Jubel bei Chanel, Kronprinzenmord bei Versace, Frühlingsluft bei Gucci: Die Lage der Luxusbranche bleibt angespannt, aber das Modejahr hat auch Geschichten hervorgebracht, die Hoffnung machen – und gute Laune.Nur wenige Wochen nach seinem gefeierten Debüt im Pariser Grand Palais zeigte der neue Kreativdirektor Matthieu Blazy die Métiers d‘Arts-Kollektion von Chanel in New York. So nennt das Unternehmen seine Zwischenkollektion, die traditionell die kunsthandwerklichen Details in den Vordergrund stellt. Für die Modenschau am 2. Dezember nutzte Blazy einen stillgelegten U-Bahn-Steig in der Bowery im quirligen Downtown. Nicht unbedingt die Ecke, in der die Chanel-Kundin im Stehen ihr Pastrami-Sandwich isst. Das hatte die gleiche selbstbewusste Frechheit, mit der Karl Lagerfeld jahrzehntelang die Marke geführt hatte. Und es war ein Zeichen, dass das Krisengerede in der Mode vorerst ein bisschen verklungen ist. Nach den vielen aufregenden Debüts im Herbst hat sich die Stimmung in der Modewelt spürbar verbessert. Dabei haben sich die Ursachen für die Krise der Branche kaum verändert. Kriege, Zölle, wirtschaftlicher Sinkflug in vielen Schlüsselmärkten, und dann noch China, dessen Konsum westlicher Luxusgüter nicht mehr verlässlich wächst. Schaut man aber genauer hin, brachte das Jahr einige antizyklische Erfolgsgeschichten, die optimistisch ins neue Jahr blicken lassen. Kontrolle ist besserEine der großen Erfolgsgeschichten der letzten Jahre war die Wiedergeburt und das rasante Wachstum der Prada-Zweitmarke Miu Miu. Daran beteiligt waren, neben der Namensgeberin und obersten Chefin Miuccia Prada, die Stylistin Lotta Volkowa und der Designdirektor Dario Vitale. Dieser wurde im April zum Kreativdirektor des angeschlagenen Hauses Versace ernannt – während die Besitzer wiederum mit Prada über einen Kauf verhandelten. Lesen Sie auchDieser wurde in der vergangenen Woche besiegelt. Für 1,25 Milliarden Euro kauft Prada die Marke Versace, die für ihren Maximalismus berühmt ist. Die Unterschrift war noch nicht trocken, wie man Pre-Autopen so sagte, als Prada sich von Vitale verabschiedete. Und das, nachdem er im September eine aufsehenerregende und umstrittene erste Kollektion gezeigt hatte. Die Modewelt war geschockt. Die kühleren Köpfe vermuten, dass Prada nicht die Fehler aus den 90er-Jahren wiederholen wollte. Damals hatte man mit Helmut Lang und Jil Sander zwei schillernde Marken mit selbstbewussten Kreativdirektoren gekauft – und die Rechnung ging in keinem der beiden Fälle auf. Jetzt setzt man stattdessen auf totale Kontrolle. Lesen Sie auchVom Stillstand zum Sprint37 Jahre. Wenn ein Modehaus so lange an einer Kreativdirektorin festhält, weiß man heute nicht mehr so recht, ob man es mit kluger Weitsicht, Starrköpfigkeit oder übergroßem Selbstbewusstsein zu tun hat. Die meisten Labels wechseln ihre Chefdesigner inzwischen gefühlt im Jahres-Rhythmus. Doch Hermès und dessen Leiterin der Herrenkollektion Véronique Nichanian, die 37 Jahre in dieser Position arbeitete, das hielt zusammen wie Jane Birkin und die Birkin Bag. Loyalität, Zuverlässigkeit und persönliche Wertschätzung, so der Eindruck, zählten bei Hermès mehr als Hypes. Lesen Sie auchDoch nun zeigt eines der traditionsreichsten und begehrtesten Luxushäuser der Welt: Wenn es etwas ändert, dann mit umso mehr Entschlossenheit und Gespür für den Zeitgeist. Im Oktober wurde die britische Designerin Grace Wales Bonner zur neuen Kreativdirektorin der Herrenlinie ernannt. Bonner ist Tochter einer britischen Mutter und eines jamaikanischen Vaters, und nun die erste schwarze Frau an der Spitze eines großen Modehauses. Für eine Branche, in der kaum Frauen Spitzenpositionen besetzen, ist das eine längst überfällige Entwicklung. Und Hermès, das 1837 gegründet wurde, macht deutlich: Man verlässt sich nicht auf eine alte Geschichte, sondern schreibt sie für die Zukunft weiter. Kalkulierte ArroganzBei den Modenschauen sind keine Smartphones erlaubt, Pressebilder werden kaum herausgegeben, die Gründerinnen bleiben unsichtbar, und jetzt legt man sich auch noch mit Influencern an: Das Label The Row der Zwillinge Mary Kate und Ashley Olsen macht aus der Marketing-Perspektive alles falsch. Im Oktober beschwerte sich eine Influencerin auf Instagram und in ihrem Newsletter über schlechte Behandlung durch das Label. Neelam Ahooja galt lange als gute Kundin und Hardcore-Fan. Sie fotografierte sich fast ausschließlich in Outfits von The Row und postete regelmäßig News über das Label. Die Marke selbst wollte das gar nicht – und forderte die Internet-Unternehmerin nach deren Angaben dazu auf, nicht über eine Ausverkauf-Aktion der Marke zu berichten, keine Magazin-Interviews über ihre Leidenschaft zu geben und auch keine Links zu Kleidungsstücken von The Row in anderen Online-Shops als in dem der Marke zu veröffentlichen. Lesen Sie auchEin Label, das einer Influencerin diktieren will, was sie empfehlen darf und was nicht? Sympathisch ist das nicht gerade. Aber angesichts der Art und Weise, wie die meisten Labels jeder Laune und jedem Wunsch der Influencer nachgeben und diese hofieren, ist es ein selbstbewusstes Signal, dass man es auch anders machen kann. Wir brauchen euch nicht, sagt man der Online-Community damit. Stimmt wohl, die größten Stars hat man ohnehin im eigenen Haus. Und die entwerfen auch ohne viel Sichtbarkeit einen Bestseller nach dem anderen. Kleider für das wahre LebenAus den vielen Designerdebüts des Jahres stachen zwei heraus, weil sie so gar nicht herausstechen wollten: Jil Sander und Givenchy. Beim ersten Label hat der Italiener Simone Bellotti das Ruder übernommen, ein leiser, schüchterner Mann mit Husky-Augen, der sich wieder an den Minimalismus herantraut, der Jil Sander einst groß gemacht hat. Die Silhouetten sind so schnörkellos-schlank wie der Stiel einer Amaryllis, hauchdünne Schlitze im Stoff deuten Haut an, unerwartete Raffungen und Falten straffen ein Hemd oder einen Mantel, als würde jemand von hinten daran ziehen. Es ist Mode für Menschen, die genau hinsehen, und zwar auf den Menschen, der vor ihnen steht, nicht auf dem Bildschirm ihres Smartphones. Gleiches gilt für Givenchy. „Diese Kleider sind nicht für Instagram gemacht, sondern für das wahre Leben“, sagte Chefdesignerin Sarah Burton dem „W“-Magazine. Gut, auch im wahren Leben muss man Gelegenheit haben, Minikleider mit opulent wattierten Hüften oder Trenchcoats mit Kimono-Ärmeln zu tragen. Aber betuchte Kunden, die nicht-provozierende, gut aussehende Entwürfe für besondere Events brauchen, gibt es ja zur Genüge. So wie Prinzessin Catherine von Wales, die bei einem Staatsempfang für Emmanuel Macron im Juli ein rosenrotes Cape-Kleid von Givenchy trug. Catherine wusste genau, warum: Sarah Burton entwarf 2011, damals noch als Chefdesignerin von Alexander McQueen, ihr Hochzeitskleid. Lesen Sie auchSpaß ist das neue SchwarzOhne Glamour, Traumtanz und ein wenig Größenwahn würde die Mode nicht die Art von Eskapismus und Entertainment liefern, wegen der man sie so liebt. Wenn Chanel also unter dem Lichtschein gigantischer Ballons, die an Planeten erinnern sollen, ein Model einen Rock so bunt, lang und flauschig wie das Federkleid eines exotischen Vogels vorführen lässt, erweist es allen einen Dienst, die im Internet mal etwas sehen wollen, das sie zum Lächeln bringt – erst recht, wenn sie erfahren, dass der Rock „Piña Colada“ heißt. Lesen Sie auchÄhnlich dankbar kann man Saint Laurent für seine zeltartigen Roben mit Volants-Kaskaden sein, die das Label unter Chefdesigner Anthony Vaccarello zeigte. Vom Rock über die Ärmel bis zu den Rüschen, alles war opulent, aufgebauscht, extralaut. So macht man deutlich: Auch in Krisenzeiten wollen die Menschen feiern. Und dafür brauchen sie den passenden Look. Prominente, aber richtigDie begehrteste Jacke der Saison? Ein Merchandising-Artikel des Films „Marty Supreme“ (Deutschlandstart: 26. Februar 2026), in dem der Mädchen-und-Jungen-Schwarm Timothée Chalamet einen ehrgeizigen Tischtennisspieler verkörpert. Film und Hauptdarsteller werden Oscar-Chancen zugeschrieben, die Jacke ist ein banaler Windbreaker mit Schriftzug und drei Sternen, aber die Starpower von Chalamet ist offenbar ungebrochen. Die synergetische Beziehung zwischen Stars und Modelabels ist eine Wissenschaft für sich. Jeder Praktikant kann heute in einer halben Stunde recherchieren, wer neu und hot ist – Jacob Elordi, Rosalía etc. Die Kunst besteht darin, in der Flut von Kooperationen und Markenbotschafterdeals irgendwie aufzufallen. Beispielhaft hat dies Moncler vorgeführt. Die Daunenjackenmarke fotografierte die Schauspielikonen Robert De Niro und Al Pacino zusammen (Seite an Seite hatte man sie zuletzt in Martin Scoreses Netflix-Produktion „The Irishman“ gesehen) und nannte das Ganze „Warmer Together“. Die beiden wurden als Darsteller harter Burschen zu Leinwandlegenden, hier kuscheln sie sich großväterlich aneinander. Wem da nicht warm ums Herz wird, der hat keins. Runter vom GasDer ehemalige Renault-Manager Luca de Meo würde als neuer CEO der Kering-Gruppe sicher liebend gern aufs Gaspedal treten. Der neue Kreativdirektor von Gucci, dem Zugpferd und ersten Sorgenkind des Konzerns, aber lässt sich Zeit. Am 13. März wurde Demna offiziell von Balenciaga zu Gucci befördert. Seitdem hat er einen aufwendigen Film drehen lassen und Teile aus dem Archiv, vor allem aus der gloriosen Tom-Ford-Ära, leicht modifiziert auf den Markt gebracht oder präsentiert. Lesen Sie auchSeine erste reguläre Kollektion will er im Februar 2026 während der Mailänder Modewoche zeigen. Nach den Gesetzen der Branche kann man das wohl Schneckentempo nennen. Oder Gelassenheit. Der Aktienkurs von Kering ist in den vergangenen sechs Monaten, allerdings nach einem schmerzhaften Tief, um mehr als 60 Prozent gestiegen. Lesen Sie auchAuch mal Nein sagenAuf der Website der Marke JW Anderson kann man derzeit Christbaumschmuck aus der ehemaligen Sowjetunion kaufen – charmanter, retrofuturistischer Metallplunder zu ebenso futuristischen Preisen. Der Gründer der Marke hat derzeit alle Hände mit seinem neuen All-Inclusive-Job bei Dior zu tun, und er hat etwas getan, was viel zu selten geschieht in der Welt der Mode. Er hat Teile seines Workloads abgeschüttelt und seine eigene Marke, an der neben ihm auch sein Dior-Arbeitgeber LVMH beteiligt ist, zu einer Art Edelflohmarkt umgebaut. Es gibt handgehäkelte Blaumeisen als Taschenanhänger (sogenannte charms), einen Stuhl des Designers Jason Mosseri für 5000 Euro und einen Katalog des Künstlers Kai Althoff. Kurzum: Was den Designer halt so interessiert oder was ihm in die Hände fällt, wird verkauft. Und um ein paar Strickjacken und Taschen ergänzt. Einen Mann mit beträchtlichem Ehrgeiz muss das in der Seele schmerzen. Oder eben gar nicht. Die Work-Life-Balance ist in der Modewelt eher ein Fremdwort, Selbstausbeutung gilt als schick. Aber Jonathan Anderson, gerade in England wieder zum Designer des Jahres gekürt, hat seinen eigenen Kopf.