PfadnavigationHomeICONISTModeArtikeltyp:MeinungEinheitslookDas Label der Stunde? Chanelottega PradiorVeröffentlicht am 05.12.2025Lesedauer: 4 MinutenWar vor zehn Jahren mal lustig: „I Love New York“-Touri-Shirt bei ChanelQuelle: CJ Rivera/Invision/APChanel sieht plötzlich aus wie Bottega Veneta, auch anderswo in der Mode herrscht stilistische Verwirrung. Die tiefe Luxuskrise hat zu Designer-Roulette und Etikettentausch geführt. Doch das große Umräumen scheint noch nicht vorbei.Wer sich im Sommer eine Jeans bei Uniqlo aus der Kollektion von JW Anderson gekauft hat, hat heute gewissermaßen Dior im Kleiderschrank hängen. Dafür wandelten bei Chanels Métiers d’art 2026 Show gerade I love New York Souvenir-T-Shirts vom Times Square über den Laufsteg, der kein Laufsteg, sondern eine Subway Station war, wo einem normalerweise keine 2.55 Täschchen, sondern aggressive Ellenbogen und schnorrende Arbeitsverweigerer begegnen, die in der U6 zwischen Mehringdamm und Unter den Linden allerdings so großzügig bezahlt werden, dass sie sich bald welche leisten könnten. Ohnehin verlor man beim Betrachten der Kollektion immer wieder die Orientierung. Mehrere Looks waren nahezu identisch, kürzlich erst bei Bottega Veneta oder Celine zu sehen und ein gestrickter Superman-Pullover hätte genauso bei Loewe oder Dior landen können, dem eher konservativen Haus, das JW Anderson leider gerade unter seinem gestrigen Gimmick-Stempel erdrückt. Was hier wie stilistische Beliebigkeit wirkt, ist längst Symptom. Der Luxusmarkt hatte sich über Jahre selbst hochgeschraubt: immer teurer, immer schriller, hastig verteuert, lustlos erhöht, während China bremste und junge Käufer nicht mehr jeden Preissprung mitspielten. Stand Dezember 2025 zieht der Konsum zwar wieder an – aber nur dort, wo ikonische Stücke echtes Begehren erzeugen, wie bei Hermès, die die Krise lässig elegant weglächeln konnten. So begann in diesem Jahr das große Umräumen. Die Häuser rotierten ihre Designer untereinander wie Models im Line-up. Markenidentitäten verschoben, versetzten sich, etikettiert sich neu. Und kaum dass sämtliche Top-Vakanzen besetzt waren und die ersten Kollektionen im September in Mailand, Paris, London und New York gezeigt, begann direkt im Anschluss das Stühlerücken von vorn. Diesmal auf der Geschäftsebene: Luca de Meo wechselte von der Autobranche (Renault) in die Mode und fing im Sommer beim französischen Luxuskonzern Kering als CEO an. Francesca Bellettini übernahm erst vor wenigen Wochen bei Gucci. Jetzt wurde bekannt: Nach über 30 Jahren tritt Sidney Toledano bei LVMH zurück, ab 2026 übernimmt Pietro Beccari die Leitung der LVMH Fashion Group. Bei Jil Sander folgte im Frühjahr Ubaldo Minelli auf Brunschwig und bei Valentino übernahm im September Riccardo Bellini von Venturini.Auffällig ist: In allen Fällen waren die neuen Designer längst ernannt, bevor die Chefetagen neu sortiert wurden. Bei Versace, wo nicht ein neuer CEO, sondern gleich ein neuer Eigentümer – Prada – übernahm, führte das nur zwei Tage später zum Knall: Designer Dario Vitale, erst im März als Nachfolger von Donatella Versace vorgestellt, verlässt das Haus bereits wieder, mit der obligatorischen Floskel „auf eigenen Wunsch“ – die man sich in diesem Zusammenhang auch hätte sparen können.Einer macht es andersWährend die Laufstege sich also gerade zu einem einzigen Chanelottega Pradior vermengen, entwirft die Businessetage längst neue Modevisionen auf ihren Whiteboards. Schicker als das, was aktuell in den Boutiquen hängt, dürfte das allemal aussehen. Schließlich sind hier Business-Franzosen und Italiener am Werk, die sich inzwischen meist stilvoller kleiden als ihre verwirrten Designer, die immer noch Eskapismus-Garderobe für den schwulen Verkäufer bei La Rinascente machen, die er sich im Leben nicht leisten kann. Einer macht es anders: Demna, frisch von Balenciaga zu Gucci gewechselt und auf dessen erste Handbewegung alle Augen gerichtet sind, manövriert souverän durch die Situation. Ein erster Glimpse seiner heiß erwarteten Vision wirkt zunächst wie ein direktes Echo der Tom-Ford-Neunziger – jener hypererfolgreichen Gucci-Mission, die mit sinnlicher Kühle und ökonomischer Stringenz das Haus aus seinem Bedeutungsloch zogen. Doch statt lediglich die Oberfläche dieser verlorenen Leichtigkeit zu zitieren – nach der junge Konsumenten derzeit so hungrig greifen – macht Demna auf den zweiten Blick etwas anderes: Er arbeitet nicht Effekte nach, sondern erhöht das Niveau der Ausführung. Er verdichtet Gucci-Archive und Nineties-Referenzen zu leichtem Tailoring ohne Knöpfe, nahtlosem Denim, seidenfließenden Reiseanzügen, peignoirhaften Mänteln – alles gelenkt von dem Versuch, historische Eleganz mit gegenwärtiger Körpernähe und funktionalem Anspruch zu verbinden. Eine kreativ-strategische Antwort auf das stilistische Übergangsszenario der Branche. Baby got business.