Marsaleks «Wiener Zelle»: Russland-Spion in Österreichs Verfassungsschutz zu langer Haftstrafe verurteiltJahrelang hatte der Polizist Egisto Ott heikle Daten über Kreml-Kritiker via Jan Marsalek an den russischen Geheimdienst geliefert. Den abenteuerlichen Erklärungen für sein Handeln glaubte das Geschworenengericht nicht.20.05.2026, 20.18 Uhr3 LeseminutenEgisto Ott wurde am Mittwoch nicht rechtskräftig wegen Spionage verurteilt.Leonhard Foeger / ReutersDer grösste Spionageprozess der letzten Jahrzehnte in Österreich hat am Mittwoch mit klaren Schuldsprüchen geendet. Der Polizeibeamte und ehemalige Verfassungsschützer Egisto Ott wurde in Wien wegen Amtsmissbrauchs und Spionage («Geheimer Nachrichtendienst zum Nachteil Österreichs») zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt. Nach dreizehn Verhandlungstagen fällten die acht Geschworenen ihren Entscheid in Bezug auf die beiden Delikte einstimmig.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Anklage warf Ott vor, jahrelang für den russischen Geheimdienst FSB spioniert zu haben. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Vorgesetzten Martin Weiss bildete er nach Ansicht der Justiz die «Wiener Zelle» im Agentenring von Jan Marsalek, dem einstigen Spitzenmanager des untergegangenen Finanzkonzerns Wirecard. Der aus Österreich stammende Milliardenbetrüger wurde laut Recherchen schon vor gut zehn Jahren vom Kreml als Spion angeheuert und lebt mittlerweile unter neuer Identität in Russland. Weiss verhalf ihm 2020 zur Flucht und setzte sich dann selbst nach Dubai ab.Informationen über Kreml-Feinde landeten in MoskauIm Zentrum des Prozesses gegen den 63-jährigen Ott standen zwei Handlungsstränge. Zum einen bespitzelte er ab 2017 Personen im Visier des Putin-Regimes, etwa einen abtrünnigen früheren Offizier des FSB. Ott machte Abfragen bei diversen polizeilichen Datenbanken, nutzte dafür allgemeine Aktenzeichen ohne Zusammenhang und spannte auch internationale Kollegen ein. Alle diese Abfragen erfolgten laut dem Gericht ohne dienstlichen Bezug.Vielmehr gab den Auftrag hierzu Martin Weiss, wie dieser selbst vor einigen Jahren in einer schriftlichen Erklärung gegenüber den deutschen Behörden mitteilte. Er habe Anfragen Marsaleks zu konkreten Personen an Ott weitergeleitet und diesen für die Informationen bezahlt. Die Anklage stützte sich für ihre Beweisführung weiter auf von britischen Ermittlern sichergestellte Chats zwischen Marsalek und in London lebenden Agenten seines Rings.Darin tauchte etwa die frühere Wiener Adresse des kremlkritischen Investigativjournalisten Christo Grosew auf. Ott bestreitet nicht, diese Daten bei einem Kärntner Meldeamt beschafft zu haben. Er habe im Zusammenhang mit dessen journalistischer Arbeit mit Grosew in Kontakt treten wollen, erklärte er vor Gericht. Warum die Adresse später in Marsaleks Chats auftauchte, konnte Ott aber nicht erklären. 2022 wurde in Grosews Wohnung eingebrochen, ein Laptop und Datenträger wurden gestohlen. Der Journalist verliess Österreich danach aus Sicherheitsgründen.Der zweite Handlungsstrang betrifft die Diensthandys dreier hochrangiger Beamter des österreichischen Innenministeriums, die 2017 bei einem feuchtfröhlichen Teambuilding-Anlass mit Kanufahrt auf der Donau ins Wasser fielen. Der mitangeklagte Datenforensiker des Verfassungsschutzes (damals BVT) sollte die Geräte retten, was vorgeblich nicht gelang. Später landeten die Smartphones bei Ott, der sie ohne Absender in seinem Briefkasten gefunden haben will. Er zerstörte sie mit Salzsäure, wie er vor Gericht angab. Laut den von den britischen Behörden sichergestellten Chats wurden die Geräte jedoch in der Wohnung von Otts Schwiegersohn einem von Marsaleks Agenten übergeben – gegen Bezahlung von 50 000 Euro.Die hochgeheime «Operation Doktor»Ott bestritt dies vehement. Warum von drei Handys in den Chats die Rede ist, konnte er indes nicht erklären. In einem ausführlichen Interview, das er kürzlich im Investigativ-Podcast «Die Dunkelkammer» gab, sagte er dazu: «Das ist eine grosse Frage. Die beschäftigt mich auch.» Zu den Personenabfragen sagte er im Prozess, diese seien im Auftrag eines befreundeten Nachrichtendienstes erfolgt, den er nicht nennen dürfe. Mit dieser hochgeheimen «Operation Doktor» habe ihn sein direkter Vorgesetzter betraut. Dieser wies die Behauptung in seiner Zeugenaussage jedoch zurück. «Des is a Bledsinn», erklärte er in seiner Befragung im Februar.Ott erläuterte seine Darstellung während des Prozesses stets selbstbewusst und detailreich. Argumentativ hatte sie aber entscheidende Lücken. So konnte er die Beweise der Staatsanwaltschaft für die Geschworenen offenbar nicht entkräften. Ott meldete unmittelbar nach der Verkündung des Urteils Berufung an. Dennoch hat dieses Signalwirkung. Der Spion, der mit seinen Taten Leben gefährdete, konnte wegen des strengen Beamtendienstrechts in Österreich nach wie vor nicht entlassen werden und bezieht monatlich 2700 Euro Gehalt. Im vergangenen Sommer trat er bei der Premiere des Films über seinen eigenen Fall auf dem roten Teppich auf. Nun macht die Justiz mit der hohen Strafe jedoch klar, dass es sich nicht um Kavaliersdelikte handelte.Passend zum Artikel