PfadnavigationHomeICONISTModeArtikeltyp:Meinung„Vogue“Verrat an der ModeVeröffentlicht am 17.09.2025Lesedauer: 7 MinutenOberverwalterin beim Zeitgeist-Magazin „Vogue“Quelle: Getty Images for The Mark/Ilya S. SavenokAus der einst mal stilprägenden „Vogue“ ist ein Magazin geworden, das den Zeitgeist abarbeitet und gerade elitärer ist als es je war. Anna Wintour inszeniert sich als Hüterin und setzt ein Nepo-Baby in den Chefsessel. „Der Teufel trägt Prada“ wirkt daneben fast wie ein Dokumentarfilm.Anna Wintours Nachfolgerin ist ein Nepo-Baby. Ein „stolzes“, wie sie sagt. Damit gibt Chloe Malle offen zu, dass sie ihre neue Position als Chefredakteurin der US-„Vogue“ wohl auch der Tatsache verdankt, Tochter zweier Prominenter zu sein. Ihre Mutter ist Candice Bergen, die in der Serie „Sex and the City“ die „Vogue“ Chefredakteurin Enid Frick spielte, die Carrie ihre Texte komplett rot zurückgibt und sie beauftragt, ein Lookalike ihres derzeitigen Partners für sie zu finden. Aus der Serienrolle der Mutter ist nun in der Realität der Posten für die Tochter geworden. Nur wirkt Malle, anders als die fiktive Frick, nicht wie ein Charakter, sondern wie eine schüchterne Praktikantin. Die 38-Jährige war zehn Jahre als Contributing Editor für Features tätig, hat einen Podcast moderiert und erfolgreich Reichweite und Social-Media-Herzchen gepusht. Gut situiert, maximal stromlinienförmig, anpassungsfähig und insgesamt eine eher blasse Gehilfin von Anna Wintour. Mit Mode kennt sie sich zwar aus, brennt aber nicht dafür. Ihr Anzeigenamen bei Instagram ziert ein niedliches Croissant-Emoji. Also schon auf den ersten Blick bloß kein Teufel in Prada.Seit der Film 2006 erschien, hat Mode ein Imageproblem. Die Geschichte, inspiriert von Wintour, bestätigte Millionen in der Annahme, dass Modemenschen die Inkarnation des Bösen sein müssten. Hier noch mal die Handlung in aller Kürze: Andy Sachs, frisch ausgebildete Akademikerin, will eigentlich über politische Themen schreiben, landet aber bei „Vogue“, was ihr nicht würdig ist. Der Film endet mit der wenig überraschenden Erkenntnis, dass ihr Moral wichtiger als Mode ist. Und mit der, dass das Oberhaupt eines Modemagazins kein Gewissen haben kann. 20 Jahre nach Erscheinen soll ein Sequel erscheinen, es wird gerade in New York gedreht. Anne Hathaway ist wieder dabei genauso wie Meryl Streep – und man ahnt, was in etwa die Handlung sein könnte: Am Ende kommen alle zur „Vernunft“ und die „Vogue“ wird das, was sie heute ist: eine Diversity-Bibel, geleitet von einer glatt geschliffenen Chefredakteurin.Anna Wintour, die als Gastgeberin exklusiver Fundraiser zur verlässlichen Großspenderin der Demokraten wurde, verband Modemacht stets mit politischem Einfluss und machte „Vogue“ damit auch zu einem Instrument politischer Inszenierung. Sie kam 1988 zur amerikanischen „Vogue“, nachdem sie zuvor die britische Ausgabe geleitet hatte. Ihre eisige Fassade brachte ihr den Spitznamen „Nuclear Wintour“ ein. Sie galt als fordernd, kompromisslos, aber loyal gegenüber geschätzten Mitarbeitern. Nach goldenen Auflage- und Anzeigezeiten begann in den Zehnerjahren der Niedergang. Wintour verkrustete zunehmend in ihrer Macht und erkannte zu spät die Einflüsse der Straße. Auch dass da jemand immer noch die Deutungshoheit für sich beanspruchte, was guter Stil war, passte nicht mehr ins Instagram-Zeitalter. Ein Brownface-Foto und der NiedergangIm Sommer 2020 begann es schließlich zu brodeln. Nicht bei der „Vogue“, sondern in der Testküche von „Bon Appétit“, einem Kochmagazin, das auch zu Condé Nast gehört. Chefredakteur Adam Rapoport war gerade über ein altes Brownface-Foto gestolpert, das ihn 2013 bei einer Halloween-Party verkleidet als Puerto-Ricaner zeigte, mit Baseballtrikot, goldener Kette, Cap – und außerdem hatte er sich braune Hautfarbe aufgemalt. Sogenannte BIPoC-Mitarbeiterinnen klagten anschließend in den sozialen Medien gegen angebliche Benachteiligungen beim Drehen von Kochvideos an. Daraufhin häuften sich die Proteste im Haus. Als der öffentliche Druck immer größer wurde, verschickte Anna Wintour, zu dem Zeitpunkt nicht nur „Vogue“-Chefredakteurin, sondern als Artistic Director auch oberste Kulturhüterin des gesamten Hauses, ein internes Memo. Darin räumte sie ein, man habe schwarze Mitarbeiter übersehen, wofür sie die volle Verantwortung trage. Ein zumindest schiefes Eingeständnis, wenn man bedenkt, dass prägende schwarze Stimmen wie André Leon Talley oder Edward Enninful jahrelang die Hefte mitgestalteten. Bevor der Sturm Wintour selbst erreichte, faltete sie die „Vogue“ zusammen. Mit schwerwiegenden Folgen. Die einstige Ikone des Hochglanzjournalismus stellte sich selbst ins Unrecht und wurde von einer stilprägenden Instanz zur Schülerin des „progressiven“ Diskurses.Lesen Sie auchDiversity-Ziele legten fest, dass die Hälfte aller Bewerber nicht weiß sein darf und mindestens 15 Prozent der Inhalte von schwarzen Stimmen stammen müssen. Anna Wintour hat nach ihrem Rückzug als Chefredakteurin der US-Ausgabe nicht wie überall falsch berichtet Macht abgegeben, sondern mehr denn je die Fäden in der Hand. 2021 wurden sämtliche europäische Chefredakteure gefeuert und durch Content-Verwalterinnen ersetzt, die Inhalte der amerikanischen und britischen Ausgaben übersetzen (Franca Sozzani blieb es erspart, diesen Abstieg noch mitzuerleben). Ein gedanklicher Gleichschaltungsapparat ferngesteuert von Wintour. Vereinzelte eigene Beiträge müssen in wöchentlichen Videocalls en détail mit ihr abgesprochen werden. Die „Vogue“ inspiriert nicht mehr, sondern erledigt vom Zeitgeist diktierte Vorgaben. Und dann hinkt man bei Wesentlichem trotzdem hinterher, wie bei der traditionell vom Magazin ausgerichteten Met Gala, die im Frühjahr dieses Jahres mit großer Geste den Black Dandy würdigte – leider 15 Jahre zu spät. Die Jungs, Größen wie A$AP Rocky, Lewis Hamilton und Pharrell Williams machten trotzdem höflich mit, auch wenn sie in Sachen popkultureller Relevanz dem ganzen „Vogue“-Kosmos längst den Rang abgelaufen haben. Kein Fortschritt, sondern SelbstaufgabeAktuell prangt auf dem Cover der britischen Septemberausgabe die Schauspielerin und Drehbuchautorin Michaela Coel, die mit der Serie „May I Destroy You“ über sexuelle Gewalt bekannt geworden ist. Man widmet ihr ein 16-seitiges Feature. In der Grundschule schlug und mobbte sie Mitschüler, was sie damit begründet, als einziges schwarzes Mädchen ihrer Altersklasse isoliert gewesen zu sein. Heute definiert sie sich als aromantisch. Die wichtigste Modeausgabe des Jahres erhebt nicht Stil, nicht modisches Werk, sondern eine problematische identitätspolitische Erzählung. Das ist kein Fortschritt, sondern Selbstaufgabe.Die „Vogue“ ist heute elitärer als sie es je war. In den 90ern und Nullerjahren, in denen das Magazin noch pulsierte, konnten auch Bewerber mit frei verfügbarem Wissen einen der damals so heiß begehrten Jobs bekommen. Das gerade erschienene Buch „Empire of the Elite“ (Coronet) beinhaltet eine vollständige Liste mit Namen und Schlagwörtern, die man im Einstellungsgespräch erklären sollte. Darunter DKNY, Special K (Cornflakes und Slang für Ketamin), Haute Couture, Chateau Marmont, Karl Lagerfeld oder Oribe (Starfriseur, berühmt für die Supermodel 90er-Mähne). Eine Liste, die in etwa vergleichbar ist mit den Zutaten für ein gutes Coq au Vin, nach denen ein Koch beim Einstellungsgespräch gefragt wird. Lesen Sie auchEingestellt wurden also gerade nicht Andy Sachses, die ihr Wissen aus dem Seminarraum einer linken Literaturprofessorin hatten und Mode nicht ernst nahmen. Aber nur Nepo-Baby zu sein, reichte eben auch nicht. Wer aus der Distanz aufsaugte, damals die so relevanten Magazine von vorn bis hinten durchblätterte und sich an freien Nachmittagen in der Modeabteilung des Luxuskaufhauses herumtrieb, der konnte so eine Liste im Schlaf beantworten. Man muss kein Vogel sein, um den Himmel zu beschreiben. Wer sich heute bewirbt, muss im Zweifel eher über die Kolonialgeschichte Afrikas referieren können als über Popkultur, keinerlei Angriffsfläche bieten – und als Nepo-Baby hat man offensichtlich auch noch ganz gute Karten.High Fashion, Low VisionGleichzeitig hat das Magazin seine stilprägende Rolle im digitalen Zeitalter verspielt. An diese Stelle ist Instagram gerückt. Doch nach zehn Jahren zeigt sich, dass die Plattform, die anfangs persönliche Stile sichtbar machte, als Modemedium an seine Grenzen gerät. Sichtbar werden nur noch Looks und Influencer, die dem Algorithmus entsprechen, deshalb sehen inzwischen alle gleich aus, gelegentlich aufgelockert durch austauschbare Mikrotrends. Für Stil ist das tödlich, weil Stil nicht aus Berechnung, sondern aus Persönlichkeit entsteht. Ein gut gemachtes Modemagazin könnte jetzt also eigentlich wieder gut funktionieren, weil es kein Katalog zum Nachstylen ist, sondern ein synapsenanregendes System. Bilder, Texte, Referenzen erzeugen Individualität, Urteilsfähigkeit und Differenz. „Vogue“ konnte das einmal. Heute versucht sie, dem Zeitgeist gerecht zu werden – und hat genau dadurch ihre Stimme verloren.Die Wahrheit ist, dass niemand Anna ersetzen wirdMalle, die sich, so viel Stilkritik muss in dem Zusammenhang erlaubt sein, leider nicht anziehen kann, verkündete jetzt, das gedruckte Magazin solle wieder hochwertiger werden. Sie meint damit aber in erster Linie die Wahl des Papiers. Seltener erscheinen soll es auch, dafür besser kuratiert sein. Man fragt sich womit, wenn der Blick immer stärker verengt. Außerdem stellte die Neue in der „Times“ fest: „Die Wahrheit ist, dass niemand Anna ersetzen wird.“ Man glaubt es ihr sofort. Auf „Der Teufel trägt Prada“ angesprochen, betonte Wintour jetzt in einem Podcast des „New Yorker“ noch mal, der Film sei eine Karikatur gewesen. Dabei ist sie inzwischen selbst zu einer geworden. Mit dem Unterschied, dass die Chefredakteurin im Film einen Vertrauten opferte, um ihre Macht zu sichern. Anna Wintour sichert ihre Macht, indem sie die Mode verrät.