Wer einen Sinn im Leben sieht, ist glücklicher, gesünder, lebt länger. Wie man dem eigenen Leben Richtung gibtIst Ihr Leben stimmig und erfüllt? Stecken Sie in einer Krise? Oder ist Ihnen die Sinnfrage egal? Die Sinnforscherin Tatjana Schnell hat einen Test entwickelt, mit dem man den eigenen Sinntyp ermittelt. Sie und andere Fachleute haben zudem Tipps für ein sinnerfülltes Leben.15.01.2026, 08.23 Uhr7 LeseminutenDen eigenen Weg finden: Wer sinnerfüllt ist, dessen Dasein hat eine Ausrichtung.Roberto Moiola / Moment RF / GettyTag für Tag schält man sich aus dem Bett. Schmiert den Kindern die Butterbrote. Fährt zur Arbeit. Tut dort acht Stunden lang Dinge, die auch jemand anderes erledigen könnte. Joggen sollte man am besten auch noch. Salat essen. Bloss keine Fertigpizza. Früh genug ins Bett gehen. Am nächsten Tag muss man ja wieder früh aufstehen. Um den Kindern die Butterbrote zu schmieren. Endlosschleife, bis zur Rente. Irgendwann kommt der Tod. Wozu das alles?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Den Sinn des Lebens gibt es nicht.Trotzdem gibt es viele Menschen, die ihrem Dasein eine Ausrichtung geben, ihm einen Sinn verleihen. Das lohnt sich. Die Forschung hat herausgefunden: Wer sinnerfüllt ist, der lebt länger, ist glücklicher, gesünder. Kein Wunder also, dass dieses Thema enorm viele Menschen beschäftigt. Im «Harvard Business Review» wurde ausgewertet, wofür die Menschen im Jahr 2025 Sprach-KI wie Chat-GPT nutzten. Auf Platz drei lag die Sinnsuche.Tatjana Schnell blickt erstaunt in die Kamera, als sie das hört. Sie wusste bereits, dass sich viele Menschen psychologischen Rat von künstlicher Intelligenz holen. Aber dass gerade ihr Forschungsthema für derart viel Gesprächsstoff zwischen Mensch und Maschine sorgt, war ihr neu. Tatjana Schnell beschäftigt sich seit mehr als zwanzig Jahren mit der Sinnsuche der Menschen. Sie ist Professorin für existenzielle Psychologie an der MF Specialized University in Oslo und Mitautorin des Buchs «Sinn finden».Sinnforscherin Tatjana Schnell.PDEin sinnerfülltes Leben ist keine Selbstverständlichkeit. Tatjana Schnell hat herausgearbeitet, dass es vier Sinntypen gibt. Sie beschreiben, wie Menschen Sinn in ihrer gegenwärtigen Situation erleben.Die vier SinntypenEs gibt Menschen, die keinen Sinn in ihrem Leben sehen und darunter leiden. Sie befinden sich in einer schmerzhaften Sinnkrise. Andere stecken in einem Konflikt: Sie erkennen zwar einen Sinn in ihrem Leben, aber nicht sehr ausgeprägt. Ihnen fehlt etwas. Ein seltener Typ, auf dem schmalen Grat zwischen Erfüllung und Krise.Wiederum anderen ist die Sinnfrage egal. Das sind die Indifferenten, die keinen Sinn sehen, die das aber auch nicht besonders stört. Jedenfalls solange nichts sie ins Wanken bringt. Krankheit, Verlust von Angehörigen und andere Ausnahmesituationen können sie früher oder später allerdings derart erschüttern, dass einige in die Sinnkrise rutschen. Dass es die Indifferenten überhaupt gibt, war lange Zeit unbekannt. Es galt die Annahme: Wer keinen Sinn sieht, befindet sich automatisch in der Krise.Und dann gibt es die Sinnerfüllten, das ist die Mehrheit der Menschen: Gemäss den aktuellsten Daten von Tatjana Schnell sind es 68 Prozent der Befragten. Ihr Leben betrachten sie als stimmig, sie handeln ihren Überzeugungen entsprechend. Sie erleben: Was sie tun, ist bedeutsam und relevant. Ihr innerer Kompass hilft ihnen dabei, ihre Ziele zu verfolgen. Und sie fühlen sich zugehörig. Sie haben das Gefühl, einen Platz im grossen Ganzen zu haben. Tatjana Schnell nennt das eine existenzielle Erfahrung. Im Gegensatz dazu gibt es die existenzielle Isolation, die der Psychoanalytiker und Vertreter der existenziellen Psychotherapie Irvin Yalom von der Universität Stanford bereits 1980 beschrieben hat. Er versteht darunter die isolierende Erfahrung, auch bei grosser Nähe zu anderen allein mit dem eigenen Leben zu sein.Tatjana Schnell hat im Jahr 2009 als Pionierin der empirischen Sinnforschung einen Fragebogen veröffentlicht, mit dem sie den Sinntyp der Befragten ermittelt und herausfindet, aus welchen Quellen die Menschen ihren Sinn schöpfen. 151 Fragen müssen die Personen beantworten, mehr als zwanzig Minuten dauert das. Der Fragebogen ist wissenschaftlich erprobt und wird angewendet in über zwanzig Sprachen. Zugleich ist er lang, komplex, unpraktisch.Jahre später hat sie noch einmal daran getüftelt und herausgefunden: Es geht auch kürzer. Die Sinntypen kann sie mithilfe von nur acht Fragen ermitteln. Das Ergebnis deckt sich mit dem des längeren Fragebogens. Das hat sie überprüft und in einer Studie publiziert.Diesen Kurztest zu den Sinntypen können Sie hier durchführen und herausfinden: Sind Sie sinnerfüllt? Befinden Sie sich in einem Konflikt? Sind Sie dem Sinnerleben gegenüber indifferent? Oder stecken Sie in einer Sinnkrise?Als nächsten Schritt lohnt es sich, den Blick auf mögliche Sinnquellen für das eigene Leben zu richten. Woraus schöpft man bereits Sinn, und welche Bereiche könnte man stärken, um erfüllter zu leben?Familie, Freunde, Arbeit – das sind keine SinnquellenEs ist schwierig herauszufinden, was für uns Menschen als Sinnquelle überhaupt infrage kommt. In vielen älteren Studien wurden die Personen direkt gefragt: Was erfüllt Ihr Leben mit Sinn? Antworten waren zum Beispiel: Die Familie. Meine Freunde. Die Arbeit.Aber was heisst das? Für die einen bedeutet Familie das Ausleben gemeinsamer Traditionen. Für andere ist sie ein Garant für Spass. Wieder andere erleben dort ganz einfach Gemeinschaft. Für manche ist die Arbeit eine optimale Gelegenheit, ständig über sich hinauszuwachsen und Neues zu lernen. Andere nutzen sie, um sich für die Natur einzusetzen. «Die Begriffe Arbeit, Familie oder Freunde sind zu oberflächlich. Sie verraten noch nichts über die persönliche Bedeutung, für die sie stehen», sagt Tatjana Schnell. Den meisten Menschen fällt es schwer, zu benennen, worin sich ihre Erfüllung tatsächlich begründet.Sinn ist abstrakt. Er lässt sich schwer fassen. Im Gegensatz zum Glück ist er mit keinem spezifischen Gefühl verbunden. «Sinn liegt unterhalb der Wahrnehmungsschwelle», so sagt es Tatjana Schnell. Wir spüren ihn erst, sobald er weg ist und wir ihn missen. Dann fühlt sich das besonders schmerzhaft an. Das Fundament des Lebens scheint weggebrochen.Um die wahren Sinnquellen zu ermitteln, eignet sich die Leitertechnik. Sie ist die Weiterentwicklung einer Methode von Dmitri Leontjew, Professor für positive Psychologie an der HSE-Universität in Moskau. Bei der Leitertechnik geht man von einer Ausgangsfrage immer weiter in die Tiefe. Solch eine Frage kann zum Beispiel lauten: «Was ist für Sie ein guter Mensch?» Oder: «Was ist Ihr Lebensmotto?» Oder: «Wie sieht ein idealer Tag für Sie aus?» Jede Antwort, die gegeben wird, wird weiter hinterfragt: «Warum?» Bis es keine weitere zugrunde liegende Bedeutung mehr gibt.Worin die Menschen Sinn findenTatjana Schnell hat mit dieser Methode 26 Sinnquellen definiert – und sie mit verschiedenen anderen Methoden abgesichert. Sie gliedern sich in fünf Sinndimensionen.Wer mehr Sinn in seinem Leben finden möchte, kann sich hier inspirieren lassen. Wer bereits sinnerfüllt ist, kann reflektieren: Woraus ziehe ich meinen Sinn, und gibt es Bereiche, die ich noch stärken könnte?Der stärkste Sinnstifter ist laut Tatjana Schnells Forschung die Generativität: Der Mensch will dabei etwas von bleibendem Wert schaffen, einen Beitrag für die Gesellschaft, womöglich sogar für die nachfolgenden Generationen leisten. Damit bestätigt ihre Forschung, was Viktor Frankl einst sagte. Der Mensch werde erst dann ganz Mensch, «wo er sich selbst übersieht und vergisst». Frankl, Jahrgang 1905, überlebte verschiedene Konzentrationslager, darunter Auschwitz. Später rückte er als Neurologe und Psychiater das Thema Sinnerfüllung ins Zentrum seiner therapeutischen Arbeit.Sich selbst übersehen und vergessen: Das deckt sich mit einem Tipp von Frank Martela, Sinn- und Glücksforscher aus Finnland. Der Assistenzprofessor für Philosophie an der Aalto-Universität in Helsinki und Dozent für Psychologie an der Universität von Tampere hat vor wenigen Monaten einen Ratgeber veröffentlicht. Das Buch trägt den Titel «Das Happiness-Paradox». Es handelt davon, dass man erst Sinn finden muss, wenn man glücklich werden will. Worauf er besonders viel Wert legt: «Konzentrieren Sie sich nicht auf sich selbst, sondern auf etwas Grösseres als Sie selbst.» Das könne die Familie sein, ein Engagement in einem Verein, einer Organisation.Doch bevor man nun all seine Energie auf altruistische Taten verwendet: In ihrer Forschung hat Tatjana Schnell herausgefunden, dass ein langfristig sinnerfüllter Mensch mehrere Sinnquellen hat, die aus mindestens drei Sinndimensionen stammen sollten. So entstehe eine gute Lebensbalance. Und man sei breit genug aufgestellt, um das plötzliche Wegbrechen einer Sinnquelle zu verkraften.Ein sinnerfülltes Leben kann anstrengend seinWas sie – genau wie viele andere Sinnforscher – aber auch herausgefunden hat: Ein sinnerfülltes Leben kann anstrengend sein. Wer einen Beitrag für die Gesellschaft leisten will, wird dabei womöglich immer wieder ausgebremst. Wer die Natur schützen möchte, fühlt sich dabei auch einmal frustriert. Lohnt sich die Mühe wirklich?Tatjana Schnell bestätigt, was Martela schreibt: «Wer aktiv Sinn sucht, der kann ihn finden und ausserdem langfristig glücklicher werden.» Genau wie Martela macht sie darauf aufmerksam, dass letztlich unglücklich werde, wer nur schnellen Glücksgefühlen hinterherjage. Das Glück – so schön es sich anfühlt – ist ein Strohfeuer. Es erlischt schnell. Sinn hingegen ist ein ständiger Motivator. Er ist die nötige Basis, auf der Zufriedenheit glühen kann und auf deren Boden regelmässig ein Glücks-Strohfeuer brennen kann.Sinn treibt uns jeden Morgen aus dem Bett, weil wir Ziele haben. Er lässt die einen die Brote ihrer Kinder schmieren. Begleitet andere zur Arbeit. Er motiviert manche zum Joggen. Oder zum Salatessen und Ausreichend-Schlafen. Er überzeugt uns, dass es sich lohnt, jeden Morgen aufzustehen. Weil das Leben lebenswert ist. Selbst wenn es auch einmal zermürbend und anstrengend ist.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Bin ich sinnerfüllt oder in der Krise? Machen Sie den Test
Ist Ihr Leben stimmig und erfüllt? Stecken Sie in einer Krise? Oder ist Ihnen die Sinnfrage egal? Die Sinnforscherin Tatjana Schnell hat einen Test entwickelt, mit dem man den eigenen Sinntyp ermittelt. Sie und andere Sinnforscher haben Tipps für ein sinnerfülltes Leben.






