PfadnavigationHomeICONISTModeMODE UND PSYCHOANALYSEWie Designer unsere geheimen Wünsche enthüllenVeröffentlicht am 17.02.2026Lesedauer: 5 MinutenEntwurf von Schiaparelli aus der Ausstellung „Dress, Dreams and Desire. Fashion and Psychoanalysis“ im Fashion Institute of Technology in New YorkQuelle: ©2025 The Museum at FIT/ELIZAVETA PORODINADesigner üben sich derzeit wieder in Abgründigem und Bizarrem. Und auch Sigmund Freud war von seinen Anzügen besessen. Wer aktuelle Looks psychoanalytisch ergründen will, hat beide Hände voll zu tun.Zum Spiel mit der Mode gehört es auch, Erwartungen zu unterlaufen. Im Vorwege wurde der Superbowl-Auftritt des puerto-ricanischen Musikers Bad Bunny mit einer Verve diskutiert, als ginge es um die Eroberung Grönlands, dann jedoch trat der Musiker in einem cremefarbenen Ensemble von der Fast-Fashion-Kette Zara auf, an dem nur das Bündchen seines Sweatshirts, das knapp über der Hose endete, einen Hauch von Provokation verströmte. Dazu eine goldene Royal Oak mit Malachit-Zifferblatt von Audemars Piguet für volkstümliche 64.000 Euro. Zu ihrem Gastauftritt samt Salsa-Einlage trug Lady Gaga ein hellblaues Flamenco-Kleid von Raúl López mit Blumenbrosche.Sexy, aufwendig und geheimnislos.Beide Stars sind auch für ihren modischen Wagemut berühmt geworden (Bad Bunny: Frauenkleider, Gaga: Fleischkleid), ihre Kleiderwahl für die Halbzeitshow vor 142 Millionen Fernsehzuschauern lässt sich nur als Friedensangebot lesen. Bei den Grammys eine Woche zuvor, wo Bad Bunny den historischen Sieg für ein spanischsprachiges Album als bestes des Jahres einfuhr, zeigten die beiden ihre andere Seite. Gaga trug einen schwarzen Glitzerrock mit rotem Federtop aus einer der letzten Kollektionen des 2010 verstorbenen Modegenies Alexander McQueen, war also unten Fisch und oben Vogel. Dazu einen Kopfschmuck des Hutdesigners Philipp Treacy, der eine Vielzahl gruseliger Assoziationen weckte: Venusfliegenfalle, Halloween-Maske, Hummerreuse, Zyklopin aus Stroh. Wer diesen Look psychoanalytisch ergründen will, hat beide Hände voll zu tun. Bad Bunny war da eindeutiger. Er trug einen Samtsmoking von Schiaparelli (den ersten Red-Carpet-Look für einen Mann, den das 1927 gegründete Haus produzierte), der von vorn klassisch wirkte und am Rücken geschnürt war wie ein Korsett. Dadurch legte sich die Jacke eng an seinen muskulösen Oberkörper, aber es war auch eine Verneigung vor der Kulturtechnik der Fraueneinschnürung, die mittlerweile zu Recht als hochproblematisch gilt, in der Mode jedoch immer wieder auftaucht. Der Smoking zählt neben Ritterrüstung, Cowboyhemd und Blaumann zu den am stärksten maskulin konnotierten Kleidungsstücken – hier wurde er zu einem Hybrid im Sinne von Sigmund Freud, der jeden Menschen auf einer Skala zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit sah.Der Bombshell-Look als ideologisches StatementMit genau diesem Thema, nämlich Psychoanalyse und Mode, beschäftigt sich die amerikanische Modeexpertin und Kuratorin Valerie Steele seit vielen Jahren. Nun erschien ihr Buch „Dress, Dreams, and Desire. Fashion and Psychoanalysis“ (samt gleichnamiger Ausstellung im New Yorker Fashion Institute of Technology), in dem sie die Mode des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts mit den psychoanalytischen Strömungen und Lehren abgleicht. Das Buch könnte zu keinem interessanteren Zeitpunkt erschienen sein. Zum einen ist Mode im dritten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends ein größeres Geschäft denn je, und sie hat sich in viele andere gesellschaftliche Bereiche gefressen. Sportveranstaltungen sind zu modischem Schaulaufen geworden, und die Politik ist es mehr denn je. Trumps überlange Krawatte beschreibt perfekt sein Programm, der Bombshell-Look von Melania Trump oder die blitzsaubere Allure von Weiße-Haus-Sprecherin Karoline Leavitt sind ebenso ideologische Statements wie die verkünstelte Ästhetik der Ehefrau des neuen New Yorker Bürgermeisters, Rama Duwaji, die sich für das „New York Magazine“ in geliehenen Designerkleidern als Modemarionette inszenieren ließ.Zum anderen scheint das Groteske, Überzeichnete, Unpraktische und irgendwie Monströse wieder die Laufstege und roten Teppiche zu erobern. Ganz vorn dabei ist der amerikanische Designer Daniel Roseberry, der für das Couture-Haus Schiaparelli im Januar aufwendigste Kleider zeigte, die mit überlangen Krallen oder Schnäbeln bewehrt waren. Die Paradiesvögel in seiner Show hatten tödliche Waffen – ein fast schon plumper Hybrid aus Verführung und Verderben. Und mit Sicherheit kein sehr praktischer Look. Aber die Frage, die diese Designer stellen, ist eine andere, nämlich ob Mode irgendwas bedeuten kann. Oder genauer: ob sie unsere Neurosen, geheimen Wünsche, Obsessionen und Ängste ausdrückt. Steele behauptet: auf jeden Fall. In ihrem lehrreichen und amüsanten Buch argumentiert sie, dass die Mode und Psychoanalyse sich schon immer die Bälle zuwerfen. Und wie sollte es auch anders sein: Oft war dies durchaus persönlich motiviert. Sigmund Freud etwa, den es aus prekären, ländlichen Verhältnissen nach Wien verschlug, war zeit seines Lebens von seinen guten Anzügen besessen. Für einen assimilierungswilligen Juden gehörte das zum gesellschaftlichen Aufstieg, aber dem Adlerauge des Begründers der Psychoanalyse hätte sein eigenes fetischistisches Verhältnis zu feinster Ware von englischen Schneidern nicht entgehen können. Die Frage, welchen Anzug er zu seiner Prüfung anziehen sollte, quälte ihn. Und in einem Brief an seine künftige Frau schrieb er, dass ein Blick in den Spiegel ihm die Gewissheit verschaffe, dass auch das weißeste Hemd und die schwärzeste Jacke seine niedere Herkunft nicht verhüllen konnten.Lesen Sie auchDiese peinigende Erkenntnis bewahrte Freud nicht vor einem scharfen Urteil über die Kleidung anderer. Der Anblick von Soldaten in ihren farbstarken Uniformen erinnerte ihn an Papageien, denn männliche Säugetiere trügen derartige Farben nicht – mit der Ausnahme der blauroten Hinterteile von Mandrills. Und Freud wäre nicht Freud, wenn er nicht später auf eines seiner Kernmotive gekommen wäre. „Eine Krawatte kann man sich aussuchen, einen Penis leider nicht“, soll er in einem Vortrag gesagt haben. Und da wären wir schon bei einer Kernthese: Dass Mode und das dazugehörige exzessive Shopping eine Kompensationsübung seien. Natürlich vor allem der Frau, weil ihr ja das entscheidende biologisch gegebene Accessoire fehle.Ob das männliche Glied einer Baguette-Bag von Fendi wirklich so unendlich überlegen ist und diese deshalb nur Ersatz sein kann, darüber lässt sich streiten. Aber der hohe Absatz, der Pelzmantel, auch das Korsett oder die Uniform sind selbstverständlich erotisch und fetischistisch konnotierte Objekte. Die Autorin nimmt sich dabei die Freiheiten, die sie braucht. Der französische Analytiker Didier Anzieu etwa interessierte sich nicht für Mode, aber sie überträgt seine Theorie vom Haut-Ich auf die schützende, einhüllende Wirkung bestimmter Kleidung als Weiterführung des frühkindlichen Hautkontakts als erster, noch vorsprachlicher Selbstvergewisserung. Der Yamamoto-Mantel als Mutterhaut. Von ungebrochener Aktualität ist der Aufsatz der britischen Psychoanalytikerin Joan Riviere „Weiblichkeit als Maskerade“ von 1929, in dem sie beschreibt, wie Frauen beruflichen Ehrgeiz und Feindseligkeit hinter einer weiblichen, vermeintlich harmlosen Fassade verbergen. Weitergedacht führt diese Idee direkt zu der Auffassung, dass Geschlechterrollen grundsätzlich nur Maske und Konstruktion sind. Der Grammy wurde Bad Bunny übrigens von Harry Styles überreicht. Er trug eine Kurzjacke von Dior, die dem Männertorso entgegenarbeitend tailliert war, dazu mintfarbene Ballettschuhe mit Schleifchen. Freud hätte seine Freude daran gehabt.
Mode und Psychoanalyse: Wie Designer unsere geheimen Wünsche enthüllen - WELT
Oder machen Verrückte Mode? Die Designer üben sich derzeit wieder in Abgründigem und Bizarrem. Und auch Sigmund Freud war von seinen Anzügen besessen. Wer aktuelle Looks psychoanalytisch ergründen will, hat beide Hände voll zu tun.






