Weil sich nach der Wahlniederlage in Sachsen-Anhalt das Gerüchtekarussell in der Union um die Zukunft des Parteivorsitzenden und Bundeskanzlers immer schneller dreht, wirken sogar die Worte von Markus Söder einmal beruhigend. Ob Friedrich Merz noch der richtige Bundeskanzler sei, wurde der CSU-Vorsitzende am Wochenende gefragt: Ja, er stehe zu den Reformen, hat er geantwortet. „Ich glaube, wir tun in der Union gut daran, zusammenzustehen und uns jetzt nicht durch die AfD auseinanderbringen zu lassen“, sagte Söder der „Bild am Sonntag“. Eine Ablösung des Kanzlers schloss er für seine Partei aus. Aber nur für seine. „Für die CDU bin ich nicht zuständig, da bin ich nicht der Vorsitzende.“Eine begeisterte Verteidigung klingt anders. Trotzdem spricht sich mit Söder ein Politiker von Gewicht öffentlich für Merz aus, was in diesen Tagen nicht mehr selbstverständlich anmutet. Es wird aber für den Kanzler immer wichtiger. Denn egal, wie man es mit Merz hält in der CDU und der Bundesregierung, verfestigt sich aus vielen Schilderungen ein Eindruck: Um die Autorität von Merz ist es gerade so schlecht bestellt, dass er allein und aus sich selbst heraus kaum die Kraft haben dürfte, die Unruhe zu beenden. Zumal sich am kommenden Sonntag mit der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern die nächste Enttäuschung ankündigen könnte.Kaum war die Causa Stumpp abgeräumt, kam das nächste ProblemMit einiger Fassungslosigkeit wurde in der weiteren Parteiführung verfolgt, wie viel Zeit und Kraft es gekostet hat, bis die stellvertretende Generalsekretärin Christina Stumpp am Freitagabend offiziell ihren Rückzug verkündet hat. Merz hatte ihr früh zu verstehen gegeben, dass er in der neuen Aufstellung mit der Generalsekretärin Franziska Hoppermann nicht mehr mit ihr plane. Sie blieb aber zunächst, während im Hintergrund versucht wurde, eine Aufgabe für sie zu finden, die sie übernehmen wollte.Als der Vorgang öffentlich wurde, stieg der Druck, Gespräche wurden geführt. Am Ende stand die Mitteilung aus der Parteizentrale, dass Stumpp ihr Amt zum 21. September niederlegen wird. Der Bundestagsabgeordnete Michael Hose aus Thüringen wird als kommissarischer stellvertretender Generalsekretär vorgeschlagen. Stumpp hatte vorher zu verstehen gegeben, dass sie gerne agrarpolitische Sprecherin der Fraktion werden würde. Die Chefs der Landesgruppen hatten sich nach ihrer sogenannten Teppichhändler-Runde am Donnerstagabend darauf aber zumindest öffentlich nicht festlegen lassen.Doch kaum war die Causa Stumpp abgeräumt, sorgten die nächsten Zitate für Unruhe. Der mächtige Abgeordnete Christian von Stetten, Vorsitzender des Parlamentskreises Mittelstand in der Fraktion, zielte zwar mit seiner Kritik direkt auf die SPD-Spitze, vor allem auf die Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD). Ihr sprach von Stetten die Eignung für ihr Amt ab, sie blockiere die Reformen und sei nicht mehr tragbar. Dem sozialdemokratischen Koalitionspartner hielt er vor: „Zukunftsfähige Reformen passen nicht zur Ideologie der SPD-Parteipolitik.“ Damit erhöhte von Stetten aber indirekt auch den Druck auf Merz, Bas zu entlassen und vor allem die Reformen endlich umzusetzen.„Niemand strebt eine Minderheitsregierung an“So wiesen solche Kommentare nicht nur auf die weit in der Union verbreitete Ungeduld mit der SPD hin – sondern auch mit dem Kanzler. Der Druck steigt, die Unzufriedenheit ebenso. In internen Chatgruppen sollen sich Unmutsbekundungen, Ablösungsforderungen und Wechselszenarien weiter aneinanderreihen, und immer schneller dreht sich das Gerüchtekarussell. Ohne, dass ein denkbarer Nachfolger auch nur die Bereitschaft angedeutet hätte, übernehmen zu wollen. Aber in Whatsapp-Gruppen von Partei und Abgeordneten finde man ohnehin gerade alles an Varianten und Forderungen, was man sich vorstellen könne, sagt einer, der sich in diesen Gruppen bestens auskennt.Selbst darüber, ob nicht jetzt eine Minderheitsregierung ohne SPD besser wäre oder womöglich sogar schon in der Führung erwogen werde, wurde am Wochenende spekuliert. Die Forderung von Stettens jedenfalls würde letztlich darauf hinauslaufen. Der wie von Stetten aus Baden-Württemberg stammende Bundestagsabgeordnete David Preisendanz sagte der F.A.Z. aber, eine Minderheitsregierung bedeute nichts anderes, als sich von der AfD abhängig zu machen. Ihm könne niemand erklären, wo dann die Mehrheiten für die dringend nötigen Reformen der sozialen Sicherungssysteme herkommen sollten. „Alles in allem: Absurd!“Aus dem engeren Umfeld des Kanzlers war zu hören, dass Spekulationen über eine Minderheitsregierung völlig aus der Luft gegriffen seien. Jemand anderes aus dem Kanzleramt beharrte darauf: „Niemand strebt eine Minderheitsregierung an.“ Das sei kein Szenario, das ernsthaft in Erwägung gezogen werde. Es helfe nicht dabei, die dringend notwendigen Reformen umzusetzen. Aus dem engeren Umfeld des Kanzlers heißt es, es zählten jetzt nur drei Botschaften: Stabilität, Stabilität, Stabilität. Damit es mit den Reformen vorangehe.Im Nordosten könnte die CDU an der Fünfprozenthürde scheiternDer Kanzler selbst fand am Sonntag vorerst zurück in die Normalität eines Regierungschefs. Er flog zum EU-Arktis-Gipfel nach Finnland. An diesem Montag steht eine Arbeitssitzung mit Staats- und Regierungschefs der EU zur Sicherheit in der Arktisregion an.In den letzten Tagen des Wahlkampfs plant die CDU in Mecklenburg-Vorpommern ohnehin nicht mit Merz, gemeinsame Termine gibt es bis zur Wahl nicht mehr. Der CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters hatte vor einigen Tagen deutlich gemacht, dass die Leute in seinem Land enttäuscht seien von der Bundespolitik – aber Personaldebatten als kontraproduktiv abgelehnt.Peters kämpft darum, das schlechteste CDU-Ergebnis bei einer Landtagswahl seit 1951 zu verhindern, damals waren es in Bremen neun Prozent. In Umfragen stand die CDU im Nordosten zuletzt bei sieben. Selbst ein Scheitern an der Fünfprozenthürde scheint nicht ausgeschlossen. Spätestens dann droht auch die letzte Sicherung des Karussells durchzuknallen.
Kritik an Kanzler Merz: Immer schneller dreht sich das Gerüchtekarussell
In der Union wachsen Ungeduld und Unzufriedenheit mit dem Kanzler. Viele zweifeln, dass Friedrich Merz die Unruhe selbst beenden kann.













