PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1954„Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen!“ Und Rahn schossVeröffentlicht am 16.04.2026Lesedauer: 5 MinutenKapitän Fritz Walter (l.) und sein Teamgefährte Horst Eckel im Wankdorfstadion nach dem „Wunder von Bern“Quelle: picture alliance/dpaEin Sieg war unmöglich – und das wussten auch die Fußballer um Fritz Walter. Doch weil sie sich darum nicht scherten, gewann Deutschland am 4. Juli 1954 trotzdem. Es war das „Wunder von Bern“. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Sportlich betrachtet ist der 3:2-Sieg der deutschen Mannschaft gegen Ungarn im Finale der Fußball-WM von 1954 mit die größte Sensation der deutschen Sportgeschichte – an sie reicht höchstens noch Max Schmelings Sieg gegen Joe Louis 1936 heran. Zeitzeugen kennen die Namen der Spieler mit Position und Verein; den Generationen danach ist klar, dass die Titel von 1974, 1990 und 2014 in der kollektiven Erinnerung kleiner ausfallen.WELT-Chefredakteur Hans Zehrer wusste im Leitartikel am Tag nach dem Endspiel im Berner Wankdorfstadion um die außergewöhnliche Bedeutung der Nachricht aus der Schweiz: „Der Endkampf um die Weltmeisterschaft im Fußball, die gestern in Bern ausgetragen wurde, brachte einen Sieg des Sports“, begann er seinen Text auf der Titelseite, und er fuhr fort: „Er sprengte den Raum seiner bisherigen Interessen und wurde zu einer Sache, die alle anging. Selten ist ein sportliches Ereignis mit so allgemeiner Spannung verfolgt worden.“Die Leistung der Männer um Fritz Walter und die Rolle von Bundestrainer Sepp Herberger sind oft beschrieben worden; weniger Beachtung erfuhr dagegen bisher der Anteil, den Medien zum Mythos des „Wunders von Bern“ beitrugen, und damit zur ideellen Gründung der Bundesrepublik. Hier ist der Name des Radioreporters Herbert Zimmermann zentral: Seine Reportage verankerte das Geschehen auf dem Rasen in den Hirnen aller Deutschen, denn auch Zuhörer in der DDR ließen sich in den Bann des Finales schlagen. Von Zimmermanns Formulierungen ist im Groben die Passage rund um „aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen“ geblieben, doch das wird seinen Worten nicht gerecht. Nach acht Minuten Spielzeit hatte der Mann am Mikrofon begriffen, dass nur ein Mirakel die Deutschen retten konnte. Mit 0:2 lagen sie im WM-Finale gegen das Team der Ungarn zurück – und just diese Elf hatte der Mannschaft in Schwarz-Weiß in der Vorrunde schon einmal acht Tore im Vorbeigehen reingehauen.In dieser Situation, speziell nach den Stümpereien der deutschen Hintermannschaft, an einen Sieg zu glauben, war in etwa so realistisch wie der Glaube daran, dass ein Spatz zum Mond fliegen kann. Doch Zimmermann nahm es auf der Pressetribüne stoisch: „Es ist ein großer Tag für den deutschen Fußball, es ist ein stolzer Tag für den deutschen Fußball. Seien wir nicht so vermessen zu glauben, er müsse erfolgreich enden“, sagte er im Verlauf seines Berichts mit einem weichen rheinischen Einschlag, der die zivile Note dieser Worte nur noch mehr steigerte.In den Wochenschauen mochten weiterhin aggressive Schnarrstimmen von Erfolgen deutscher Athleten künden – doch Zimmermann, der den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine und im Baltikum als Offizier verwundet überlebt hatte, weigerte sich, irgendwie militärisch zu klingen. An seinem Namen und seinem Äußeren konnte es kaum liegen. Fotos zeigen einen Mann, dessen Gesicht und Körperbau nichts Filigranes haben, das einen Feingeist vermuten ließe.Allerdings ging es an diesem Tag ja für Zimmermann auch nicht um Sprachspielereien voller Esprit; es ging darum, ein Fußballspiel um die Weltmeisterschaft einem Volk näherzubringen, das dem Ausland neun Jahre nach Kriegsende noch oft genug als Weltverbrecher galt, das selbst aber nach einem Triumph lechzte und diesen nun für möglich hielt. Kurz: Was der Reporter zu leisten hatte, war beinahe übermenschlich.Zimmermann löste diese Aufgabe, indem er sich nicht weiter um sie kümmerte. Selbstredend war er komplett parteiisch, sogar so sehr, dass ihm seine Hymne auf Torwart Toni Turek – „Turek, du bist ein Teufelskerl, Turek, du bist ein Fußballgott!“ – im Nachgang des Spiels Ärger mit den Kirchen einbrachte. Auch von britischer Coolness, damals wie heute weltweit eine Art Goldstandard im Sportjournalismus, ist nichts zu merken, die Stimme überschlug sich mehrfach.Aber trotzdem war der Bericht fair. Viel zu oft bezeichnete Zimmermann ungarische Spieler als „großartig“, viel zu sehr bewunderte er die Eleganz von Puskas, Czibor und Bozsik, viel zu sehr liebte er das Spiel als solches für abfällige Bemerkungen über das, was vor seinen Augen ablief. Das ist es, was diesem Stück Journalismus bis heute Kraft verleiht.Seinen Enthusiasmus voller Fairness behielt Zimmermann bis zu seinem Tod infolge eines Autounfalls 1966 bei. Man sehnt sich nach dieser Haltung bei vielen seiner heutigen Kollegen, die Aufregung verbreiten, wo nichts passiert, und ansonsten gern die Zuschauer mit ihrem Expertentum in Sachen Trainingslehre, Psychologie und vor allen Dingen Taktik langweilen.Dass nach dem Schlusspfiff 1954 auf den Tribünen „Deutschland, Deutschland über alles“-Gesänge zu hören waren, kommentierte Zimmermann nicht mehr. Doch womöglich sollte man in diesem einen Fall Milde walten lassen. Das tat zumindest der Kabarettist Dieter Hildebrandt, der sonst für seine rhetorisch wenig zimperlichen Einlassungen bekannt war: „Was sollten die Leute denn machen? Die wussten ja nicht, was sie sonst singen sollten“, stellte er später fest. Er spielte damit darauf an, wie wenig die Westdeutschen verinnerlicht hatten, dass nun die dritte Strophe des Deutschlandliedes als ihre Hymne fungierte.Hans Zehrers Leitglosse in WELT endete auf die Worte: „Es ist anzunehmen, dass das Ausland nun dem deutschen Wirtschaftswunder das deutsche Fußballwunder hinzufügen wird. Vom Wunder sprechen immer nur die anderen. Wir tun unser Bestes, in der Arbeit wie beim Spiel.“ Man solle da nicht vom Wunder reden, fügte er hinzu, sondern die Leistung anerkennen: „Zumal wir selber weit davon entfernt sind, aus diesen Erfolgen, wie schon einmal und wie allenthalben in den totalitären Staaten, politisches Kapital zu schlagen und es dem nationalen Selbstgefühl zuzuleiten.“Dieser nüchterne Ton lässt Zehrers Kommentar noch immer glänzen. Und weil eine Kostprobe aus Herbert Zimmermanns Reportage nie schaden kann, hier zum Genießen noch einmal die berühmteste Sequenz: „Sechs Minuten noch im Berner Wankdorfstadion und keiner wankt … Bozsik, immer wieder Bozsik, der Außenläufer der Ungarn, er hat den Ball – verloren dieses Mal an Schäfer … Schäfer nach innen geflankt … Kopfball abgewehrt, aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen!“Und Rahn schoss.Das „Wunder von Bern“ geschah 19 Jahre vor Philip Cassiers Geburt. Trotzdem bekommt er immer feuchte Augen, wenn er Herbert Zimmermanns Reportage hört. Es muss damals etwas vor sich gegangen sein, das sich der rationalen Betrachtung entzieht.