PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1974Nach dem „Wunder von Bern“ kam der Triumph von MünchenStand: 07:10 UhrLesedauer: 5 MinutenGerd Müller schießt...Quelle: picture alliance/SZ Photo/WEREKGlücklich, aber nicht unverdient: Auf diese Formel brachte WELT den Sieg der deutschen Fußballer im Münchner WM-Finale 1974. Vor allem die zweite Halbzeit gegen die Niederländer war dramatisch. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Durchhalten. Einfach nur durchhalten. Um viel mehr ging es in der zweiten Hälfte des WM-Finales 1974 nicht mehr. Deutschland gegen die Niederlande, Franz Beckenbauer und Kameraden gegen Johan Cruyff und Team: Das versprach an sich, höchstwertiger Fußball zu werden. Und dann das: „Das Finale war lediglich in der ersten Halbzeit reich an spielerischen Höhepunkten. Nach der Pause kamen Hektik und Dramatik auf“, schrieb WELT-Fußballredakteur Gerhard Seehase, selbst ehemals Spieler der Oberliga, als sie noch die höchste deutsche Spielklasse war. Er konnte es also beurteilen: „Die deutsche Elf imponierte durch großen Kampfgeist. Sie gewann glücklich, aber nicht unverdient.“Angeführt von den Mannschaftskapitänen, eben Cruyff und Beckenbauer, hatten die beiden Teams in ihren traditionellen Farben – die Niederlande in orangen Trikots und weißen Hosen, Deutschland in weißen Hemden und schwarzen Shorts – am 7. Juli 1974 genau um 15.52 Uhr den Rasen im Münchner Olympiastadion betreten. Dann folgten die Nationalhymnen, zuerst für den Gast die holländische, dann „Einigkeit und Recht und Freiheit“ für die Gastgeber. Die Platzwahl erfolgte mit dem Wurf einer Goldmünze, die der Prinzgemahl der Niederlande Bernhard, gebürtiger Deutscher, dem britischen Schiedsrichter John Keith Taylor überreicht hatte.Dann der Anstoß – und sofort trat die größte Sorge von Bundestrainer Helmut Schön ein: Cruyff zauberte. „Bereits in der ersten Minute“ hatte er „jenen überwältigenden Auftritt, der spielentscheidend hätte sein können“, schrieb Seehase. An sich hatte der Superstar von Ajax Amsterdam einen festen Bewacher, den kleinen, aber überaus hartnäckigen Verteidiger Bertie Vogts. Denn, wie Alt-Bundestrainer Sepp Herberger es vorher gesagt hatte. „Wenn es gelingt, Cruyff weitgehend auszuschalten, kommt Sand ins Getriebe der holländischen Mannschaft.“Doch gegen Ende der ersten Spielminute ließ Cruyff seinen Schatten Vogts stehen wie einen Anfänger, stieß in den Strafraum der deutschen Mannschaft vor – und wurde dort von Stürmer Uli Hoeneß per Foul gestoppt. Die unvermeidliche Konsequenz: Strafstoß, den Johan Neeskens verwandelte. 0:1 für den Gast im wichtigsten Spiel des Jahres. Die Zaghaften unter den 80.000 Zuschauern im Stadion und den bis zu rund 800 Millionen Fernsehzuschauern auf allen Kontinenten sahen schon den Anfang vom Ende.Die Oranjes machte der schnelle Vorsprung selbstbewusst bis zur Arroganz; sie begannen, ihre Gegner zu unterschätzen. Doch das deutsche Team ließ sich von diesem Schocktor nicht demoralisieren, sondern wurde von Minute zu Minute stärker.Beckenbauer brachte Ordnung in den Laden, und als seine Abwehr stand, traute er sich immer häufiger, Ausflüge in die gegnerische Spielhälfte zu unternehmen. Die Niederländer, obwohl gewarnt durch blitzschnelle Vorstöße von Spielern wie Paul Breitner, Uli Hoeneß und natürlich Gerd Müller, fühlten sich offensichtlich noch sicher. Allzu sicher. „Sie betrieben eine Art Piratenfußball, wobei sie vorrangig im Mittelfeld häufig mit provozierender Langsamkeit auf Eroberung gingen, und sie spürten nicht die Gefahr, die ihnen selbst in der eigenen Abwehr drohte“, beschrieb es der WELT-Fußballexperte. Jürgen Grabowski lieferte auf dem rechten Flügel der deutschen Mannschaft ein herausragendes WM-Spiel, Hoeneß hängte seinen Bewacher ein ums andere Mal ab, und Müller fühlte sich im Strafraum des Gegners zunehmend daheim.So gewann die deutsche Mannschaft etwa ab der 21. Spielminute ein deutliches Übergewicht auf dem Platz. Sie wirkte immer geschlossener und ließ sich keineswegs dadurch verblüffen, dass die Niederländer weiterhin betont locker spielten, als könne ihnen nichts passieren.In der 25. Minute startete Bernd Hölzenbein auf der linken Seite zum Sturmlauf in den niederländischen Strafraum. Nur durch eine unzulässige Grätsche konnte er aufgehalten werden. Der zweite Elfmeter. Paul Breitner verwandelte ihn mit einem Schuss in die linke Ecke zum 1:1. Ausgleich.Johan Cruyff stand inzwischen unter zuverlässiger Kontrolle von Vogts und konnte eben nicht mehr zaubern wie gewohnt. Unter Druck erwiesen sich die Niederländer als höchstens halb so stark wie vorher eingeschätzt. Doch drei große Chancen zur Führung konnten nicht verwandelt werden. Das änderte sich erst in der 42. Minute: Rainer Bonhof passte in die Mitte, wo Gerd Müller im niederländischen Strafraum bereitstand, zwischen Elfmeterpunkt und Torraum. Obwohl bedrängt von zwei Niederländern, brachte er den Ball unter Kontrolle, drehte sich dann um die eigene Achse und schoss. 2:1. Die Führung.Nach der Pause verschoben sich die Spielanteile mit zunehmender Dauer immer stärker zugunsten der Gäste. Selbst Cruyff tauchte wieder auf, doch sein unerbittlicher Bewacher Vogts ließ ihn nicht machen wie gewohnt. Beim Rest der deutschen Abwehr ging es in der letzten Viertelstunde drunter und drüber: „Ein aufgescheuchter Hühnerhof, in den der Fuchs eingebrochen ist“, wunderte sich Gerhard Seehase: „Unglaublich, wie viele Torchancen die Holländer in der letzten Viertelstunde verplemperten.“ Jetzt erwies sich, wie wertvoll der Urbayer Sepp Maier im Tor der deutschen Mannschaft war. Andererseits erlaubte der Sturmlauf der Oranjes Räume für Deutschland. In der 59. Minute schoss und traf Gerd Müller – doch der Linienrichter erkannte fälschlicherweise auf Abseits, obwohl Müller bei Grabowskis Pass deutlich nicht im Abseits stand. Statt 3:1 blieb es beim 2:1. Dank Maiers Glanzleistung kam die deutsche Elf, wiewohl stehend k. o., nach 90 Minuten (eine nennenswerte Nachspielzeit gab es nicht) zum insgesamt verdienten Sieg. Nach dem Abpfiff gab es im Stadion kein Halten mehr: Die deutschen Fans texteten den Schlachtruf der Niederländer „Holland wint de Wereldcup“ spontan um. Überall im Land liefen Menschen auf die Straßen und entzündeten Feuerwerkskörper. Wegen eines Freudenfeuers auf der Straße brach in München der Verkehr zusammen. In hunderten Fällen musste die Feuerwehr eingreifen, weil vor allem ältere Menschen vor Aufregung Herzattacken erlitten.„Deutschlands Fußball-Nationalelf knüpfte an das ,Wunder von Bern‘ an“, berichtete dagegen gewohnt nüchtern die WELT-Nachrichtenredaktion auf der Titelseite: „Fast auf den Tag genau nach 20 Jahren wurde eine Elf des Deutschen Fußball-Bundes wieder Weltmeister.“Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Laut Familienlegende verfolgte er das Finale als Dreieinhalbjähriger am Fernseher, doch daran kann er sich nicht mehr erinnern.