PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenNachrufFritz Eichbauer – Visionär und Schöpfer des Mythos TantrisVon Manfred KlimekVeröffentlicht am 01.07.2025Lesedauer: 5 MinutenFritz Eichbauer (l.) mit Ehefrau Sigrid-Ursula und Sohn Felix im Jahr 2011 im Sterne-Restaurant „Tantris“ in München-SchwabingQuelle: picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo/Rumpf, StephanFritz Eichbauer, Gründer des Münchner Kult-Restaurants Tantris, revolutionierte die deutsche Sterne-Gastronomie. Mit avantgardistischer Architektur und kulinarischem Mut prägte er Genuss und Lebenskunst. Er wurde 97 Jahre alt. Ein Nachruf.Schwabing – das war vor 54 Jahren jener, in der alten Bundesrepublik überall bekannte Münchner Stadtteil, in dem das Leben einer damals neuen Post-68er-Bohème zwischen schicken Altbauwohnungen, Jazzkellern und Künstlerateliers vibrierte. Rainer Werner Fassbinder lebte hier, Hanna Schygulla und Helmut Dietl ebenfalls. Hier, in Schwabing – eine logische Wahl –, wagte Bauunternehmer Fritz Eichbauer im Dezember 1971 ein Experiment und legte den Grundstein für eine kulinarische wie architektonische Revolution. Eichbauer war kein Gastronom, aber ein Feinschmecker mit intellektuellem Anspruch und gestalterischer Präzision. Er beauftragte den Schweizer Architekten Justus Dahinden mit einem Entwurf, der dem Geist der damaligen Avantgarde entsprach: ein Restaurant, nein, eine Skulptur aus Beton – grau, rot, orange, gold – kompromisslos modern und bis heute ein Denkmal progressiver Baukunst.Was dann geschah, war zunächst begleitet von Spott und Skepsis. Ein Feinschmeckerlokal im 70er-Jahre-Futurismus? In München? Viele, auch zahlreiche Tagesmedien, prophezeiten Eichbauer beinahe höhnisch ein schnelles Scheitern. Doch er blieb unbeirrt, auch wenn ihn die ersten drei Jahre viel Geld kosteten. Auf der Suche nach dem richtigen Küchenchef fand er einen ebenbürtig Suchenden: Eckart Witzigmann, einen jungen Österreicher aus Bad Gastein, der nach klassischer Ausbildung – auch in französischen Drei-Sterne-Restaurants – einen Patron suchte, bei dem er seine Vision moderner, teils regional geprägter Küche verwirklichen konnte. 1973 holte Eichbauer mit Witzigmann den ersten Michelin-Stern nach München, 1974 folgte der zweite. In den Anfangsjahren, so erzählte Eichbauer später, waren es vor allem ausländische Gourmets, die die Tische im Tantris besetzten – Tische, die nicht einmal reserviert werden mussten.Lesen Sie auchEckart Witzigmann brachte die Nouvelle Cuisine nach Deutschland: präzise, produktbezogen, frei von Mehlsaucen und fader Beilagenroutine – ein Roti, maximal zwei Beilagen, dazu eine grandios auf Butter basierende Sauce. Eichbauer schuf dafür das passende Setting: eine offene, zweistöckige Küche und zwei geräumige Hallen als Bühne – genauso groß wie das Restaurant. Ein Ort, an dem Delikatessen von einer Brigade zubereitet wurden, deren Professionalität in Deutschland bis dato unbekannt war. Das Tantris war nie nur ein Restaurant, sondern ein Statement – gegen Konventionen, gegen Genügsamkeit, gegen dekorative Behaglichkeit.Als Witzigmann 1978 sein Restaurant Aubergine eröffnete – ein Jahr später mit drei Sternen als erstes deutsches Restaurant –, geriet das Tantris als Pilgerort kurz ins Hintertreffen. 1981 aber kochte Nachfolger Heinz Winkler auch dem Tantris die längst verdienten drei Michelin-Sterne und ließ München über viele Jahre als Hauptstadt der deutschen Genusskultur erstrahlen – etwas, das die kulinarische Fachwelt lange für unmöglich gehalten hatte. Was in Frankreich längst etabliert war, begann durch Eichbauers Mut, auch hier Gestalt anzunehmen: eine neue Hochküche, verankert in Handwerk, Haltung und Herkunft.Parallel zu den Erfolgen der Küche entwickelte sich auch der Weinkeller des Tantris zu einer Institution. Maßgeblich daran beteiligt war Paula Bosch, die 1991 als erste offiziell bestellte Sommelière Deutschlands ins Haus kam – eine Pionierin, die sich in einer männlich dominierten Domäne mit Sachverstand, Intuition und stilistischer Weitsicht behauptete. Ihre Empfehlungen waren nie reine Schaustücke, sondern lebendige Erzählungen großer Kelterkunst: große Bordeaux, gereifte Rieslinge, Burgunder mit Seele. Bosch verstand den Service am Gast als Bühne für ihre Leidenschaft, nicht für Attitüde – und legte damit den Grundstein für eine neue Sommelierkultur in Deutschland.Fritz Eichbauer war dabei nicht nur der Finanzier, sondern auch Ideengeber, Regisseur und Unternehmer mit klugem Sinn für das Gute, Schöne und grandios Schmeckende. „Ich hätte der Familie ein Schloss kaufen können, habe aber ein Restaurant gebaut“, sagte Eichbauer einmal rückblickend. Sein Mut, in Beton, Design und Küchenleistung zu investieren, ohne sich der Volks- oder Medienmeinung anzubiedern, war typisch für ihn: stilsicher, klar, ohne Angst vor Widerstand.Lesen Sie auchDie Architektur war weit mehr als bloße Kulisse. Dahindens Entwurf mit seinen organischen Formen und dem spirituellen Lichtspiel übersetzte Kirche in Kulinarik. Jeder Besuch im Tantris wurde so zu einem beinahe sakralen Ritual – heute in dieser Form kaum mehr vorstellbar.Und dann kam 1991 Hans Haas. 20 Jahre nach der Eröffnung führte der Tiroler das Tantris durchgehend auf Zwei-Sterne-Niveau weiter – mit seinem eigenen Stil: uneitel, alpin, präzise, kompromisslos produktorientiert, vielleicht etwas weniger überraschend als seine Vorgänger. „Pinzetten haben im Tantris beim Anrichten der Speisen nichts verloren“, sagte Haas einmal. Heute ist das anders.Lesen Sie auchInzwischen führen Eichbauers Sohn Felix und dessen Frau Sabine das Tantris in eine ähnliche, aber doch neue Zukunft – mit geerbtem Ernst, aber frischer Energie. Die aufwendige Renovierung im Jahr 2021, begleitet von langjährigen Mitarbeitenden und neuen Talenten, war kein Rebranding, sondern ein Weiterbauen an der Idee Tantris.In der Küche steht nun Benjamin Chmura, ein brillanter Koch, der in Frankreich bei den Michelin-Größen Yannick Alléno und Michel Troisgros lernte. Chmura interpretiert die klassische Nouvelle Cuisine neu, mit einer anspruchsvollen Handschrift, die Präzision und Spannung vereint, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern. Er repräsentiert eine neue Generation: international, diszipliniert, ideenstark. In seinem Menü verbinden sich französische Technik, bayerisches Produktbewusstsein und eine fast japanische Klarheit der Form.Und doch bleibt Fritz Eichbauer der Gründungsmythos in Person: eine Persönlichkeit, die kein Aufheben um sich selbst machte, aber mit klarem Blick den Rahmen für das schuf, was heute deutsche Genussgeschichte ist. Ein Unternehmer des Schönen, ein Bauherr mit Gespür für geschmackvollen Brutalismus, ein Visionär mit Haltung. Und einer, über den man gewiss und ohne Zweifel sagen kann: Ohne ihn wäre alles anders gekommen. Fritz Eichbauer ist am 19. Juni 2025 im Alter von 97 Jahren verstorben.