Am Freitag wäre er 80 Jahre alt geworden: Eine Ode an George Best und all die anderen Stars, die nie an einer Fussball-WM spieltenVon George Best bis Éric Cantona: Die WM schrieb ihre Geschichten oft ohne ihre schillerndsten Figuren und grössten Genies.Benjamin Steffen22.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDer Nordire George Best 1971 im Trikot von Manchester United.ImagoEs gäbe nichts Naheliegenderes, als einen Text über George Best mit einem Zitat zu beginnen. Sie existieren zuhauf, die legendären Sprüche des Fussballers, der ein Pop-Star war. Es gab die vier Beatles, die legendären Musiker aus Liverpool; Best galt als «fünfter Beatle», extravagant, der Öffentlichkeit nicht abgeneigt, aber aus Belfast – was gewissermassen sein Verhängnis war. Wäre es bloss das einzige gewesen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aber fangen wir damit an: An diesem Freitag wäre Best 80 Jahre alt geworden.Und an diesem Freitag ist es 44 Jahre her, dass sich Best fast auf die WM vorbereitet hätte, natürlich nur fast. Nordirland hatte sich erstmals seit langem für die Endrunde qualifiziert, der Nationalcoach soll sich mit dem Gedanken getragen haben, Best aufzubieten. Doch die Nominierung wäre primär PR-Gag und Gefälligkeit gewesen – die erste und späte, zu späte Einladung auf die WM-Bühne. 1982 spielte Best längst nicht mehr auf höchstem Niveau, sein Stern habe Ende der sechziger Jahre zu sinken begonnen, war einst zu lesen. Und vielleicht gibt es wenige andere Sterne, die jemals so lange gesunken sind und doch bis heute leuchten.Dieser Text ist eine Erinnerung an George Best, diesen zauberhaften und womöglich auch zauberhaft verklärten Expressionisten des Fussballs. Aber es ist auch eine Ode an all die anderen begnadeten Fussballer, die es nie an eine WM geschafft haben.Best war einsam, auch auf dem PlatzBegnadet, zauberhaft, verklärt: George Best am Ball.Evening Standard / Hulton ArchiveGeorge Best war am 22. Mai 1946 zur Welt gekommen, spielte von 1963 für die Red Devils von Manchester United und schoss in 361 Spielen 137 Tore. Zudem: 37 Länderspiele für Nordirland, 9 Tore. Früh verfiel er dem Alkohol und anderen Lastern des Lebens, am 25. November 2005 verstarb er.Der Brasilianer Pelé, die Verkörperung des vergötterten Fussballers schlechthin, Weltmeister 1958, 1962 und 1970, soll einst gesagt haben, Best sei besser gewesen als er. Aber Best war einsam, auch auf dem Platz, er hatte keine Mitspieler, die annähernd so gut waren wie er. Best wusste dazu zu sagen: «Wenn ich hässlich geboren worden wäre, hätte man niemals etwas von Pelé gehört.» Ein klassisches Best-Zitat, Best at his best – wie auch: «Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.» Oder: Er sei mit einem grossen Talent zur Welt gekommen, was manchmal mit etwas Zerstörerischem einhergehe – «so wie ich beim Fussball jeden übertreffen wollte, versuchte ich auch im Ausgang alle zu übertreffen». Wo es ihm womöglich auch nicht zum Nachteil gereichte, dass er nicht hässlich geboren worden war.Bleiben wir bei Bests Schönheiten auf dem Feld. Im Nachruf schrieb die NZZ 2005: «Wie er den Ball auf dem Oberschenkel jonglierte; wie er das Trikot der Red Devils auszog und damit den Gegner wie einen Stier reizte; wie er den Ball mit dem Hintern stoppte und wie er – als Agent provocateur – dem Widersacher mit heruntergestülpten Stutzen den Ball durch die Beine spielte, um ihn gleich nochmals von hinten zu ‹tunneln›» – wie Best all das tat, wäre er geschaffen gewesen für eine zeitgerechte Einladung auf die WM-Bühne.Seine Auszeichnung als Europas Fussballer des Jahres präsentiert George Best 1969 dem ManU-Trainer Sir Matt Busby im Old Trafford.Mirrorpix / MirrorpixAber Best stammte aus Belfast, aus Nordirland, er gehörte zu einem Nationalteam, das bis heute nur dreimal an einer WM teilnahm, 1958, 1982, 1986. Und nun, dieser Tage, wenn all die Aufgebote für die WM 2026 erlassen werden, gibt es wenige prominente Künstler des Fussballs, die nicht auf diese Bühne gebeten werden. Nun ja, Khvicha Kvaratskhelia fehlt, ein dribbelstarker Flügel mit nahezu heruntergestülpten Stutzen, ausgerechnet, fast so gut wie Best, natürlich nur fast, bei einem grossen Klub, Paris Saint-Germain, aber aus einem kleinen Fussballland, Georgien, immerhin EM-Teilnehmer 2024.Die Tragik von Di Stéfano, dem kein Taschenspielertrick halfKvaratskhelias Absenz 2026 ist so etwas wie ein Mahnmal für grosse Namen, die niemals an einer WM teilnahmen. Mittlerweile ist das WM-Feld dergestalt aufgebläht, dass es mehr oder weniger begabten und arrivierten Fussballern kaum möglich ist, eine Karriere lang nie dazuzugehören.Anders als früher Best, der Nordire. Oder Ian Rush, der Waliser, der für Liverpool fast 250 Tore schoss, aber kein einziges WM-Spiel bestritt. Falsche Herkunft, sorry. Die gleiche Herkunft wie Ryan Giggs, der Waliser, der für Manchester United fast 700 Spiele absolvierte, fast ein Flügel wie Best, natürlich nur fast. Wie George Weah, der Liberianer, der es schaffte, 1995 Weltfussballer zu werden, aber nie die WM erreichte.Oder wie Alfredo Di Stéfano, die Legende von Real Madrid, 282 Spiele, 216 Tore. Di Stéfano spielte von 1953 bis 1964 für Real, in dieser Zeit sicherte sich der Klub fünfmal den Europacup der Meister, die heutige Champions League. In manchen Partien beschlossen er und sein Kollege Gento (fast ein Dribbler wie Best, natürlich nur fast), dass «wir uns die Bälle nur mit der Hacke zuspielen, wir machten uns ein Spiel daraus, einen Jux» – so erzählte es Di Stéfano einst laut dem Fussballbüchlein «Alle unsere frühen Schlachten», einer Sammlung von Texten des Schriftstellers Javier Marías. «So eine Mannschaft konnte einfach nur gewinnen, denn sie war für Kinder gemacht, eine Mannschaft voller Taschenspieler, nur dass sie ihre Zauberkunststücke mit den Füssen vollbrachten», schrieb Marías.Alfredo Di Stéfano schiesst im Mai 1960 ein Tor für Real Madrid. Den Europacup-Final gegen die Eintracht gewann Madrid am Ende 7:3. Bei seinem Verein war er eine Legende, er spielte für drei Nationalteams – und schaffte es doch nie an eine WM.Keystone / Hulton ArchiveDi Stéfano schaffte es, Erfolge zu bunkern und Leichtigkeit zu wahren; er gewann zweimal die Auszeichnung zum besten Fussballer Europas (1957, 1959); er weist Länderspieleinsätze für drei Nationalteams auf, Argentinien, Kolumbien, Spanien – aber kein WM-Spiel. Mit Spanien verpasste er überraschend die WM-Qualifikation 1958 – und als er vier Jahre später wahrhaftig im WM-Kader stand, verhinderte eine Verletzung (und dagegen half kein Taschenspielertrick), dass er auch nur eine einzige Minute spielte.Heutigen Fussballerbiografien drohen solche Schicksale kaum mehr. An der WM 1962 nahmen 16 Teams mit 22-Mann-Kadern teil, es gab drei Gruppenspiele, Viertelfinals, Halbfinals, Final, total 32 Spiele. Heuer nehmen 48 Mannschaften à 26 Spieler teil, nach der Gruppenphase gibt es erstmals Sechzehntelfinals, total 104 Partien. Die Chancen auf zumindest einige wenige WM-Minuten für die Ewigkeit sind gross – ein WM-Einsatz hat etwas Unvergängliches.Die Kleinigkeiten, die Fussballer ums grosse Glück bringenVor einigen Jahren versammelten sich diese Fussballer zu einem Klassentreffen, die das Schweizer Team 1994 erstmals seit langem an einer WM vertreten hatten. Drei Feldspieler waren nie zum Einsatz gekommen, darunter die Innenverteidiger Andy Egli und Martin Rueda. Egli erzählte, wie ihm der Nationaltrainer Roy Hodgson angeboten hatte, ihn im Turnierverlauf einzusetzen, aus Nostalgie und Verbundenheit. Egli lehnte ab – und als Rueda diese Geschichte hörte, rief er Egli zu: «Hättest du doch gesagt, er solle stattdessen mich bringen.»Rueda wäre WM-Teilnehmer gewesen, so richtig, besser als Best, fast, natürlich nur fast.Es sind manchmal Kleinigkeiten, die Fussballer ums grosse Glück bringen. Manche sind nicht am falschen Ort geboren, aber ein wenig zu früh; oder in der richtigen Generation, aber mit einem zu eigenständigen Charakter, mit dem Hang und Drang zum Agent provocateur. Éric Cantona, der genialische Franzose, gehörte zu diesen prominent besetzten «équipes tricolores», die es schafften, die WM 1990 wie auch die WM 1994 zu verpassen – trotz Spielern wie Cantona, Didier Deschamps oder Laurent Blanc (allesamt im letzten WM-Qualifikationsspiel 1989 dabei), trotz Emmanuel Petit, Marcel Desailly, Bixente Lizarazu oder Youri Djorkaeff (allesamt im letzten WM-Qualifikationsspiel 1993 mindestens auf der Bank).An der WM 1998 war Cantona nicht mehr dabei, dafür Zinedine Zidane, mit Deschamps und Blanc, mit Petit, Desailly, Lizarazu und Djorkaeff. Keiner einzigen WM-Minute für Cantona stand plötzlich der grösstmögliche Fussballtriumph für seine Weggefährten entgegen: der WM-Titel im eigenen Land.Aber diese Unvollständigkeit passt zu niemandem so gut wie zu Spielern wie Best oder Cantona, der ab 1995 kein Nationalteam-Aufgebot mehr erhielt. Cantona – ebenfalls bei Manchester United, rund drei Jahrzehnte nach Best – verbüsste 1995 eine mehrmonatige Sperre, weil er einem Zuschauer namens Matthew Simmons einen Kung-Fu-Tritt versetzt hatte. Simmons, vorbestraft wegen eines bewaffneten Raubüberfalls auf eine Tankstelle, soll ihn «French bastard» gerufen und zurück nach Frankreich verwünscht haben. Selbstverständlich hätte Cantona Simmons nicht treten dürfen, schrieb Javier Marías einst, aber: Was Cantona getan habe, sei doch «auch eine mutige Tat» gewesen «und ein Akt der Auflehnung».Éric Cantona, der Performancekünstler mit den MöwenAuch Éric Cantona, hier 1997 im Trikot von Manchester United, spielte für Frankreich keine Minute an einer Weltmeisterschaft.GettyCantona war fast so unangepasst wie Best, natürlich nur fast. Dank Best ist der innenarchitektonische Sachverhalt überliefert, dass sich auf dem Tapetenmuster im Trainerbüro von Manchester United 276 Tierfiguren befunden hätten. Best habe sie immer wieder einmal abgezählt, wenn er sich vom Trainer eines Besseren belehren lassen musste, eines besseren Lebenswandels, nicht eines besseren Fussballs.Cantona wiederum hatte nach dem Kung-Fu-Angriff wochenlang geschwiegen, und als sich für den 31. März 1995 eine Pressekonferenz ankündigte, erhofften viele Klärung, vielleicht sogar eine Entschuldigung. Cantona kam, weisses Hemd, Krawatte, Gilet, die Kameras klickten, die Blitze zischten, und er sagte: «Wenn die Möwen», er nahm einen Schluck Wasser, «den Fischkuttern nachfliegen, ist das, weil sie meinen, dass gleich Sardinen ins Meer geworfen werden» –, bedankte sich und ging.Fortan erfuhr Cantona noch mehr Verehrung, Cantona, der Philosoph, Cantona, der Performancekünstler, der den Medien den Spiegel vorhielt, wie sie zu diesem Termin gekommen waren, weil sie dachten, sie bekämen etwas, Aussagen, Aussagen wie Sardinen. Als er viele, viele Jahre später auflöste, wie es gekommen sei, dass er einen derart tiefgreifend skurrilen Satz geäussert hatte, sagte Cantona einem französischen TV-Sender: Alle hätten gewollt, dass er sich äussere, der Klub, sein Umfeld – «ich hatte keine Lust. Aber sie sagten, das sei wichtig. Und so habe ich halt etwas gesagt.»Es sind nicht die WM-Minuten, die Spieler unsterblich machen, die dafür sorgen, dass ihre Sterne auch noch leuchten, wenn sie längst gesunken sind – es sind die Spieler selber.Nicht vergessen: Éric Cantona hat fast am gleichen Tag Geburtstag wie George Best, natürlich nur fast. Übermorgen wird Cantona 60 Jahre alt.Passend zum Artikel