PfadnavigationHomePanoramaSeuche auf der „Hondius“Hantavirus-Ausbruch an Bord – Blogger berichtet von „Umarmungen“ auf dem KreuzfahrtschiffStand: 09.05.2026Lesedauer: 6 MinutenEin Ausbruch des Hantavirus auf einem Kreuzfahrtschiff sorgt für Verunsicherung. Virologe Jonas Schmidt-Chanasit erklärt, warum das Pandemierisiko gering ist.Kamen die Passagiere der „Hondius“ der Frau eines zuvor gestorbenen Passagiers bedenklich nah? Davon berichtet jedenfalls ein türkischer Passagier. Er wirft der Crew des Kreuzfahrtschiffs vor, die Passagiere nicht gewarnt zu haben: „Sie nahmen das Problem nicht ernst genug.“Dichtes Gedränge am Büffet, Unbeschwertheit an Bord: Nach dem Hantavirus-Ausbruch an Bord des niederländischen Kreuzfahrtschiffs „Hondius“ war von verstärkten Sicherheitsmaßnahmen zunächst nichts zu spüren – sehr zum Erstaunen einiger Passagiere.Der türkische Videoblogger Ruhi Cenet erzählt im Interview mit der Nachrichtenagentur AFP, dass der Alltag auf dem Schiff selbst nach dem Tod des ersten Passagiers sorglos weiterging, als wäre nichts geschehen.Cenet war am 1. April in Argentinien an Bord des Schiffes gegangen. Er wollte eine Reportage über die abgelegene Inselgruppe Tristan da Cunha im Südatlantik drehen. Der Reiseauftakt war idyllisch, berichtet der 35-Jährige: Für das Wohlbefinden der insgesamt 88 Passagiere hätten 59 Besatzungsmitglieder gesorgt. Viele Passagiere waren Hobby-Ornithologen im Alter von 60 Jahren oder älter. Doch am Morgen des 12. April nahm die Situation laut Cenet eine seltsame Wendung, als der Kapitän des Schiffes über das Bordmikrofon den Tod eines Passagiers bekanntgab. Ein 70‑jähriger Niederländer sei bereits am Vortag gestorben, sagt der Kapitän in einem von Cenet aufgenommenen Video den Passagieren.Schiffsarzt habe versichert, dass „keine Ansteckungsgefahr“ bestehe„Der Schiffsarzt hat mir versichert, dass keine Ansteckungsgefahr besteht“, sagt der Kapitän in der Aufnahme – ohne zu ahnen, dass der britische Arzt später selbst schwer erkranken würde. Der Kapitän habe zudem von einem „natürlichen Tod“ des Mannes gesprochen, berichtet der mittlerweile nach Istanbul zurückgekehrte Videoblogger im Interview, bei Instagram teilte er auch Videomaterial der Szene. Lesen Sie auchDie Frau des ersten Opfers sei laut Cenet nach dem Tod ihres Mannes an Bord des Schiffes von zahlreichen Menschen umringt, getröstet – und sogar umarmt worden.Cenet, der das Schiff am 24. April in St. Helena verließ, macht den Verantwortlichen nun schwere Vorwürfe. „Sie zogen nicht einmal die Möglichkeit in Betracht, eine so ansteckende Krankheit an Bord zu haben“, sagt er. „Sie nahmen das Problem nicht ernst genug.“Drei der Passagiere sind inzwischen an den Folgen des Virus-Ausbruchs gestorben – darunter die Ehefrau des zuerst gestorbenen Niederländers sowie eine Deutsche. Cenet zeigt sich bestürzt darüber, dass an Bord des Schiffes nach der Durchsage des Kapitäns „der Alltag unverändert weiterging“. Auf seinen Videoaufnahmen sind ältere Passagiere zu sehen, die sich unbekümmert am Buffet tummeln. „Wir aßen weiterhin alle gemeinsam (...) und trugen dabei keine Masken“, sagt er.Um auf Nummer sicher zu gehen, beschlossen Cenet und sein Kameramann, sich freiwillig in Selbstisolation zu begeben. „Wir wussten zwar noch nichts von einem Virus, trafen aber vorsorglich entsprechende Vorkehrungen.“Kontakt mit Inselbewohnern?Einige Tage später ankerte das Schiff vor der Küste von Tristan da Cunha. Dieser Zwischenstopp könnte laut Cenet ein „Worst-Case-Szenario“ ausgelöst haben. „Zusammen mit uns waren da noch hundert weitere Passagiere, die mit den Inselbewohnern in Kontakt kamen.“ Dies sei eine der abgelegensten Inseln der Welt, auf der es weder genügend medizinische Einrichtungen noch ausreichend Ärzte gebe.Cenet verließ das Schiff gemeinsam mit etwa 20 anderen Passagieren in St. Helena. Einen Tag später bestieg er ein Flugzeug nach Südafrika – dieselbe Maschine, in der auch die Ehefrau des ersten Opfers mitflog.„Sie saß im Rollstuhl, ihr Kopf hing herab. Offenbar begann die Krankheit, ihr zuzusetzen“, erinnert sich Cenet. Einen Tag nach der Ankunft in Johannesburg starb die Frau.Von Südafrika aus kehrten Cenet und sein Kameramann nach Istanbul zurück. In Quarantäne mussten die beiden sich zunächst nicht begeben. Dennoch hätten beide versucht, sich „so weit es ging zu isolieren“, sagen sie. Doch Cenet wurde am 3. Mai bei einer gut besuchten Hochzeit fotografiert. Cenet teilte NBC News mit, dass er sich nach seiner Rückkehr in die Türkei einem Bluttest unterzogen habe und keinerlei Symptome aufweise, was er auf seine Isolation zurückführe.Am Mittwoch verließ das Schiff die Inselgruppe vor der Westküste Afrikas in Richtung der spanischen Kanareninsel Teneriffa. Ein Bekannter von Cenet ist immer noch an Bord. Inzwischen sind die Passagiere in ihren Kabinen isoliert und tragen Masken, wie Cenet von dem Mann erfuhr. Seiner Meinung nach sollten Schiffe dieser Art für Fälle wie den Hantavirus-Ausbruch „über eine Art Labor oder die notwendige Ausrüstung verfügen“. Immerhin hätten die Passagiere für die Kreuzfahrt umgerechnet rund 8500 Euro gezahlt.WHO-Chef will Evakuierung persönlich überwachenAktuell ist die Lage so: Das Kreuzfahrtschiff wird laut dem Betreiber voraussichtlich am Sonntagmorgen im Hafen von Granadilla auf Teneriffa ankommen. Die Planungen für die Ankunft, inklusive Untersuchungen und Quarantäne-Prozeduren, würden von verschiedenen Organisationen verantwortet, darunter die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie niederländische und spanische Gesundheitsbehörden, teilte der Veranstalter Oceanwide Expeditions am Freitagabend mit. Der Betreiber erklärte, derzeit zeige niemand auf der „Hondius“ Symptome. In Teneriffa demonstrierten laut „Bild“ rund 40 Hafenarbeiter gegen das Anlegen des Schiffes. Sie bemängeln hauptsächlich, dass es keinen Plan und keine Schutzausrüstungen für den Umgang mit den Passagieren gibt.Deutschland, Frankreich, Belgien, Irland und die Niederlande schicken Flugzeuge nach Spanien zur Evakuierung ihrer Staatsangehörigen von dem Schiff. Die WHO macht die Evakuierung der noch rund 150 Menschen an Bord zur Chefsache. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus traf am Samstag sogar persönlich in Spanien ein, um eine sichere Evakuierung zu beaufsichtigen. Laut WHO wurde mittlerweile in sechs von acht Verdachtsfällen eine Infektion mit dem von Mensch zu Mensch übertragbaren Andes-Virusstamm bestätigt.In Deutschland wird in der Uniklinik Düsseldorf (UKD) eine Passagierin untersucht, die neben zwei kranken Crew-Mitgliedern ausgeflogen wurde. Wegen der langen Inkubationszeit könnten die Ärzte erst nach acht Wochen Entwarnung geben, erklärte der UKD-Bereichsleiter Tropenmedizin, Torsten Feldt. Man könne nur sagen, dass die Kontaktperson derzeit keine aktive Infektion habe. Die WHO hat wiederholt betont, dass es sich bei dem Hantavirus-Ausbruch um eine ernste Entwicklung handle, aber keinesfalls um den Beginn einer Pandemie. Hantaviren werden üblicherweise durch infizierte Nager wie Ratten oder Mäuse übertragen.Der argentinische Experte Raúl González Ittig weist darauf hin, dass sich das Hantavirus nicht so schnell verbreitet wie etwa das Coronavirus – auch wegen der höheren Sterblichkeit. Da beim Hantavirus „schnell Todesfälle auftreten“, könnten dann auch rasch Schutzmaßnahmen ergriffen werden, sagte der Professor von der Universität Córdoba in Argentinien der Nachrichtenagentur AFP. So werde „die Übertragungskette zügig unterbrochen“. Die Wahrscheinlichkeit einer Hantavirus-Pandemie sei daher gering.Ausbruch 2018 in Argentinien ließ sich gut eindämmenEin Ausbruch im argentinischen Dorf Epuyén zeigte 2018, dass sich das Andesvirus zwar von Mensch zu Mensch übertragen kann, die meisten Ansteckungen aber offenbar in einem kurzen Zeitfenster stattfinden. Ausgangspunkt war ein 68-jähriger Mann, der sich wohl über Ausscheidungen von Nagetieren angesteckt hatte und trotz Fiebers an einer Geburtstagsfeier mit rund 100 Gästen teilnahm. Dort infizierten sich mehrere Menschen, teils nach engem Kontakt am Tisch – einige saßen weniger als einen Meter entfernt –, teils offenbar nach nur kurzer Begegnung. Insgesamt erkrankten 33 Menschen, elf starben; Forschende konnten die Infektionsketten anhand von Proben fast aller Betroffenen rekonstruieren.Besonders auffällig war die Rolle von drei Superspreadern, die zusammen etwa zwei Drittel der Infektionen verursachten. Die meisten Übertragungen geschahen vermutlich über Tröpfchen und vor allem an dem Tag, an dem die Infizierten Fieber bekamen; in Krankenhäusern steckte sich dagegen trotz enger Kontakte kein Personal an. Quarantäne für Erkrankte und Isolation von Kontaktpersonen konnten die weitere Ausbreitung schließlich eindämmen.AP/dpa/coh
Seuche auf der „Hondius“: Hantavirus-Ausbruch an Bord – Blogger berichtet von „Umarmungen“ auf dem Kreuzfahrtschiff - WELT
Kamen die Passagiere der „Hondius“ der Frau eines zuvor gestorbenen Passagiers bedenklich nah? Davon berichtet jedenfalls ein türkischer Passagier. Er wirft der Crew des Kreuzfahrtschiffs vor, die Passagiere nicht gewarnt zu haben: „Sie nahmen das Problem nicht ernst genug.“














