An diesem Mittwoch wird Egisto Ott noch die Gelegenheit bekommen, seine letzten Worte als Angeklagter zu sprechen. Dann ziehen sich die Geschworenen am Landesgericht Wien zur Beratung zurück. Schon am Nachmittag könnte das Urteil fallen. Die Beweislage sei „erdrückend“, fasste es der Staatsanwalt am Montag in seinem Schlussvortrag zusammen. Ott droht eine lange Haftstrafe, unter anderem wegen der Unterstützung eines „geheimen Nachrichtendienstes zum Nachteil Österreichs“.Mit dem Prozess gegen Egisto Ott findet ein Kapitel der österreichischen Geheimdienstgeschichte ein erstes Ende, das man in den Sicherheitsbehörden wohl so rasch wie möglich schließen will. Denn der suspendierte Chefinspektor war nicht nur in diverse Skandale und Skandälchen am früheren Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) verstrickt, die den Ruf des Hauses in Nachrichtendienstkreisen schwer beschädigten.Selbst Sicherheitstechnik wie spezielle Laptops und die alten Handys von mehreren ranghohen Mitarbeitern des österreichischen Innenministeriums sollen über Ott den Weg zu einem russischen Agentennetz gefunden haben. Die Telefone waren 2017 bei einer gemeinsamen Kanufahrt ins Wasser gefallen und hätten von Otts mitangeklagtem Kollegen Anton H. eigentlich gesichert werden sollen.Schon seit 2017 Hinweise gegen OttViele Vorwürfe gegen Ott sind alles andere als neu. Schon 2017 gab es Hinweise von amerikanischen Diensten, dass über Otts privaten E-Mail-Account dienstliche Informationen in Richtung Russland geflossen seien. Damals wurde der Chefinspektor jedoch nur an eine Sicherheitsakademie versetzt, von wo aus er weiter seine Zugänge nutzte.Später kamen neue Indizien hinzu, aus denen sich ergab, dass Ott auf verschiedenen Wegen Informationen zu Personen gesammelt hatte, an denen der russische Geheimdienst ein Interesse hatte – unter ihnen ein übergelaufener Spion und der bekannte Investigativjournalist Christo Grozev, in dessen Wohnung kurz darauf eingebrochen wurde, woraufhin Grozev Österreich verließ. Ott wurde 2024 bereits festgenommen, kam jedoch bald auf freien Fuß und nahm seine „Recherchen“ trotz Suspendierung wieder auf.Die ganze Dimension des Falles wurde erst sichtbar, als britische Ermittler an einen riesigen Datensatz mit Chatnachrichten gelangten, in denen der frühere Wirecard-Manager Jan Marsalek eine Gruppe bulgarischer Helfer koordinierte, die für den russischen Auslandsnachrichtendienst FSB in Europa tätig waren. Der Österreicher Marsalek hatte sich nach seiner Firmenpleite mit dem Finanzkonzern Wirecard von Wien aus nach Russland abgesetzt, von wo aus er auf verschiedenen Ebenen für den FSB tätig wurde. Aus den Chats ergab sich, dass diverse Aktionen, die man Ott zur Last legte, offenbar von Marsalek in Auftrag gegeben und koordiniert worden waren, bis hin zu einer Wiener Adresse der Familie, wo die Übergaben stattfanden und Marsaleks Männer den vereinbarten Lohn in Papiertüten überreichten.Dass Ott Marsalek selbst kannte, ist nicht belegt. Doch es gibt eine klare Verbindung zwischen beiden: Otts früheren Vorgesetzten Martin Weiss, der im damaligen BVT Abteilungsleiter war, bis er sich erst für lange Zeit krankschreiben ließ, dann direkt bei Wirecard anheuerte und später Marsaleks überstürzte Flucht organisierte. Ott und Weiss sollen einst eng verbunden gewesen sein, doch Letzterer hat sich inzwischen nach Dubai abgesetzt.Die ominöse Operation „Doktor“Ott hat sich hingegen eine durchaus kreative Verteidigungsstrategie überlegt. Die dienstlichen Abfragen stellt er nicht in Zweifel, sie sind schließlich hinreichend belegt. Allerdings habe er sie im Rahmen eines offiziellen Auftrags getätigt, der sogenannten Operation „Doktor“, die so geheim gewesen sei, dass selbst innerhalb des Amtes kaum jemand von ihr gewusst habe.Wo Ott seine Inspiration hernahm, legte er selbst bereitwillig offen. Tatsächlich hatten österreichische Geheimdienstler vor einigen Jahren in einer hochgeheimen Kooperation mit dem israelischen Mossad einen syrischen General als Asylbewerber nach Österreich gebracht, um Informationen von ihm zu gewinnen: der sogenannten Operation „White Milk“, in die seinerzeit auch Martin Weiss involviert war und von der nur wenige Eingeweihte in Österreich wussten.Doch die Zeugen in dem Prozess nahmen Otts Version Stück für Stück auseinander. „Eine streng geheime Operation, das klingt so glamourös“, sagte etwa ein früherer ranghoher BVT-Mann. „Auch White Milk war minutiös dokumentiert“, berichtete er. Alles werde mit Aktenzeichen versehen, das sei in den Erlässen vorgegeben. „Ich ringe um eine angemessene Bemerkung“, kommentierte der Mann Otts Behauptung, er habe keine Spuren hinterlassen dürfen, und griff schließlich zum Dialekt: „Des is a Bledsinn.“Als einzigen Beleg für die Existenz der Operation „Doktor“ legte Otts Verteidigerin eine eidesstattliche Versicherung vor, die ausgerechnet von jenem nach Dubai geflüchteten Martin Weiss stammte.Frust, fehlende Anerkennung und Geldnot als Motiv?Auch die weiteren Aussagen lassen auf keinen allzu großen Glamourfaktor der Geheimdienstarbeit schließen. Bei Otts Abfragen war durch elektronische Zuordnungsnummern nachvollziehbar, dass er Informationen zum Abgleich aus russischen Systemen erhalten hatte. Immer wieder hatte er alte Bekannte in anderen Dienststellen oder auch im Ausland angeschrieben, um Informationen jenseits des Dienstweges zu erhalten, war damit aber selten weitergekommen.Ott habe, so die Staatsanwaltschaft, auch aus Frust über seinen Job mit der illegalen Nebentätigkeit angefangen. Viele Jahre war Ott als Verbindungsbeamter in der Türkei und in Italien eingesetzt, musste dann aber gegen seinen Willen zurück nach Wien, was nicht nur sein Ego gekränkt habe. Durch den Wegfall der üppigen Auslandszulagen sei er zudem in Geldnot geraten. „Menschen wie Ott sind extrem anfällig für die Anwerbung durch russische Nachrichtendienste“, sagte der Staatsanwalt schon am ersten Prozesstag.Bei Ott hatte der Frust auch eine politische Komponente. Er fühlte sich von den politischen Seilschaften innerhalb der Behörde ausgebootet, was wiederum zu einer weiteren Affäre führt, die mit seinem Namen in Zusammenhang steht: Die Durchsuchung der Räume des BVT 2018 durch Beamte des damaligen Innenministers Herbert Kickl, der mit seiner rechten FPÖ heute alle Umfragen in Österreich anführt.Hintergrund der später für illegal erklärten Durchsuchung war ein Dossier mit zahlreichen Vorwürfen über Unregelmäßigkeiten und politische Einflussnahme innerhalb des damaligen BVT, das im Zuge der Affäre später aufgelöst und als Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) neu gegründet wurde.Vielfach wurden Ott und Weiss hinter dem „Konvolut“ vermutet, was Ott selbst nie ausdrücklich zugab, mittelbar aber schon. Er sei „fest davon überzeugt“, dass man nur gegen ihn ermittelt habe, weil er zu tiefe Einblicke in das „System Österreich“ erhalten habe, wie man in einer Behörde etwas werde und mit wem man sich gut zu stellen habe, meinte Ott am letzten Prozesstag. Vielleicht habe er zu viele Fragen gestellt und zu viel gewusst.Um Geheimdienstskandalen künftig etwas mehr entgegenzusetzen, will die Regierung nun auch die Spionagegesetze verschärfen. Denn auf Wiens Ruf als Hauptstadt der Agenten würde man in Österreich gern wieder verzichten.
Jan Marsalek und Egisto Ott: Spionageskandal in Österreich
Egisto Ott soll für das russische Spionagenetz von Jan Marsalek gearbeitet haben. Doch was wusste er wirklich? Am Mittwoch könnte das Urteil gegen den Österreicher fallen.









