Der andere Blickvon Susanne Gaschke, BerlinAuf die Kanzlerschaft von Friedrich Merz geben seine Parteifreunde keinen Pfifferling mehr.14.09.2026, 18.00 Uhr4 LeseminutenNordrhein-Westfalens CDU-Landeschef Hendrik Wüst (links) könnte den christlichdemokratischen Kanzler Friedrich Merz beerben.ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Susanne Gaschke, Autorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Jenseits von Gut und Böse» lautet der Titel einer zeitkritischen Schrift Friedrich Nietzsches aus dem Jahr 1886. Und genau an diesem unwirtlichen, jenseitigen Ort – wo eigentlich nichts mehr gelingen kann und sogar der Sprung in den Abgrund attraktiv zu erscheinen beginnt – hält sich dieser Tage der deutsche Bundeskanzler auf.Weder in Berlin noch in den Landesverbänden der Union lassen sich Parteifreunde auftreiben, die auf Friedrich Merz’ politische Zukunft noch mehr als ein paar Pfifferlinge wetten. Langjährige Merz-Feinde und (einstige) Merz-Fans sind sich ungewohnt einig: Das wird nichts mehr mit dieser Kanzlerschaft. Spätestens wenn die CDU am kommenden Sonntag bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern ein Katastrophenergebnis von weniger als 10 Prozent einfahre, sei Schluss, so oder so, heisst es.Merz ist nicht allein, aber zu einem grossen Teil schuld daran, dass die CDU im Augenblick geradezu an den Sozialdemokraten vorbeizustürzen scheint. An den schleichenden Niedergang der SPD hatte man sich über Jahrzehnte gewöhnt. Merz’ gewaltige Ankündigungen, seine Kehrtwenden und seine schlechte Personalpolitik entfalten hingegen zerstörerische Kräfte, die viel schneller wirken. Die Union scheint begriffen zu haben, dass es ihr wahrhaftig an den Kragen geht, wenn sie diesen Mann lässt, wo er ist.Rücktritt oder Weiter-so?Aber wie bekommt sie ihn von dort weg? Mehrere Szenarien sind denkbar, keines macht so richtig Freude. Erstens kann es natürlich passieren, dass der Kanzler unter dem – tatsächlich unmenschlichen – Druck von allen Seiten zusammenbricht und einfach von selbst zurücktritt. Er müsste in diesem Fall den Bundespräsidenten um seine Entlassung bitten und so lange geschäftsführend im Amt bleiben, bis die Regierungskoalition aus Union und SPD sich auf die Wahl eines Nachfolgers geeinigt und diese dann auch im Bundestag erfolgreich vollzogen hätte.Das dürfte sich in der heutigen politischen Lage deutlich schwieriger gestalten als 1974 beim Rücktritt des sozialdemokratischen Kanzlers Willy Brandt, den die Abgeordneten von SPD und FDP damals umstandslos durch Helmut Schmidt ersetzten. Aber möglich wäre es.Manche Merz-Kenner behaupten allerdings, dass dessen Mindset ein freiwilliges Ausscheiden aus dem Amt höchst unwahrscheinlich mache. Seine Unberatbarkeit ist legendär; das allermeiste weiss er besser als andere Leute. Bliebe der Kanzler deshalb trotz aller Kritik und trotz der grössten je gemessenen CDU-Krise stur, könnte zweitens alles einfach so (schlecht) weitergehen wie bisher – mit absehbar verheerenden Folgen für die politische Entwicklung in Deutschland.Die Macht der MinisterpräsidentenDrittens: Angesichts ihrer Verzweiflung dürften die Christlichdemokraten ein «Einfach-weiter-so» des Regierungschefs nicht widerstandslos hinnehmen. Dass der Parteivorstand den Versuch wagt, Merz zum Rückzug zu zwingen, ist allerdings kaum zu erwarten: Der führt dort selbst den Vorsitz, und das Gremium dient traditionell hauptsächlich dem Nachvollziehen bereits getroffener Entscheidungen. Eher könnte sich in einer Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine Dynamik entwickeln, die den Kanzler in den Rücktritt treibt.Am häufigsten genannt wird unter Fraktionsmitarbeitern und Abgeordneten in Berlin indes ein viertes Szenario: Die neun amtierenden Ministerpräsidenten der Union treffen sich unter strikter Geheimhaltung, um in diesem hochkarätigen Kreis gemeinsam einen Merz-Nachfolger zu bestimmen. Die Ministerpräsidentenrunde ist kein offizielles Gremium von CDU/CSU – aber in ihr ballt sich die Restmacht der Union. Dieser Macht müsste Friedrich Merz sich wohl oder übel beugen. Alles andere wäre Wahnsinn.Als aussichtsreiche und, je nach Standpunkt, wünschenswerte Nachfolgekandidaten werden der Nordrhein-Westfale Hendrik Wüst und der Christlichsoziale Markus Söder aus Bayern gehandelt. Der bundesweit relativ unbekannte Hesse Boris Rhein startet auf einer Aussenseiterposition. Daniel Günther aus Schleswig-Holstein wird kaum noch genannt.Wer sagt es ihm?Dass Wüst und Söder eigene Kanzler-Ambitionen gegenwärtig konsequent bestreiten, tut nichts zur Sache: Wenn die Not gross genug ist, wenn gleichsam die Bundesrepublik Deutschland persönlich ruft, kann und wird man in Düsseldorf und München neu denken.Dem in dieser Konkurrenz unterlegenen Landeschef fiele vermutlich die undankbare Aufgabe zu, es «ihm», also dem Bundeskanzler, «zu sagen». Vielleicht ja mit den berühmten Worten des verstorbenen CDU-Ausnahmepolitikers Wolfgang Schäuble: Friedrich, «isch over».Die Alarmstimmung in der CDU deutet darauf hin, dass ein solches Endgespräch im Kanzleramt bald stattfinden könnte. Für Merz wäre es dann wirklich «over». Für Deutschland allerdings nicht. Denn nach dem Scheitern dieses Kanzlers bräche sofort eine Lawine neuer Probleme los.Die SPD wird sich ihre Zustimmung zu einem Ersatzmann der Union, wenn sie sich überhaupt dazu durchringen kann, nämlich teuer bezahlen lassen. Was die ohnehin halbherzige Reformpolitik der schwarz-roten Koalition weiter verunklaren dürfte. Ausserdem können sich weder Wüst noch Söder auch nur aller Stimmen ihrer eigenen Fraktion sicher sein.Letzter Ausweg: NeuwahlenGerade die von Friedrich Merz bitter enttäuschten konservativen Christlichdemokraten entwickeln deshalb disruptive Phantasien: Entliesse der Kanzler etwa die von ihnen besonders wenig geliebte Arbeitsministerin Bärbel Bas, sagen sie, dann könne es doch sein, dass die SPD sich komplett aus der schwarz-roten Koalition zurückzöge. Merz werde auf diese Weise praktisch gezwungen, als Chef einer Minderheitsregierung im Amt zu bleiben.Dabei müsste der angeschlagene Bundeskanzler allerdings – denn warum sollten Sozialdemokraten, Grüne und Linke ihn nach einem derartigen Manöver stützen? – weitgehend auf die Stimmen der AfD setzen. Obwohl er jegliche Zusammenarbeit mit dieser Partei wieder und wieder in höchsten Tönen ausgeschlossen hat. Obwohl die AfD die deutsche Aussenpolitik bis zur Unkenntlichkeit verändern würde.Und obwohl eine solche Entscheidung unweigerlich die Spaltung der CDU nach sich zöge. In einer Zeit aussen- wie innenpolitischer Unsicherheit blieben dann Neuwahlen als einziger Ausweg – nach nur anderthalb Jahren schwarz-roter Regierung. Friedrich Merz, der so unbedingt regieren wollte und auch glaubte, es hervorragend zu können, hinterliesse ein politisches Trümmerfeld. Andere mögen die Scherben aufheben, wenn sie es schaffen.Passend zum Artikel