Biest mit fünf Zylindern: Der Audi Quattro S1 kam in der legendären Rallye-Gruppe B zum Einsatz. Quelle: AudiKaum ein Auto hat in den 80ern so viel Staub aufgewirbelt wie der Audi Quattro S1, seine Fahrer waren die Helden einer ganzen Generation. 40 Jahre später macht der Liebling von Walter Röhrl immer noch mächtig Wind.Die alte Audi-Botschaft „Vorsprung durch Technik“ ist heute kaum mehr als eine Floskel, die sich genauso ins kollektive Gedächtnis gebrannt hat wie die Slogans „Darauf einen Dujardin“ oder „Sie baden gerade ihre Hände drin“. Doch vor 40 Jahren war die Botschaft Verheißung und Versprechen für die Überlegenheit im Zeichen der vier Ringe, und geschürt wurde sie von Autos wie diesem. Der Quattro S1 hatte nicht nur an der Wand meines Kinderzimmers einen Ehrenplatz, das kantige Coupé mit den endlos breiten Kotflügeln und dem kurzen Heck war der Posterboy einer ganzen Generation und seine Fahrer ihre Helden. Wer diese für die irrwitzige Gruppe B der Rallye-Weltmeisterschaft gebaute Bestie zu bändigen verstand, der hatte mehr drauf als jeder Formel-1-Kutscher, und keiner wurde damals inniger verehrt als Walter Röhrl, der es vom Chauffeur des Regensburger Bischofs zum Champion auf Schotter, Schnee und Eis gebracht hat.Audi hat den „Vorsprung durch Technik“ längst verspielt und ist vom Vorreiter zum Mitläufer in der Oberliga geworden, und bei mir daheim hängen schon lange keine Auto-Poster mehr an den Wänden. Doch plötzlich sind die Erinnerungen wieder da. Denn im Nationalen Automuseum im mittelhessischen Dietzhölztal-Ewersbach hat Sammler Friedhelm Loh gerade eine Sonderausstellung mit drei Dutzend Rallye-Legenden eröffnet und den S1 ganz vorne aufs Podium gestellt. Hier und heute allerdings aalt er sich nicht im Scheinwerferlicht und der Gesellschaft von Dreckskerlen aus bald 100 Jahren, sondern steht bereit zu einer kleinen Ausfahrt in der milden Frühlingssonne und lässt die Vergangenheit noch einmal lebendig werden. Lesen Sie auchWobei der Wagen schon auf den ersten Blick signalisiert, wer hier das Sagen hat. Es gibt Autos, die man fährt. Und es gibt Autos, die fahren dich. Und dieses hier lässt keinen Zweifel daran, dass er zur zweiten Kategorie zählt. Schon beim Einsteigen wird klar: Hier geht es nicht um Komfort, nicht um Ergonomie, nicht einmal um Kontrolle im klassischen Sinn. Das Cockpit ist eng, laut und funktional bis zur Schmerzgrenze. Gitterrohr-Käfig, blanker Stahl, Schalter und Sicherungen wie im Cockpit eines Düsenfliegers, rohe Technik. Kein Zierrat, keine Ablenkung. Nur du, die Maschine – und die leise Ahnung, dass das hier gleich eskalieren könnte. Schließlich waren die Fahrzeuge der Gruppe B keine Autos, sondern ein Ausnahmezustand auf Rädern. Doch bevor ich den Motor starte, bleibt mein Blick hängen. Auf der Haube steht ein Name. Kein Schriftzug wie bei einem Sponsor, sondern ein Statement: Walter Röhrl. Und auf dem Lenkrad, das meine Hände gleich greifen werden, prangt seine Unterschrift. Als wäre es nicht schon spektakulär genug, einen von gerade mal 20 gebauten Rallye-Quattros zu fahren, ist das hier nicht irgendein S1. Es ist das Auto, das Röhrl sich zum Abschied von Audi hat schenken lassen. Und das ist nicht die einzige Besonderheit. Dieses Auto ist zudem der einzige Quattro, der mit einem damals noch neuen Doppelkupplungsgetriebe ausgestattet wurde und damit ohne Zugkraftunterbrechung die Gänge wechseln konnte. Zumindest in der Theorie: In der Praxis wurde das Getriebe längst ausgetauscht und auf ein eigenes Podest gestellt, weil es dafür keinen Ersatz mehr gibt. Der Fünfzylinder explodiert förmlich Aber so eindrucksvoll diese technische Meisterleistung auch gewesen sein mag: Was sind schon ein paar Wellen und Ritzel, wenn es um Walter Röhrl geht. Der Mann ist eine Ikone. Ein Vollgas-Phänomen. Einer dieser Fahrer, die größer sind als ihr Sportgerät. In den 80ern war er in Deutschland so berühmt wie später Michael Schumacher oder Sebastian Vettel – nur ohne Glamour, Grid-Girls und Tribüne. Und trotzdem hat er sich tiefer ins Herz der Petrolheads gefahren als viele Rundstrecken-Stars seiner Zeit. Weil er das konnte, was kaum einer konnte: Ein Auto nicht nur schnell bewegen, sondern es beherrschen. Auf Schotter, Schnee und Eis – und weit jenseits dessen, was für normale Menschen die Grenzen der Physik markiert. Ich sitze also nicht einfach in einem Rallye-Fahrzeug. Ich sitze in einem Motorsport-Mythos. Doch noch bevor mir dieser Gedanke zu Kopf steigen könnte, raubt mir der Motorstart die Sinne und der Quattro fordert die ungeteilte Aufmerksamkeit: Kein sanftes Hochdrehen, kein kultiviertes Brummen. Der Fünfzylinder explodiert förmlich und jede seiner 530 PS strotzt nur so vor Kraft. Er bellt, er schreit, er vibriert durch den ganzen Körper. Und dieses Geräusch – dieser ungerade Rhythmus – ist sofort wieder da, dieses typische Audi-Fünfzylinder-Stakkato, dazu das Heulen des Turbos und dieses irrwitzige Zwitschern, wenn er die Luft wieder abbläst. Lesen Sie auchJeder Gangwechsel wirkt wie eine Detonation im Antriebsstrang. Röhrl hat das als „Explosionen“ beschrieben – und genau so fühlt es sich an. Der Audi beschleunigt nicht linear. Er greift dich an. Unter drei Sekunden auf 100 km/h, in zehn Sekunden auf 200 km/h – Zahlen, die heute noch absurd sind, damals aber völlig jenseits jeder Vernunft lagen. Und das alles auf losem Untergrund. Ich taste mich heran, respektvoll, vorsichtig. Schließlich ist der Wagen mittlerweile Millionen wert und obendrein der Star der Sonderausstellung. Es wäre ein herber Verlust, wenn der Rallye-Rentner im Rothaargebirge Schaden nähme. Doch dieses Auto macht keine halben Sachen. Entweder du bist entschlossen – oder du bist erledigt. Der Ladedruck baut sich auf wie eine Wand. Erst nichts, dann alles auf einmal. Der Turbo setzt nicht einfach ein, er kommt über dich wie ein Tornado aus heiterem Himmel. Das Lenkrad arbeitet in meinen Händen – genau dieses Lenkrad, auf dem sich Walter Röhrl mit seiner fast mädchenhaften Unterschrift verewigt hat. Ein seltsamer Moment: Während ich versuche, dieses Monster zu bändigen, denke ich daran, wie Röhrl genau hier gesessen hat. Wie er dieses Auto nicht nur bewegt, sondern gemeistert hat. Mit einer Präzision, die fast unwirklich erscheint, spätestens seit er mit einem auf 600 PS getunten Modell und Flügeln, groß wie bei einem Jumbojet, in einer Rekordzeit von 10:47 Minuten auf den Pikes Peak in Colorado getürmt ist. Der Allradantrieb zerrt, sucht Grip, findet ihn, verliert ihn wieder. Der S1 ist kein präzises Skalpell, wie ein moderner Rallyewagen. Er ist ein Vorschlaghammer. Aber einer, der erstaunlich zielgenau trifft, wenn man ihn versteht. Und einer, der schnell zuschlägt. Sehr schnell sogar. 227 km/h stehen als Spitzentempo im Datenblatt. Ich beginne zu ahnen, warum Röhrl zu dem wurde, was er ist. Warum sein Name bis heute nachhallt. Weil man für ein Auto wie dieses mehr braucht als Talent. Mehr als Mut. Man braucht ein untrügliches Gespür für die Straße und ein Gefühl für die heimliche Ordnung im Chaos.Permanente GrenzüberschreitungIch fahre schneller. Traue mich mehr. Spüre, wie das Auto beginnt, sich zu öffnen. Wie es aus dem Groben heraus eine eigene Präzision entwickelt. Wie es sich mit jedem Gasstoß wohler fühlt und bei allem Ungestüm plötzlich gutmütiger, fast sanfter erscheint. Wie die Gewalt berechenbar wird – zumindest ein Stück weit. Aber ganz ehrlich: Ein Rest bleibt immer. Ein Gefühl, dass dieses Auto stärker ist als du. Dass es dich jederzeit vernichten könnte, wenn du nur einen Moment zu spät reagierst.Aber wahrscheinlich ist es genau das, was die Faszination der Gruppe B damals ausgemacht hat und was bis heute nachwirkt. Diese permanente Grenzüberschreitung. Dieses Spiel mit Kräften, die man eigentlich nicht kontrollieren kann. „Die Fahrer und Beifahrer glichen Dompteuren, die die wilden Rallye-Tiere mit Mühe und Not bändigten“, schwärmt Museumsinhaber Loh. „Die Zuschauer haben sie frenetisch gefeiert. Und so hat sich dieser automobilgewordene Wahnsinn bis heute fest in der Erinnerung verankert.“Lesen Sie auchAls ich aussteige, brauche ich einen Augenblick. Mein Puls ist hoch, das Shirt klebt schweißnass am Rücken, die Knie sind weich und meine Hände zittern. Nicht nur wegen des Adrenalins, sondern auch wegen der Erleichterung, dass alles gut gegangen ist, sondern auch aus Ehrfurcht und Respekt. Gleich steht der S1 wieder im Automuseum und wird Teil der Ausstellung „Rallye-Legenden“. Still. Unbeweglich. Fast friedlich. Aber ich weiß es besser. Denn ich habe ihn gefahren. Und ich habe gespürt, was passiert, wenn Technik, Mut und Wahnsinn aufeinandertreffen.Unser Autor Thomas Geiger wird die Spritztour im Audi Quattro auf ewig in Erinnerung behalten. Sein Respekt vor den Fähigkeiten von Walter Röhrl ist bei der Fahrt noch größer geworden.