Es war ein hartes Urteil für den Bundeskanzler und CDU-Parteivorsitzenden, der seit 54 Jahren Mitglied seiner Partei ist. „Friedrich Merz hat mehr Rückhalt bei uns, als bei seinen eigenen Leuten“, sagte ein SPD-Bundestagsabgeordneter nach der Fraktionssitzung am Dienstagnachmittag, an der Merz teilnahm. Auch andere Sozialdemokraten sahen den Kanzlerauftritt positiv. Konstruktiv, reflektiert, verantwortungsvoll und kompromissbereit soll er Teilnehmenden zufolge gewesen sein. Es klingt fast, als könnte sich Friedrich Merz nach über einem halben Jahrhundert CDU-Mitgliedschaft ein neues Parteibuch besorgen, und zwar ein rotes. Eigentlich war der Besuch des Bundeskanzlers bei der SPD-Fraktion schon vor zwei Wochen angedacht, anlässlich der Vollendung des ersten gemeinsamen Regierungsjahres. Doch da wurde in der Union der Fraktionsvorstand neu gewählt, der Kanzler dufte also nicht fehlen. Seitdem ist auch in Berlin wieder einiges passiert. Als Merz vergangene Woche beim Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes für tiefgreifende Sozialreformen warb, wurde er phasenweise ausgepfiffen, ausgebuht oder ausgelacht. Solches drohte Merz im Otto-Wels-Saal am Dienstag nicht. Merz will positive Aufbruchstimmung „Ich erwarte eine gute Aufbruchstimmung und eine Zuversicht, dass wir in dieser Regierung das Land in die richtige Richtung führen“, sagte der Kanzler vor der Sitzung. Zudem dankte er seinem Koalitionspartner, verwies auf gemeinsame Erfolge, aber auch die vor ihnen liegende Arbeit: „Wir brauchen Ruhe, Vertrauen und Mut.“ SPD-Fraktionschef Miersch sagte dagegen, er erwarte Empathie. Gerade daran hat es dem Bundeskanzler aus Sicht mancher Sozialdemokraten in den vergangenen Monaten immer wieder gemangelt, etwa mit seinen Aussagen zum Stadtbild, zu einer zu geringen Arbeitszeit oder zu vielen Krankheitstagen. Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Im Sitzungssaal der Sozialdemokraten wurde Merz freundlich empfangen. Vielen schüttelte er die Hand, mit SPD-Chefin Bärbel Bas witzelte er. Überrumpelt wurde Merz von Johannes Fechner, als der ihm sichtbar stolz einen goldfarbenen Pokal vor die Nase hielt, den der FC Bundestag vor wenigen Tagen bei der Parlaments-EM gewonnen hatte. Dann nahm Merz zwischen Miersch und Bas Platz. Lars Klingbeil fehlte an diesem Tag, jedoch entschuldigt. Er war beim G7-Finanzministertreffen in Paris. Dort stattete er auch dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron einen Besuch ab. Vertauschte Rollen also: Der Vizekanzler unterwegs als Außenkanzler, der wiederum zuhause die Seele des Koalitionspartners pflegte. Merz schließt andere Bündnisse aus Insgesamt verbrachte Merz rund 50 Minuten bei den Sozialdemokraten. Teilnehmenden zufolge hielt Merz nach einer kurzen Begrüßung durch Fraktionschef Miersch zunächst eine mehrminütige Rede, bevor er ein paar wenige Fragen beantwortete. Darin dankte er den sozialdemokratischen Ministerinnen und Ministern. Auch hob er bisherige Erfolge hervor, darunter die Unternehmenssteuerreform oder die Entlastungen für Firmen im Energiebereich. Stellenweise soll Merz auch Selbstkritik geäußert haben. So räumte der Bundeskanzler Fehler bei der gescheiterten Entlastungsprämie ein. Der Bundesrat hat die steuerfreie 1000-Euro-Prämie, die Firmen ihren Beschäftigten zahlen könnten, am vorvergangenen Freitag überraschend gestoppt. Vergangene Woche Dienstag wurde sie im Koalitionsausschuss dann auch von Merz, Klingbeil und Co. begraben. Wir müssen noch mehr liefern.Kanzler Friedrich MerzZudem schwor Merz die SPD-Abgeordneten auf die weitere Zusammenarbeit und mehr Geschlossenheit ein. Nach dem Motto: In dieser Koalition gewinnt man zusammen, oder verliert man zusammen. Künftig will man weniger übereinander und mehr miteinander reden, so Merz. Auch rote Linien sollten nicht mehr gezogen werden.Stellenweise bekam der Kanzler für seine Aussagen sogar Beifall. Vor allem als er seine ablehnende Haltung zur AfD bekundete und eine Minderheitsregierung kategorisch ausschloss. „Mit der AfD wird es keine Zusammenarbeit geben können“, sagte Merz auch unmittelbar vor der Sitzung. „Uns trennen Welten.“ Diese Haltung kommt bei den Sozialdemokraten gerade hier im Otto-Wels-Saal – der SPD-Politiker Wels stellte sich 1933 gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz – besonders gut an. Merz, der Superlative sonst eher spärlich nutzt, soll Teilnehmern zufolge in dem Zusammenhang davon gesprochen haben, dass man in einer „historischen Zeit“ lebe. Und jetzt gemeinsam Verantwortung für die Zukunft des Landes trage. „Wir müssen noch mehr liefern“, sagte Merz. Auch soll der Kanzler Teilnehmern zufolge angeboten haben, nun im Halbjahresrhythmus in die Fraktionssitzung zu kommen. Zumindest in der SPD begrüßen das manche.
„Mehr Rückhalt bei uns, als bei seinen eigenen Leuten“: Bei der SPD gibt es für Kanzler Merz Applaus
Friedrich Merz wirbt bei der SPD-Fraktionssitzung für Reformen und Geschlossenheit. Wurde er dafür beim DGB noch ausgepfiffen, empfängt ihn der Koalitionspartner freundlich.













