PfadnavigationHomeICONISTModeArtikeltyp:MeinungPost-SymbolmodeKonservativ ist progressivVeröffentlicht am 13.06.2025Lesedauer: 6 MinutenKonservierte Coolness: Hermès 2005 performt jetzt besser als Gucci neuQuelle: Getty Images/CatwalkingMode war mal Super-Seismograf. Doch gerade ignorieren Designer die Zeichen der Zeit. Auf den Laufstegen herrscht ideologischer Gleichklang, während sich draußen längst etwas verschoben hat. Was man sehen müsste. Und warum man es nicht sieht.Im April 1989 erschien der britische „Tatler“ mit Vivienne Westwood auf dem Cover, verkleidet als Margaret Thatcher – inklusive Chanel-Kostüm, Perlenkette und Blow-dry. Die Headline „This woman was once a punk“. Die Ausgabe war als Aprilscherz gekennzeichnet und als Provokation gemeint: Westwood wollte mit dem Cover zeigen, dass Macht eine Frage der Inszenierung ist. Rückblickend lässt sich aber ebenso als unfreiwillige Würdigung betrachten. Denn so gegensätzlich Westwood und Thatcher auch wirkten: In ihrer Radikalität steckte bei beiden eine ordentliche Portion bewundernswerte Kompromisslosigkeit. Die eine stürmte die Modewelt, die andere die Politik. Beide auf ihre ganz eigene, radikale Art.Wer heute in der Mode nach jenem eruptiven Moment sucht, dem Bild, das sich einprägt, der Geste, die etwas wagt, bleibt derzeit hungrig. Die Laufstege wirken wie ein Tunnelblick. Stur wird ein immer gleicher Look gefeiert und aufgearbeitet, der die Zeichen der Zeit grandios ignoriert. Männer besinnen sich im wahren Leben zunehmend auf ihre Maskulinität, werden auf dem Laufsteg aber weiter in filigran-rosa Gardinen-Spitze (Alexander McQueen) gesteckt oder mit Häschenprints und Strickpullundern weichgezeichnet (Bottega Veneta). Ex-Gucci Designer Alessandro Michele, so etwas wie der Sonnenkönig der Zehnerjahre, ist bei Valentino eigentlich für eine neue Eleganz zuständig, versteckt sie aber unter barock-verstaubten Rüschen. Bei Miu Miu liefen im Januar gruselige Gendermonster in Sekräterinnenkluft über den Laufsteg. „Progressiv“, das Attribut, das die Mode stets so eindringlich für sich beansprucht, sieht gerade bieder und altbacken aus.Der zahlungskräftige heterosexuelle Mann bleibt währenddessen unsichtbar: Er sucht weder Schleifen noch Schmuck noch kinky Kitkat-Garderobe, sondern im Zweifel schonungslos makellos geschnittene Jeans, Sakkos und Blousons. Die viel beschworene „Demokratisierung“ der Mode hat damit ausgerechnet ihre solventeste Klientel ausgeklammert und wundert sich nun über rote Zahlen. Auch Frauen fremdeln zunehmend mit dem überinszenierten Empowerment-Kostüm mit Sirenenpathos. Weiblichkeit erscheint nur noch als Abstraktion, als vermeintlich skandalöses Nacktspektakel oder Negation. Vielleicht wäre es an der Zeit, sie einfach wieder zuzulassen.Hat man nicht bemerkt, dass sich eine kulturelle Kehrtwende abzeichnet? Der Super-Seismograf, als den sich die „progressive“ Mode gerne bezeichnet, müsste längst Schallwellen an der Blase wahrgenommen haben, dass sich der Wind langsam dreht, weg von symbolischen Stellvertreterdebatten, hin zu existenzielleren Fragen. Doch stattdessen diskutiert man in der Szene lieber darüber, dass sämtliche neu vergebene Designerposten gerade von Männern besetzt wurden. Schwulen Männern, wohlgemerkt, aber das lässt man in dem Zusammenhang lieber weg. Und selbst wenn sich bei den Frühjahr/Sommer 26-Kollektionen plötzlich ein Mindshift andeuten sollte, wäre das weniger Ausdruck visionärer Stärke als ein spätes Nachjustieren. Und in Modejahren gerechnet, so etwas wie fünf Jahre zu spät.Das ist insofern bemerkenswert, als dass die Mode mal das schnellste Medium kultureller Reaktion war. Auf gesellschaftliche Verschiebungen antwortete sie unmittelbar, mit Silhouetten, Proportionen, Brüchen. Chanel sprengte in den 1920er-Jahren das Korsett und schuf Bewegungsfreiheit; Dior formte nach dem Krieg eine Silhouette, die Überfluss spielte, um Mangel zu kompensieren. Designer griffen Visionen auf, bevor das Feuilleton sie beschreiben konnte. Heute dagegen wiederholt sich die Branche. Statt neue Perspektiven zu entwerfen, kreist sie um Diskurse, die längst abgehandelt sind, aber weiterhin als allein akzeptabler Referenzrahmen gelten. Mode ist alles. Aber gerade ist sie nichts.Klassik wird aktiv ausgeblendetMit den großen Schauen im September und all den neuen Personalien wird sich schon bald zeigen, ob die „progressive“ Prêt-à-porter ihr verbohrtes Mindset verabschiedet und neue Visionen riskiert. Doch momentan sieht es nicht danach aus. Denn selbst bei Dior, einem konservativen Haus, das vor allem dank der Kaufkraft älterer Damen ökonomisch pulsiert, hat man gerade Jonathan Anderson berufen, bekannt für figürliche Clutches bei Loewe: akkurat geformte Tauben, Tomaten, keinerlei Abstraktion. Von Redaktionen gerne als Pop-Art verklärt, erinnern die Taschen in Wahrheit eher an die weltabgewandte Lieblichkeit des Biedermeier. Die Tomate ist keine Metapher, und erst recht kein provokanter Kommentar, wie etwa Demnas Müllbeutel für Balenciaga – es ist einfach eine Tomate. Man kann nur hoffen, dass Dior unter Anderson nicht jenen behäbigen Kurs einschlägt, den Chanel nach Lagerfeld nahm. Und am Ende Stockenten als It-Bags verkauft. Marken wie Hermès profitieren längst von der unökonomischen „Haltung“ der Konkurrenz, die Instagram-kompatible Gimmicks für den viralen #bratgirlsummer (linken Rotzgörensommer) entwarfen statt saisonunabhängiger Stücke, in die man in Krisenzeiten viel lieber investiert. Ein zuletzt irrlichterndes Gucci bleibt weit hinter den Erwartungen zurück, im ersten Quartal dieses Jahres sind die Umsätze im Jahresvergleich um ganze 24 Prozent eingebrochen. Lesen Sie auchDas Bedürfnis nach Tradition, Klassik, Konservatismus ist sichtbar, aber wird aktiv ausgeblendet, weil es nicht zum Bild passt, das sich die Szene von sich selbst gibt. Auf den Straßen etwa war vergangenen Winter ein deutliches Bedürfnis nach Pelz zu erkennen. Aber weil die meisten großen Prêt-à-porter-Marken jahrelang mit Peta im Bett lagen, weil die Aktivisten ihnen zu dicht auf die Pelle gerückt sind, traut sich niemand mehr an Nerze und Ozelot ran. Die eigentlich viel nachhaltigere Variante als all die recycelten Plastikflaschen, die stattdessen bei Fast Fashion gekauft werden, hat sich entbehrlich gemacht. Oder man holt sich den Pelz eben secondhand.Avantgardisten werden nicht altOhnehin ist das Geschäft mit gebrauchter Mode zur ernsthaften Konkurrenz der Prêt-à-porter geworden und wächst weltweit mehr als doppelt so schnell wie der klassische Modehandel. All die „progressiven“ Designer haben sich in den letzten Jahren selbst auferlegt, besonders politisch korrekt zu sein – was erstaunlich ist in einem System, das vom Kapitalismus lebt und blüht. Die Folge: Progressiv zu sein, bedeutet heute, streng genommen, nichts Neues mehr zu kaufen. Schon jetzt ist Secondhand nicht mehr „zweite Wahl“, sondern oft sogar begehrter als Neuware.Alte Teile mit ästhetischem Mehrwert findet man online und in hervorragend kuratierten Luxusvintageshops, die in Modemetropolen wie Paris oder Mailand zunehmend Designerboutiquen verdrängen. Sie prägen längst eine neue Ästhetik mit. Eine, die sich sichtbar an einem konservativen Wertegerüst orientiert: Im Vordergrund steht das Bestehende, das Arrangement der Dinge, ein kompromisslos sauberer Fit, langlebige Materialien, die Linie. Es wäre in etwa die Vision, die Martin Margiela mal unter Hermès angestrebt hat, die aber in den ersten Jahre des neuen, lauten Millenniums komplett unterging. Hermès schockierte die Branche, als ausgerechnet Margiela, der Unsichtbare unter den Designern, die Leitung der Damenlinie übernahm, während anderswo überall die Logos blinkten und knallten. Beständigkeit statt Reizüberflutung. Jede Saison sprach mit der vorherigen und der nächsten. Papierdünnes, butterweiches Leder ließ sich schichten, klug kombinieren, aufbauen. Alles war sinnlich, taktil und genauso weitsichtig wie bei seinem Zeitgenossen, dem Minimalismusking Helmut Lang, der über zarte Slipkleider kugelsichere Westen drapierte. Beide wurden damals als Avantgardisten bezeichnet. Sie waren so visionär, dass sie es noch heute sind. Bewahren statt wegwerfen. Kuratieren statt neu machen. Ändern statt anbiedern. Das ist radikal, das ist konservativ.
Mode: Konservativ ist plötzlich progressiv - WELT
Mode war mal Super-Seismograf. Doch gerade ignorieren Designer die Zeichen der Zeit. Auf den Laufstegen herrscht ideologischer Gleichklang, während sich draußen längst etwas verschoben hat. Was man sehen müsste. Und warum man es nicht sieht.






