Eine Zivilisation auf dem Mars und KI im All: Das sind die fünf tollkühnsten Ideen, die SpaceX im Börsenprospekt vorstelltDas Weltraumunternehmen will am 12. Juni an die Börse, aber seine Ziele reichen weit in die Zukunft. Vielleicht zu weit.22.05.2026, 10.26 Uhr6 LeseminutenEine Falcon-Heavy-Rakete von SpaceX hebt beim Kennedy Space Center in Cape Canaveral, Florida, ab. Doch Musk hat mit dem Unternehmen noch viel grössere Pläne.Manuel Mazzanti / GettyBörsenprospekte sind in der Regel eher trockene Lektüre. Juristen kontrollieren jedes Komma, um das Unternehmen vor Klagen und Untersuchungen der Börsenaufsicht zu schützen. Man muss potenziellen Anlegern schliesslich eine ehrliche und realistische Übersicht gewähren, was das Unternehmen tut und erreichen will.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.SpaceX verfolgt unter seinem Gründer und CEO Elon Musk eine andere Philosophie. Das führende Weltraumunternehmen der Gegenwart macht in seinem Prospekt, den die amerikanische Börsenaufsicht (SEC) am Mittwochabend veröffentlicht hat, die ganz grossen Versprechen.Was die Anleger damit anfangen werden, ist schwierig vorherzusagen. Die Erreichung mancher Ziele liegt selbst im Idealfall derart weit in der Zukunft, dass sie sich mit gängigen Methoden kaum auf den heutigen Firmenwert von SpaceX auswirken können. Aber: SpaceX regt zum Träumen an.Was schlägt Musks Raumfahrt-Team im Börsenprospekt genau vor?1. Das Licht des Bewusstseins ins Weltall tragenUnternehmen verfolgen im Kapitalismus grundsätzlich das Ziel, im Sinne ihrer Eigentümer zu handeln und dabei Geld zu verdienen. Ihre Geschichte, ihr Personal und ihre Führungspersönlichkeiten prägen die Art und Weise, wie sie das tun; viele Firmen haben sich auch Verhaltensregeln auferlegt oder sich neudeutsch einen «Purpose» gegeben. Aber im Kern gilt noch immer Milton Friedmans Bonmot von 1970: «The business of business is business», zu Deutsch etwa «Der Zweck eines Unternehmens ist das Geschäft».Der Börsenprospekt von SpaceX strapaziert diese Maxime schon im Vorspann: «Unsere Mission [ist es], die nötigen Systeme und Technologien herzustellen, um Leben auf andere Planeten zu bringen, die wahre Natur des Universums zu verstehen und das Licht des Bewusstseins zu den Sternen zu tragen», steht da. Wie man damit auch Geld verdienen könnte, erklärt das Unternehmen erst später im Dokument.Immerhin: Der Anspruch von SpaceX, nebst dem Licht des Bewusstseins auch den irdischen Kapitalismus ins Sonnensystem hinauszutragen, mag selbstherrlich daherkommen, ist aber aus theoretischen Überlegungen heraus sehr interessant. Karl Marx postulierte einst, dass dem Kapitalismus ein unendlicher Expansionsdrang innewohne, der in einer endlichen Welt irgendwann an seine Grenzen stossen müsse. Elon Musk will die Grenzen dieser endlichen Welt erweitern – und könnte dem Kapitalismus so, das müssten selbst Marxisten anerkennen, einen zweiten Frühling bescheren.2. KI-Rechenzentren im ErdorbitEtwas realistischer erscheint das Versprechen von SpaceX, riesige KI-Rechenzentren im Erdorbit aufzubauen. Diese Rechenzentren wären physisch verteilt über unzählige miteinander kommunizierende Satelliten, die auch als orbitale Solarkraftwerke fungieren. Elon Musk spricht schon seit Monaten regelmässig davon, dass der Ausbau von KI-Rechenzentren auf der Erde an Grenzen stossen wird und dass längerfristig Rechenzentren in der Erdumlaufbahn die Lösung für dieses Problem darstellen.Es gibt andere Unternehmen, die ähnliche Pläne verfolgen; etwa das Startup Starcloud. SpaceX geht aber davon aus, als erstes Unternehmen Rechenzentren-Satelliten in den Erdorbit bringen zu können, indem es auf seinen Vorsprung bei der Raketentechnik setzt. Niemand kann eine Tonne Material günstiger in die Erdumlaufbahn schiessen als SpaceX. Das Unternehmen schreibt zudem, dass es dank Starlink viel Erfahrung darin aufweise, Satelliten zu produzieren und sie im Erdorbit zu Netzwerken zusammenzuschliessen.Musks Unternehmen kämpft dabei aber wie alle möglichen Konkurrenten mit grossen technologischen Problemen. Zum einen erhitzen sich die Chips bei der Arbeit auch im Weltraum. Es gibt weder Luft noch Wasser, um die überschüssige Wärme abzuführen. Es braucht daher eine neuartige Kühlung, die noch nicht getestet ist.Zum anderen ist fraglich, ob irdische Rechenzentren bald so teuer und energieintensiv werden, dass die KI-Revolution stark ausgebremst wird. Der Strombedarf von Rechenzentren nimmt derzeit zwar stark zu. 2024 verbrauchten sie weltweit aber erst 1,5 Prozent aller Elektrizität. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass dieser Anteil bis 2035 maximal auf 4,4 Prozent ansteigen könnte. Ein solcher Anstieg ist bedeutend, erscheint aber verkraftbar.Neue Chip-Generationen generieren immer mehr Rechenleistung pro Watt, und die KI-Modelle wenden diese Rechenleistung immer effizienter an. Vielleicht wird es also in absehbarer Zukunft nicht nötig sein, Milliarden zu investieren, um KI-Rechenzentren ins All zu bringen.3. Der Mensch als interplanetare SpeziesMehrfach im Dokument erwähnt SpaceX, dass dank den Aktivitäten des Unternehmens auf dem Mond, dem Mars «und darüber hinaus» Märkte in der Grössenordnung von Billionen von Dollars entstehen werden. Dazu will SpaceX eine Basis auf dem Mond bauen, die es ermöglichen soll, die KI-Rechenkapazität jährlich im Terawatt-Bereich zu steigern, den Weltraum tiefer zu erforschen und zu industrialisieren. Die Mondbasis soll überdies ein wichtiger Schritt sein, um eine Zivilisation auf dem Mars zu etablieren.SpaceX will mit dem Transport von Personen und Gütern zum Mond und zum Mars Geld verdienen, sich an der Energiegewinnung auf diesen Himmelskörpern beteiligen und womöglich auch Asteroiden-Bergbau betreiben.Der nächste Meilenstein für die Menschheit sei es, eine resiliente, sich ewig ausdehnende raumfahrende Zivilisation zu werden. Genauer: eine Kardaschow-Typ-II-Zivilisation, gemäss einer vom sowjetischen Astronomen Nikolai Kardaschow entwickelten Skala. Eine solche Zivilisation schafft es, den Grossteil der Energie, die ihr Heimatstern emittiert, nutzbar zu machen. Elon Musk sieht darin auch eine Art Versicherung, dass die Menschheit überleben kann, falls die Erde nicht mehr bewohnbar sein sollte.Das sind wahrhaft grosse Ziele. Aber womöglich sind sie zu langfristig angelegt, um den Börsenwert von SpaceX massgeblich zu beeinflussen. Gemäss der Kardaschow-Skala erfüllt die Menschheit noch nicht einmal die Bedingungen für eine Typ-I-Zivilisation, welche die Mehrheit der Energie nutzbar macht, die auf ihrem eigenen Planeten verfügbar ist. Kardaschow nannte hierfür einen Wert von 1016 Watt – die Menschheit nutzt vielleicht zwei Promille dieses Werts. Eine Typ-II-Zivilisation würde etwa 1026 Watt nutzen, etwa indem sie ein gigantisches Solarkraftwerk rund um ihren Heimatstern errichtete.Die Menschheit ist davon noch weit entfernt. So weit, dass es sich kaum lohnt, über die Gewinnchancen eines Unternehmens nachzudenken, das in dieser interplanetaren Ökonomie Erfolg hat.4. Ein Markt von 28,5 Billionen Dollar«Wir glauben, dass wir den grössten adressierbaren Markt in der Geschichte der Menschheit gefunden haben», teilt die Firma auf Seite 171 des Prospekts mit.SpaceX glaubt, mit seinen KI-Dienstleistungen einen Markt von 26,5 Billionen Dollar bedienen zu können: 2,4 Billionen Dollar in KI-Infrastruktur, 760 Milliarden Dollar durch Kunden-Abonnements, 600 Milliarden Dollar durch digitale Werbung. Den Löwenanteil, 22,7 Billionen Dollar, sollen «Firmenanwendungen» ausmachen. Russland und China hat SpaceX bei diesen Berechnungen gar nicht erst inkludiert.Die Zahl der 22,7 Billionen stammt allerdings nicht einmal von SpaceX selbst, sondern von der internationalen Digital Cooperation Organization. Allerdings bezieht sich die Schätzung nicht auf extraterrestrische KI, sondern berücksichtigt auch irdische Rechenzentren. Insofern ist es fraglich, ob tatsächlich SpaceX diesen Markt «gefunden» hat.SpaceX versucht zwar auf diesem Feld auch schnell zu wachsen. Etwa mit dem Kauf von xAI oder indem es sich für 60 Milliarden Dollar eine Kaufoption für ein weiteres KI-Startup, Cursor, gesichert hat. Stand heute droht xAI aber in diesem Markt gegenüber Konkurrenten wie Open AI, Anthropic und Google zurückzufallen.5. Elon Musk muss die Kontrolle behaltenEin Grund, weshalb SpaceX nicht längst öffentlich handelbar ist, liegt im angespannten Verhältnis von Elon Musk zu den Regeln, die kotierte Unternehmen einhalten müssen. Bei Tesla liefert sich Musk regelmässig Fehden mit Stimmrechtsberatern, die etwa seine aussergewöhnlich hohe Vergütung zur Ablehnung empfehlen.Auch mit der Börsenaufsicht SEC hat sich Musk in der Vergangenheit schon angelegt. Die SEC ist unter der Trump-Regierung ausgesprochen «unternehmensfreundlich» aufgestellt. Stimmrechtsberater und die institutionellen Grossaktionäre, die sie vertreten, könnten Musks Pläne mit SpaceX aber dennoch bremsen.SpaceX hat im Börsenprospekt daher eine eigenwillige Eigentümerstruktur vorgestellt: Elon Musk soll zwar nach dem Börsengang nur über etwas mehr als 10 Prozent der Anteile am Unternehmen verfügen, aber dennoch die alleinige Kontrolle behalten können. Dies, weil er den Grossteil aller Aktien der Klasse B besitzen soll, die über ein zehnfaches Stimmrecht verfügen.Im Prospekt wird weiter ausgeführt, dass der SpaceX-Verwaltungsrat einen ambitionierten Vergütungsplan für Elon Musk beschlossen habe. Musk werden eine Milliarde weitere SpaceX-Aktien der Klasse B zugeteilt, falls das Unternehmen eine Marktbewertung von 7,5 Billionen Dollar erreicht und die Firma eine permanente Mars-Kolonie mit mindestens einer Million Bewohnern einrichtet.Passend zum Artikel