PfadnavigationHomeIconFashionHaute Couture20 Minuten Pilze, Vögel, Schönheit, Vergänglichkeit, StaunenVon Inga GrieseFreie Mitarbeiterin & Founder ICONVeröffentlicht am 03.02.2026Lesedauer: 6 MinutenBei Chanel und Dior zeigten die neuen Designer der Häuser erstmals ihre Haute-Couture-KreationenQuelle: Chanel x DiorZwei heiß erwartete Debüts bei den Haute-Couture-Schauen in Paris: Matthieu Blazy bei Chanel und Jonathan Anderson bei Dior. Beide zeigten bravouröse Kollektionen, oder wie Nicole Kidman kiekste: „A dream!“Können die das? Diese despektierliche Frage stand im Raum, seit im vergangenen Jahr Jonathan William Anderson bei Dior und Matthieu Blazy bei Chanel die kreative Leitung übernommen haben. Dass beide Männer außergewöhnliche Designer sind, hatten sie im Laufe ihrer Karriere vielfach bewiesen und mit ihren jeweiligen ersten Prêt-à-porter-Kollektionen für die französischen Kulturgut-Häuser erneut bestätigt. Aber die Frage bezog sich auf die Haute Couture, Neuland für beide, eine Liga für sich. Oder wie Anderson formulierte, bei „Dior entdeckt man eine ganze Stadt“. Bei den Schauen in Paris lieferten beide ein klares Ja. Nach seiner grandiosen Métiers-d’Art-Kollektion, der er im Dezember in New York präsentiert hatte, setzte Blazy am Dienstag noch einen Zauber drauf in Entwurf und Handwerk. Im Grand Palais hatte er ein psychedelisches Wunderland aufbauen lassen. Pilze in Hockergröße und baumhoch standen in Gruppen auf hellem Teppich, umgeben von pinkfarbenen Weiden. So vielsagend und zurückgenommen wie das japanische Haiku, das Blazy inspiriert hatte: „Vogel auf einem Pilz. Ich sah die Schönheit sofort. Dann fort, davongeflogen.“ Damit hatte der Designer seine Linie gefunden: „Ich dachte, dass die Haute Couture vielleicht eine Auszeit bereiten kann, wie ein Traum, wenn wir uns 20 Minuten Ruhe gönnen und etwas Poesie in den Raum werfen“, hatte er seine Gedanken in einem Interview formuliert. 20 Minuten Pilze, Vögel, Schönheit, Vergänglichkeit, Staunen.Lesen Sie auchNoch trifft man Liebhaber der Marke, die unsicher sind, ob sie mit dem neuen Chanel klarkommen, wie Blazy es definiert. Wie die Amerikanerin mit dem kleinen Hund im Arm nach der Show sagte: „Ich weiß noch nicht, ich bin ja die Tweedfraktion.“ Aber die hauchdünne 2.55-Tasche aus Mousseline und mit transparenten Ketten fand sie doch toll. Das dazugehörige Ensemble „vielleicht noch etwas gewagt durchsichtig“. Es war der Eröffnungslook. Die Ouvertüre zu der Herausforderung, die Blazy sich gestellt hatte: „Kann es noch nach Chanel aussehen, wenn wir die Codes weglassen, den Tweed, die Verzierungen, die Kamelie?“ Es kann. Das Ergebnis war ein klassischer Kostümrock aus hellem Mousseline, das Knie umspielend, mit Perlen an den typischen kleinen Ketten am Saum. Dazu seine Variation der zweifarbigen Slingpumps. Vertraute Eleganz, kühne, aber nicht ordinäre Transparenz. Das macht Chanel plötzlich so modern. Leichtigkeit, Bewegung und Selbstbestimmtheit spielen eine wichtige Rolle.Besonders zauberhaft: der unsichtbare Liebesbrief in der Tasche. Blazy hatte beim Casting nicht die üblichen Gesichter gesucht, sondern Frauen unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen Herkünften und Geschichten. Mit Stephanie, dem Model im ersten Look, die Wurzeln in Italien und Guadeloupe hat, hatte er darüber gesprochen, welche Symbole sie sich wünschen würde. So lag ein Liebesbrief ihres Mannes in gestickten Buchstaben in der Tasche. Wie andere emotionale Artefakte im Innenfutter versteckt, an der berühmten Kette befestigt.Mit den Ateliers von Chanel hat Blazy die handwerklichen Fähigkeiten zur Verfügung, seine komplizierten Details umzusetzen. Ein schlichtes schwarzes Kleid aus Crêpe, wie Coco Chanel es selbst gern trug, birgt ein komplexes Futter. An einem schwarzen Mantel war Bast in Garn eingenäht, das dann wie Federn wirkte. Ein schwarzer Anzug hat Wellensittichknöpfe, Slingbacks einen Pilzabsatz mit einem winzigen Vogel drauf. Überhaupt kamen sie in Scharen: von der heimischen Taube bis zum rosa Löffler, vom Reiher bis zum Haubenkakadu. Und Nicole Kidman verteilte Luftküsschen: „Absolutely loved it! A dream!“Was dem einen die Vögel, waren dem anderen die Blumen. Das große Zelt im Garten des Musée Rodin hatte Jonathan Anderson in der vorangegangenen Woche schon als Kulisse für die Präsentation der Männerkollektion gedient, für die Haute-Couture-Show spiegelten die Wände tausende wilde Veilchen im Moos, die unter der Decke hingen. Der Raum bleibt nach der Show eine Woche lang für die Öffentlichkeit zugänglich – mit der Ausstellung „Grammar of Forms“, angelegt als Dialog zwischen einigen Stücken der Haute-Couture-Kollektion mit Entwürfen von Christian Dior persönlich, sowie den Keramikskulpturen von Magdalena Odundo, deren Kunst gleich im ersten vasenhaften Look der Modenschau ihr Echo fand. Ausstellung wie öffentlicher Zugang markieren den neuen Ton, den Anderson setzen will: „Haute Couture ist ein Laboratorium, in dem neue Ideen und Ausdrucksformen entstehen. Wie kann Tradition an die Gegenwart angepasst werden?“ In der kreativen Gedankenwelt des Iren hängt alles miteinander zusammen.Auch die allgegenwärtige Präsenz der Veilchen – der Einladung war ein kleiner Strauß beigelegt – kam nicht von ungefähr. Der Kollege, den Anderson wohl am meisten bewundert, ist John Galliano. „Er war in der Universität unser Held“, erzählte er im Podcast der Branchenpublikation „Business of Fashion“. „Und ist es bis heute.“ Und so saß der einst bei Dior wegen betrunkener Ausfälle geschasste und gleichwohl ewig verehrte Designer in Nadelstreifen und mit Veilchenstrauß in der ersten Reihe, die Umarmung der Männer im Backstage-Bereich war eng und herzlich. Lesen Sie auchAnderson schwärmte: „Ich liebe es, dass der Kreis sich schließt.“ Denn als der Findungsprozess für die Haute-Couture-Kollektion noch im vollen Gang war, hatte Anderson Galliano ins Atelier eingeladen, um dessen Meinung zu hören. Er kam und brachte eine große Tüte Essen, zwei Sträußchen mit wilden Veilchen und einen Rat mit: „Je mehr du Dior liebst, desto mehr gibt es dir zurück.“Unter dem Einfluss der skulpturalen Gefäße von Andersons alter Freundin Magdalena Odundo und den Blümchen von Galliano entstand in Verbindung mit der hohen Kunstfertigkeit des Ateliers eine bejubelte Kollektion, auch besiegelt mit dem Lob einer besonderen alten Dame unter den Gästen: Paulette Boncoure, die 1947 (!) als Näherin bei Monsieur Dior im Atelier an der Avenue Montaigne angefangen hat. Sie war zufrieden.Es war auch schön! Dabei war sich Anderson anfangs gar nicht sicher, ob Haute Couture seine Sache sein würde. „Ich fand sie einschüchternd. Und bevor ich bei Dior anfing, hatte ich ihren Glamour nicht ganz verstanden.“ Doch dann lernte er das Atelier kennen, spürte die Verantwortung dieser Tradition gegenüber, in der sämtliche Produkt-Verästelungen wurzeln. Und Anderson hat erkannt: „Dior Haute Couture muss existieren, weil ohne sie ein besonderes Handwerk verschwinden würde.“Lesen Sie auchDie erste Haute-Couture-Kollektion war ein Gradmesser für die Veränderung, die Anderson und Dior-CEO Delphine Arnault vorantreiben: Die Ära Maria Grazia Chiuri ist nicht vergessen, ihre Fans werden jetzt bei Fendi fündig. Bei Dior haben sie eher die Zeit von Galliano im Blick. Frecher, mehr Fokus auf Spiel als Tragbarkeit. Es werde ein paar Schauen dauern, bis die neue Linie klar werde, sagte Anderson zu Beginn seiner Aufgabe als Kreativchef. Mit den Minis bei den Frauen im September und den David-Bowie-Männern in der vorangegangenen Woche sind die Zeichen gesetzt, die Haute Couture nun darf als Ausrufezeichen verstanden werden. Interessant im Publikum zu sehen: Die Gewöhnung hat begonnen.Noch hat die Mode sich nicht erholt vom schlechten Klima, wie LVMH-Chef Bernard Arnault in seinem Jahresbericht am Dienstag erklärte, 2026 bleibe schwierig. Aber die Zeichen stehen auf Erholung. Vielleicht haben sich die Designer auch deswegen instinktiv auf Natur kapriziert: Im Begleittext zur Dior-Show heißt es: „Wenn man Natur kopiert, lernt man immer etwas. Natur bietet keine stabilen Ergebnisse, nur Systeme in Bewegung, es entwickelt sich, adaptiert, hält aus.“ Die Haute Couture folge derselben Logik. Sie sei eine Linse, die die Gegenwart zerlegt und neu zusammenführt. Wenn J.W. Anderson durch diese Linse blickt, sieht er eine Wunderkammer.
Haute Couture: 20 Minuten Pilze, Vögel, Schönheit, Vergänglichkeit, Staunen - WELT
Zwei heiß erwartete Debüts bei den Haute-Couture-Schauen in Paris: Matthieu Blazy bei Chanel und Jonathan Anderson bei Dior. Beide zeigten bravouröse Kollektionen, oder wie Nicole Kidman kiekste: „A dream!“







