PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenArtikeltyp:MeinungJuwel in SaarburgDieser Italiener trägt mehr zur deutschen Genusskultur bei als fünf SternerestaurantsVeröffentlicht am 10.09.2025Lesedauer: 3 MinutenDas Essen: frisch und ehrlich. Die Atmosphäre: warmherzig und professionellQuelle: Vincenzo Di Tuoro; Marcus SimaitisDer Drei-Sterne-Koch Christian Bau wird oft nach seinem Lieblingsrestaurant gefragt, was für ihn schwer zu beantworten ist. Doch es gibt ein bodenständiges Lokal in seiner Nachbarschaft, über das er ins Schwärmen gerät.Vermutlich wird mir keine Frage öfter gestellt als die nach meinem Lieblingsrestaurant. Und sicher ist: Keine ist schwieriger zu beantworten. Ich habe so viele großartige Restaurants kennengelernt, dass es mir wirklich schwerfällt, eine halbwegs vernünftige Antwort zu geben. Aber eines kann ich sagen: Nirgendwo esse ich öfter als im „Burgrestaurant“ von Vincenzo und Tatjana Di Tuoro in Saarburg. Genauer gesagt: jeden Montagabend um 19.30 Uhr. Mit meiner Frau Sarah sitze ich hinten links in der Ecke – oder auf der sonnigen Terrasse mit Blick ins Saartal. Ohne vorherigen Anruf, ohne Reservierung. Das ist gesetzt.Warum? Aus zwei Gründen: Zum einen haben wir hier an der Mosel – es ist ein Trauerspiel – kaum Auswahl, wenn es um ehrliche, bodenständige gastronomische Qualität geht. Schon gar nicht am Montag und Dienstag, wenn wir unsere freien Tage haben. Wenn uns weder der Sinn nach Kaviarbergen noch nach vielen Gängen steht, sondern wir einfach nur im Hoodie und mit Turnschuhen etwas Ordentliches essen wollen.Lesen Sie auchUnd genau das – damit zum zweiten Grund – können wir bei Vincenzo und Tatjana. Unser Menü ist eigentlich immer gleich, und darauf freuen wir uns schon Tage im Voraus: eine Variation von Antipasti, mit Vitello Tonnato, Arancini, Mortadella, Pecorino, Panzanella – selbstgemacht, frisch, ehrlich. Und dann, selbstverständlich: Pasta! Vincenzo ist ein Meister, wenn es um gefüllte Nudeln geht. Und er ist ein Koch mit Rückgrat: Geriebener Käse kommt bei ihm nicht auf den Tisch. Seine Pasta ist so, wie sie sein soll – und so gehört sie auch gegessen. Am schönsten im Winter, wenn er herrliche Alba-Trüffel über seine hausgemachten Eiernudeln hobelt. Im Sommer lieben wir seine klassischen Spaghetti aglio e olio mit Scampi: in perfekter Emulsion aus stärkehaltigem Kochwasser und bestem Olivenöl – für uns immer mit etwas weniger Knoblauch und etwas mehr Chili.Ein Restaurant wie ein GeschenkFür Sarah und mich ist dieses Restaurant ein Geschenk. Ich erinnere mich noch gut, wie wir – auf Empfehlung meiner Sommelière Nina Mann und meines damaligen Maître Felix Kress – zum ersten Mal dort oben auf der Saarburg einkehrten. Mit null Erwartung. Und sofort begeistert waren. Von der Küche – noch mehr aber von der Herzlichkeit. Tatjana, die Gastgeberin, schafft es seit Jahren, ein junges, freundliches Serviceteam aufzubauen und zu halten. Die Atmosphäre, die sie erzeugt – warmherzig und zugleich professionell – findet man selbst in vielen Sternerestaurants nicht. Nicht umsonst kommen regelmäßig Topwinzer wie Hanno und Dorothee Zilliken, Peter Lauer oder Egon Müller vorbei. Man spürt: Gastfreundschaft ist hier nicht Attitüde, sondern Haltung. Hier wird Dienstleistung nicht gespielt, sondern gelebt.Lesen Sie auchDas ist natürlich kein Zufall: Vincenzo und Tatjana sind absolute Vollprofis, beide mit beeindruckender Vita in der internationalen Luxushotellerie – vom „Claridge’s“ in London über das „Hassler“ in Rom oder das „Oberoi“ in New Delhi bis zum „Eden Roc“ in Ascona haben beide in ersten Adressen gearbeitet. Nach der Geburt ihres Sohnes kehrten sie schließlich in Tatjanas Heimat zurück – und haben Saarburg mit ihrem Restaurant ein echtes Juwel geschenkt.Warum ich so ins Schwärmen gerate? Weil die beiden zeigen, dass es geht: überall. Man kann feine, bodenständige Küche aus schönen Produkten zu angemessenen Preisen servieren – wenn man sein Handwerk versteht. Man findet Personal, wenn man richtig mit Menschen umgeht. Und Stammgäste, wenn man ihnen mit Wertschätzung begegnet. Ein Ort wie das „Burgrestaurant“ in Saarburg ist für den Genussstandort Deutschland wichtiger als fünf weitere Sternerestaurants.Christian Bau kocht im „Victor’s Fine Dining“ in Perl-Nennig, das seit 20 Jahren mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet ist.