PfadnavigationHomeICONISTModeArtikeltyp:MeinungMühelose EleganzWarum heute jeder Stil kopiert – aber kaum jemand noch einen eigenen hatVeröffentlicht am 09.04.2026Lesedauer: 4 MinutenInfluencer post mortem: Carolyn Bessette und JFK Jr.Quelle: NY Daily News via Getty Images/New York Daily NewsAlle suchen gerade nach Nonchalance und entdecken Persönlichkeiten wie Carolyn Bessette oder Gianni Agnelli neu. Doch Mühelosigkeit lässt sich nicht kopieren. Was auch erklärt, warum viele Politiker heute so hölzern wirken: Stil verträgt sich schlecht mit Regeln und Grenzsetzung.Man kann an der Mode im Moment vieles kritisieren. Dass sie sich früher sichtbarer weiterentwickelte. Und dass sie heute erstaunlich richtungslos wirkt. Vieles, was auf den Laufstegen zu sehen ist, lässt vermuten, Designer hätten lediglich das Archiv ausgeschlachtet. Demna zeigte bei Gucci kürzlich eine Kollektion, die eins zu eins an die von Tom Fords Gucci der Neunziger erinnerte. Damals war diese freizügige Freiheit ein Bruch mit allem, was Mode bis dahin kannte. Heute wirkt dieselbe Ästhetik nur wie ein Zitat aus einer anderen Zeit. Demna gehört allerdings zu den Designern, die sehr genau wissen, was sie tun. Man kann seine Kollektion also auch als Kommentar lesen, als Spiegel, den er der Szene bewusst vorhält. Denn der Blick der Mode richtet sich gerade auffällig stark rückwärts. Plattformen für gebrauchte Kleidung wachsen schneller als viele Modehäuser. Man sucht in der Vergangenheit nach etwas, das der Gegenwart fehlt.Die Sehnsucht richtet sich dabei auffällig oft auf Figuren, deren Stil als mühelos gilt. Persönlichkeiten, deren Auftreten wirkt, als hätte es sich ganz selbstverständlich ergeben. Carolyn Bessette etwa, deren zeitlose Garderobe gerade in der Serie „Love Story“ auflebt und überall auf Instagram kopiert wird. Oder Jane Birkin, deren Stil in immer neuen Coffeetable-Büchern seziert wird. Das Resultat dieser Sehnsucht sieht allerdings etwas anders aus. Tausende Influencer laufen zu Zara, um möglichst exakt jene Teile zu kaufen, die Carolyn Bessette einst getragen hat. Das ist ungefähr das Gegenteil von Mühelosigkeit – und sieht am Ende auch genau so aus. Der Begriff selbst gehört ohnehin zu den großen Missverständnissen der Gegenwart. „Effortless chic“ klingt, als müsse man eine bestimmte Formel erfüllen. Und auch auf den Laufstegen ist Nonchalance jetzt Programm: Bei Chanel lässt man die 2.55 auf dem Laufsteg offen, Prada zeigte abgewetzte Kragen, Armani offene Krawatten, überall verwischte Mascara, heruntergerutschte Strümpfe, bei Versace stand der Hosenstall offen. Stil, manchmal auch wirklich charmant bis geistreich – aber einer, der in einer Bildökonomie entsteht, die alles sofort kopierbar macht. Was früher ein Nebeneffekt von Charakter war, wird heute zum Template. Sobald ein Bild zirkuliert, entsteht daraus eine Anleitung, eine Art globale Vorlage.Lesen Sie auchNur entsteht Mühelosigkeit nun mal selten aus einem Konzept, sondern aus Selbstverständlichkeit. Deshalb wirken viele Figuren, die heute als Stilvorbilder gelten, so schwer reproduzierbar. Gianni Agnelli trug seine Uhr über der Hemdmanschette – was Modeblogs jahrzehntelang beschäftigte. Ihn beschäftigte einfach nur, dass er keine Zeit dafür hatte, vor dem Blick auf die Uhr jedes Mal erst den Ärmel des Hemdes zurückzuziehen. Genauso wie Carolyn Bessette einfach keinen Bock auf jegliche Form von öffentlichem Drama hatte und sich genau so durch New York bewegte.Es könnte aber auch etwas mehr hinter dem akuten Bedürfnis stecken, so auszusehen wie diese mühelos souveränen Persönlichkeiten der Vergangenheit. Vielleicht ist die neue Freiheit in der Mode ja auch endlich eine Reaktion auf das lange links sozialisierte Klima der Gegenwart. Auf moralische Zwänge und gedankliche Korsette, auf Kontrolle und Belehrung. Auf irgendwelche unsichtbaren Regelkataloge, die man als Liberaler noch nie gelesen hat, mit Regeln, was gesagt werden darf, was gedacht werden soll, wie man sich verhalten muss. Eine Gesellschaft, die erstaunlich viel Energie darauf verwendet, anderen Menschen vorzuschreiben, wie sie sein sollen – und deshalb irritierend fixiert darauf ist, irgendwas von Grenzen zu erzählen, von denen man immer noch nicht weiß, wo sie sind und wer sie überhaupt zu definieren hat?!Nonchalance ist eben nie nur eine Frage der Kleidung gewesen. Sie war immer auch ein kulturelles Phänomen. Eine Gesellschaft, die Menschen ständig erklärt, wie sie denken, sprechen und sich verhalten sollen, produziert selten Eleganz.Lesen Sie auchWas dann auch die Trostlosigkeit vieler politischer Figuren erklärt. Staatsmänner hatten früher immer Stil – nicht weil sie steuerfinanziertes Styling betrieben hätten, sondern weil sie Persönlichkeiten waren. Und nicht wie heute mit Tanzvideos oder kollektiven Gruppenbild-Schnappschüssen und albern demonstrativer Lockerheit Timelines vollspammen, weil man das halt so auf Instagram macht – und dabei einfach nur ihre Spießigkeit entlarven. Gutes Auftreten in der Politik ist eigentlich so einfach. Perfekt geschnittene Anzüge und ein Charisma, das allein durch Überzeugung Präsenz erzeugt. Figuren mit Ecken. Eigenheiten. Manchmal unbequem. Gerade daraus entsteht Ausstrahlung.
Mode: Alle sehen gleich aus – warum echter Stil gerade verschwindet - WELT
Die Mode blickt nostalgisch auf unbemühte Stilfiguren wie Carolyn Bessette oder Gianni Agnelli. Auf den Laufstegen dominiert betonte Nachlässigkeit. Doch Nonchalance entsteht nicht aus Konzepten. Sie ist das Gegenteil einer Gegenwart, die ständig erklärt, wie man zu denken und zu leben hat.








