frage, was ein sinnvolles Leben ausmacht, nur privat? Oder hat sie auch gesellschaftliche Bedeutung?Manuel Geisser / ImagoLaut einer verbreiteten Auffassung lässt sich die Frage nach dem Lebenssinn nur subjektiv beantworten, weil es keine allgemein anerkannten Massstäbe dafür gibt, was ein mit Sinn erfülltes Leben ausmacht. Deshalb, so schliesst der Philosoph Michael Zichy, werde auch keine öffentliche Debatte darüber geführt. Vielmehr sei die Sinnfrage in den privaten Raum abgewandert, wo sich jeder selbst erschliessen müsse, was für ihn sinnvoll sei.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Privatisierung der Sinnfrage ist einem liberalen Ethik- und Politikverständnis geschuldet, das keine verbindlichen Vorschriften machen will. Dieses stellt Zichy in seinem Buch nicht infrage, macht jedoch auf die seiner Ansicht nach dramatischen Folgen aufmerksam. Weil über Lebenssinn keine öffentliche Diskussion geführt werde, könne sich kein intellektuelles Instrumentarium entwickeln.Es fehle am Vokabular, um sich verbindlich über Sinnfragen zu verständigen, hält Tichy fest: Es herrsche Sprachlosigkeit. Die Menschen begnügten sich damit, was ihnen in populären Ratgebern an Sinnangeboten «vorgesetzt» werde. Und angesichts einer verwirrenden Vielzahl konkurrierender Angebote verlören sie den Überblick.Was anderen zugutekommtSensibel führt Zichy zum Thema hin, stellt den politischen Kontext der Sinnfrage und damit ihre übergeordnete Relevanz heraus. Das Buch ist ein Beispiel dafür, wie Philosophie sich gewinnbringend zu einem lebensnahen Thema äussern kann. Bevor er seine eigene Theorie entwickelt, beschäftigt sich Zichy mit den verschiedenen kursierenden Sinntheorien.Die metaphysisch-kosmische Antwort auf die Sinnfrage, die die Religionen geben, kann seiner Ansicht nach einen wichtigen Beitrag zu einem sinnerfüllten Leben leisten. Aber sie allein könne dieses Leben nicht garantieren, sagt er. Verzicht auf Sinn, wie der Nihilismus ihn propagiert, hält er ebenso wenig für eine Lösung wie den Hedonismus, der dafür plädiert, sich allein dem Vergnügen zu überlassen. Am meisten kann er noch einer Position abgewinnen, gemäss dieser sich Sinn ergibt aus dem Streben nach einem «objektiv Wertvollen», nach dem «Guten, Wahren und Schönen», was immer dies sei. Letztlich verwirft Zichy aber auch diesen Ansatz; er habe «elitistische» Konsequenzen.Seine eigene Theorie bezeichnet er als «Teilhabetheorie des Lebenssinns». Das ist keine gelungene Bezeichnung und inhaltlich unscharf. Aber das Konzept ist überzeugend: «Der Sinn des Lebens besteht darin, andere in positiver Weise am eigenen Leben teilhaben zu lassen», schreibt Zichy. Sinn entstehe, wenn wir anderen «wichtig» seien. Wenn wir etwas tun, was für andere von Bedeutung ist, bekommt das, was wir tun, auch für uns eine Bedeutung, die es objektiv rechtfertigt.«Wichtig» ist für Zichy gleichbedeutend mit «wertvoll». Es ist wertvoll, etwas zu tun, was anderen zugutekommt. Einen Familienangehörigen pflegen. Einem kranken Nachbarn die Gartenarbeit abnehmen. Auch ein Buch zu schreiben könne sinnstiftend sein, meint Zichy. Voraussetzung sei allerdings, dass es anderen Erkenntnis und Freude bereite. Anführen lässt sich zudem das ehrenamtliche Engagement, das nicht nur dem allgemeinen Wohl, sondern auch dem eigenen Lebenssinn dienen kann.Ein kräftiges FrühstückZichys versteht Sinn als interaktives Konzept. Seine Theorie ist eine «Sozialtheorie», die deutlich gegen einen ausgeprägten Individualismus Stellung bezieht. Ein sinnvolles Leben lasse sich erreichen, wenn man von anderen wertgeschätzt werde und zugleich genügend Raum finde, individuellen Bedürfnissen nachzugehen. Ein von gegenseitiger Anerkennung und gegenseitigem Wohlwollen geprägtes Umfeld sei elementar für ein sinnvolles Leben.Zichy versteht seine «Teilhabetheorie» als relative Theorie. Sie will Kriterien aufstellen, keine Vorschriften machen. Zum Schluss des Buches erweitert er den eigenen Ansatz pragmatisch um Elemente aus dem Objektivismus und dem kosmisch-metaphysischen Bereich. Sich an übergeordneten Werten zu orientieren, könne sinnsteigernd sein, hält er fest – auch wenn diese Werte objektiv nicht beweisbar seien. Der Glaube könne dem Einzelnen zusätzlichen «Sinnhalt» geben. Das Gefühl, für andere unersetzlich zu sein und über besondere Fähigkeiten zu verfügen, könne das Sinnpotenzial erhöhen.Am Anfang seines Buches zitiert Zichy den amerikanischen Philosophen Thomas Nagel: Komme einmal die Sinnfrage auf, hat Nagel einmal geschrieben, solle man ihr mit einem «kräftigen Frühstück» begegnen. Ganz falsch ist das vielleicht nicht. Nach dem Frühstück könnte man dann das Buch von Zichy lesen.Michael Zichy: Anderen wichtig sein. Eine Philosophie des Lebenssinns, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2025. 347 S., Fr. 35.90.
Worin liegt der Sinn des Lebens: anderen Menschen wichtig sein, sagt der Philosoph Michael Zichy
Wie lässt sich ein sinnerfülltes Leben führen? Der Philosoph Michael Zichy gibt eine paradox klingende Antwort: Man solle sich selbst nicht so wichtig nehmen, aber für andere da sein.







