Viele Start-ups träumen davon, ein Einhorn zu sein. Damit ist nicht ein phantasievoller Wunsch aus der Kindheit gemeint, sondern eine Bewertung von einer Milliarde Dollar. Das Unternehmen von Philip Siefer heißt zwar Einhorn, mit etwa 3,4 Millionen Euro Umsatz ist es davon aber weit entfernt. Das ist ihm jedoch herzlich egal. Denn er hat eine ganz andere Mission.„Start-ups haben oft coole Ideen“, sagt er. Das Problem dabei aus seiner Sicht: Wenn der Erfolg groß genug ist, verkaufen viele Gründerinnen und Gründer ihr Unternehmen so schnell und so teuer wie möglich. „Wir haben darauf keinen Bock“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Zusammen mit Waldemar Zeiler gründete er deshalb 2015 ein Start-up für nachhaltige Kondome. Der Unternehmensname Einhorn ist nicht nur ein Sexwitz, sondern die bewusste Abgrenzung von der „Unicorn-Kultur“ des „Höher, Schneller, Weiter“. Was ist mehr als zehn Jahre danach von der Idee geblieben?Siefer sitzt Ende April in der Teeküche am Unternehmenssitz im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Zeiler hat das Unternehmen mittlerweile verlassen. Doch stolz verkündet Siefer, nicht mehr allein an der Spitze von Einhorn zu stehen. Eigentlich sollte Luise Tremel dabei helfen, einen neuen Ko-Geschäftsführer zu finden. Die Angebote, die sie unter die Lupe nahm, überzeugten sie aber nicht so wirklich. Dann rief sie Siefer an und meinte: „Philip, ich kann das am besten.“„Das Streben nach Innovation, Effizienz und Gewinn soll kein Selbstzweck sein“Die Rollen der Ko-Geschäftsführer sind klar verteilt: „Philip ist verantwortlich für die Richtung und dafür, neuen Ideen Raum zu geben“, sagt Tremel. „Ich kümmere mich darum, was das Unternehmen heute und morgen tut, also das tägliche Business.“ Die 43 Jahre alte Chefin hat Geschichte und Literatur an der Eliteuniversität Harvard studiert. Ihr Anspruch: „Ich will, dass unser Team abliefert“, sagt sie. „Aber das Streben nach Innovation, Effizienz und Gewinn soll kein Selbstzweck sein.“Einhorn legt unter anderem bei den verkauften Kondomen Wert auf Nachhaltigkeit.Andreas PeinStatt Profit „auf Teufel komm raus“ will sie ein Produkt auf den Markt bringen, das gesund für Mensch und Natur ist – und fair entlang der gesamten Lieferkette. Einhorn ist aus ihrer Sicht genau das richtige Unternehmen dafür. Ein Beispiel: Der Kautschuk für die Kondome kommt vor allem von Kleinbauern aus Thailand, die Siefer nach eigenen Angaben regelmäßig besucht.Dieser Versuch einer nachhaltigen Strategie zeigt sich für Tremel am deutlichsten in der besonderen Struktur von Einhorn. Schon 2019 überführten die beiden Gründer Einhorn in sogenanntes Verantwortungseigentum. Nach eigenen Angaben ist es Investorinnen und Investoren damit nicht mehr möglich, Einhorn zu kaufen. Außerdem soll die Struktur verhindern, dass Außenstehende von Gewinnausschüttungen profitieren.Ist das überhaupt noch Kapitalismus?Dafür hat Einhorn 99,7 Prozent der Gewinnanteile an die Stiftung Verantwortungseigentum übertragen – und außerdem 50 von 25.000 Stimmrechten. Die Aufgabe der Stiftung ist es, hinsichtlich eines möglichen Verkaufs sowie möglicher Gewinnausschüttungen ihr Veto einzulegen. Auch die Anstellung von Tremel als Ko-Geschäftsführerin musste die Stiftung absegnen. Wie genau Unternehmen im Verantwortungseigentum Gewinn- und Stimmrechte an die Stiftung übergeben, kann sehr unterschiedlich sein. „Natürlich braucht es nicht zwingend diese Struktur, um nachhaltig zu wirtschaften“, sagt Siefer. „Aber damit zeigen wir nach außen, dass wir es wirklich ernst meinen.“Ist das überhaupt noch Kapitalismus? Die Antwort fällt beiden Chefs nicht leicht. „Ich finde es völlig okay, Gewinne zu erzielen und Vermögen aufzubauen“, sagt Siefer. Die entscheidenden Fragen seien: Geht es dabei nur um den Verkauf eines „Schrottprodukts“, das den Ressourcenverbrauch, den Treibhausgasausstoß und Schäden für die Gesundheit in die Höhe treibt? Oder steht das Produkt im Einklang mit dem, „was Menschen wirklich brauchen“? Für Tremel ist klar: „Wenn Kapitalismus bedeutet, hemmungslos den Profit zu maximieren, sind wir keine Kapitalisten.“ Sie sieht sich eher als überzeugte Marktwirtschaftlerin: „Ich will nicht, dass der Staat bestimmt, was zu welchem Preis und zu welcher Menge produziert werden soll.“ Sie glaubt vielmehr an die gestaltende Kraft von Unternehmen.Schild im Hausflur der Einhorn GmbH in Berlin-KreuzbergAndreas PeinGanz so radikal wie zu Beginn ist Einhorn aber nicht mehr. Das Unternehmen ist laut Tremel etwas „konservativer“ geworden. In den ersten Jahren herrschte eine Art „Basisdemokratie“: Alle Beschäftigten durften bei fast allen Themen mitreden und mitentscheiden. Bis zu einer gewissen Grenze konnten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sogar ihr Gehalt selbst festlegen. Davon hat sich Einhorn schon seit längerer Zeit verabschiedet. Einen eigenen Gehaltsvorschlag können Beschäftigte immer noch unterbreiten, aber am Ende entscheidet ein Gremium darüber, ob das wirklich durchgeht.Ohne Hierarchie?„Wir arbeiten ohne Hierarchie, aber natürlich gibt es Machtverhältnisse“, formuliert es Tremel. „Wir haben aufwendige Aushandlungsprozesse, in denen wir Führungskräfte im Gespräch mit denen sind, die tägliche Arbeit machen.“ Diese von Respekt geprägten Gespräche seien ihr wichtig. „Die gehen so lange, bis wir zu einem Punkt kommen, wo wir sagen: Okay, so können wir es machen. Und wo klar ist, wer am Ende die Verantwortung für das hat, was zu entscheiden ist.“Tremel möchte nicht nur die Arbeitskultur von Einhorn prägen, sondern auch die Produkte. Schon lange vor ihrem Eintritt in das Unternehmen setzten sich die Mitarbeiterinnen dafür ein, dass Einhorn sein Sortiment um Menstruationsartikel erweitert. Neben Tampons und Menstruationstassen verkauft Einhorn nun auch einen Periodendrink mit dem Namen „Hexe“.Für die Zukunft sind auch nachhaltige Lecktücher und Gleitgel geplant. Auch hier soll es nicht nur darum gehen, Geld zu verdienen: „Wir wollen die Themen Menstruation und Sex aus der Tabuzone holen“, sagt Tremel. Aufklärung gehöre deshalb stets dazu, betont sie. Schon jetzt klärt Einhorn rund um das Thema Sex auf seiner Website und in Anleitungen in den Produktpackungen auf. Doch das soll erst der Anfang sein.Siefer plant gerade regelmäßige Podcasts und Liveworkshops rund um das Thema Sexualität. Darin sieht er eine echte Marktlücke. „Die Leute haben ein großes Bedürfnis, sich über Sex zu informieren und sich mit anderen darüber auszutauschen“, sagt er. „Aber sie trauen sich oft nicht.“ Auch spezielle Workshops für Männer kann er sich vorstellen. „Es herrscht viel Unsicherheit darüber, was einen Mann heute eigentlich ausmacht“, sagt er.Doch all diese Veränderungen benötigen Investitionen – und diese drücken die Geschäftsergebnisse. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Einhorn einen Verlust. Den Rekordumsatz von sieben Millionen Euro im Jahr 2020 hat Einhorn seitdem nicht mehr erreichen können. „Von manchen Produkten haben wir uns trennen müssen“, erklärt Siefer den Umsatzrückgang. Tremel betont zugleich: „Im bisherigen Jahresverlauf kommen wir genau bei null raus.“ Unter anderem von neuen Produkten erhoffen sich beide einen Aufwärtstrend.Das Unternehmen und die UnternehmerSeit 2015 will Einhorn Tabus brechen. Zunächst ging es vor allem um nachhaltige Kondome, mittlerweile gehören auch Menstruationsartikel wie Tampons und Menstruationstassen zum Sortiment. Das neue Führungsduo aus Luise Tremel und Philip Siefer will außerdem noch stärker rund um das Thema Sexualität und Menstruation Aufklärungsarbeit leisten. Das Berliner Start-up erwirtschaftete zuletzt einen Umsatz in Höhe von 3,4 Millionen Euro.Philip Siefer hat zusammen mit Waldemar Zeiler Einhorn gegründet, Zeiler hat das Unternehmen aber mittlerweile verlassen. Siefer war zuvor mit „Stickvogel“ erfolgreich, einem Unternehmen, das Softwarelösungen zum personalisierten Bedrucken von T-Shirts und anderen Textilien anbietet. Mit Luise Tremel als neuer Geschäftsführerin steht nun erstmals eine Frau an der Spitze. Die überzeugte Marktwirtschaftlerin hat Geschichte und Literatur an der Universität Harvard studiert.
Einhorn: „Wir holen Sex und Menstruation aus der Tabuzone“
Einhorn will sich mit nachhaltigen Kondomen und Menstruationsartikeln vom „Höher, Schneller, Weiter“ abgrenzen. Wie ein neues Führungsduo und Liveworkshops rund um Sex dabei helfen sollen.














