PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenRestaurantkritikWer es eigenwillig mag, der sollte nach Heidelberg fahrenStand: 07:23 UhrLesedauer: 3 MinutenIn jeder Hinsicht speziell: Das Restaurant „Oben“ im Wald über Heidelberg. Rechts: Kolumnist und 3-Sterne-Koch Christian Bau Quelle: Restaurant ObenDie Spitzenküche in Deutschland wird sich ähnlicher, doch es gibt zum Glück auch Ausnahmen: Etwa das „Oben“, in dem das Unikat Robert Rädel kocht. Sein Restaurant liegt versteckt im Wald über der Universitätsstadt.Dass die Spitzengastronomie in Deutschland teilweise etwas gleichförmig ist, habe ich vor einigen Wochen an dieser Stelle thematisiert. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass Instagram und die Vermutung, was dem Michelin gefallen könnte, dafür sorgen, dass sich gastronomische Konzepte angleichen.Ich empfinde das allerdings nicht als riesiges Problem. Es ist ein bisschen der Preis dafür, dass es hierzulande, im Gegensatz zu früher, unglaublich viele gute Restaurants gibt. Außerdem gehen nur sehr wenige Menschen so oft in Sternerestaurants essen, dass ihnen Hamachi irgendwann zu viel wird. Schließlich kann man einem ambitionierten Koch auch kaum vorwerfen, dass er sich an dem orientiert, was anderswo funktioniert. Es ist ja nicht jeder ein so kreativer Kopf wie Robert Rädel. In seinem „Oben“ in Heidelberg waren wir kürzlich zum Abendessen – und es war schlicht ganz wunderbar eigen!Es begann schon mit der Anfahrt. Man verlässt den Mainstream regelrecht physisch, wenn man mit dem Auto mitten in den Heidelberger Wald hineinfährt und sich irgendwann fragt, ob hier noch mit Spuren menschlicher Zivilisation zu rechnen ist. Oben angekommen herrscht dann pure Idylle: ein Tor, ein Gutshof, alte Mauern, eine Scheune, viel Grün, Katzen – und Alpakas. Lesen Sie auchIm Kopf passiert sofort etwas. Der Stress fällt ab, man kommt runter. Drinnen geht es passend weiter: nur fünf Tische, jeder anders, daran zwölf bis 15 Gäste. Drei Mitarbeiter, eine Du-Kultur, die hier tatsächlich passt. Kein Luxus, stattdessen Nahbarkeit und Authentizität. Dazu Schaukelstühle, eine alte Werkbank mit Schraubstock als Guéridon, ein Billardtisch, Kerzen, eigenwillige Musik.Das Team besteht aus Küchenchef Robert Rädel, Leis Büttner im Service und als Sommelier sowie Loris de Luigi als Souschef. Sie kochen, schenken Wein aus und bedienen die Gäste – in Jeans, weißem T-Shirt und Schürze. Statt einer Weinkarte gibt es eine Führung in den alten Gewölbekeller. Aufgeschrieben ist dort nichts – Leis hat alles im Kopf.Und Rädel hat alles im Gefühl: ein leiser, kluger, unaufgeregter Koch, der keiner Mode hinterherläuft. Er arbeitet regional, aber ohne Dogma. Seine Handschrift entsteht aus dem Ort, einfachen Produkten und klarer Haltung. Und teilweise in Selbstversorgung: Blüten, Sprossen, Kräuter kommen von den Wiesen rund um den Hof. Dazu Fisch aus einem Nebenarm des Rheins, Eier und Hühner vom lokalen Züchter. Und trotzdem: null aufgeblasenes Storytelling. Dafür jede Menge Substanz. Was auf den Tisch kommt, ist durch die Bank ausbalanciert, süffig, mit guter Saucenstruktur, tollen Produkten und von blitzsauberem Handwerk. Da war dieses rabenschwarze, saftige Bauernbrot mit leichtem Kirscharoma. Lauwarme junge Erbsen mit Morcheln und Kalbszunge – süffig zum Löffeln. Odenwälder Sashimi: leicht und aromatisch. Ein Landschweinwedel als echtes Soul Food. Dann Spargel, über offenem Feuer stark gegrillt. Ein badischer Rheinhecht versetzte mich zurück in meine Ausbildungszeit. Danach ein wunderbares Huhn in einer unfassbar guten Consommé: tief, goldgelb, mit tadellosen Innereien. Die Brust schmeckte intensiv und war gleichzeitig saftig und butterzart.Lesen Sie auchDas alles für vergleichsweise bescheidene 185 Euro. Und weil man dort Gast ist und nicht Kunde, bezahlt man nicht vor Ort, sondern bekommt die Rechnung mit – zum Überweisen. Irre! Meine Frau und ich haben dieses Restaurant beseelt verlassen und die ganze zweistündige Heimfahrt lang davon geschwärmt.Ach ja – die Sache hat natürlich einen Haken: Das „Oben“ ist bis Ende November ausgebucht. Kein Wunder!Unser Kolumnist Christian Bau kocht im „Victor’s Fine Dining“ in Perl-Nennig, das mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet ist.