Friedrich Merz hat eine grauenhafte Woche hinter sich, und womöglich grauenhafte Wochen vor sich. Der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende erlebt einen Autoritätsverfall auf offener Bühne.In den Landtagswahlkämpfen seiner Partei wird Merz, wenn überhaupt, nur noch äußerst ungern eingeladen, und sodann teilweise versteckt. Seine Zustimmungswerte bei den Bürgerinnen und Bürgern sind katastrophal. Unter CDU‑Politikern setzt sich die Überzeugung durch, das fehlende Vertrauen bei den Wählerinnen und Wählern sei nicht mehr reparabel.CDU/CSU-Bundestagsabgeordnete beklagen ein schweres Versagen des Kanzlers im Politik-Management, der Politik-Vermittlung – und Hybris im Umgang mit den eigenen Unzulänglichkeiten. Unter ihnen ist die Befürchtung zu hören, mit Merz als Kanzler und CDU-Chef werde die Partei erodieren, als Volkspartei verschwinden.Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt verlor die CDU mehr als die Hälfte ihrer Stimmenanteile, fuhr ihr schlechtestes Ergebnis seit Bestehen des Landes ein und wird wohl nach einem Vierteljahrhundert die Staatskanzlei räumen müssen. Die AfD steht vor den Toren zur Macht. Stellvertretende Generalsekretärin verweigerte tagelang den Rücktritt In der Unionsfraktion scheint es eine kritische Masse von Abgeordneten zu geben, die dem Bundeshaushalt 2027 nicht zustimmen wollen. Die stellvertretende CDU‑Generalsekretärin – sie heißt Christina Stumpp – schlug tagelang Merz’ Bitte um Rücktritt aus. Nun soll sie am Tag nach den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gehen, wie Merz am Freitagabend per Presseerklärung mitteilen ließ.Am 20. September könnte die CDU im Nordosten erstmals bei einer Landtagswahl unter die Fünf-Prozent-Hürde fallen. In Berlin droht der Verlust des Roten Rathauses.Der CSU-Vorsitzende Markus Söder hatte im Juli, während Merz’ Machtverfall noch nicht derart fortgeschritten war, über seine eigenen Kanzler-Ambitionen gesagt: „Dieses Kapitel ist abgeschlossen. Die Frage stellt sich heute nicht – und sie wird sich auch in Zukunft nicht mehr stellen.“ Schon damals sah mancher in der CDU diesen Satz als Hinweis für das glatte Gegenteil.Am Wochenende antwortete Söder auf die Frage der „Bild am Sonntag“, ob es einen Kanzlersturz geben werde: „Von der CSU auf keinen Fall.“ Söder hält also dieses Szenario für möglich. Friedrich Merz mit Hendrik Wüst und Markus Söder bei einer gemeinsamen Präsidiumssitzung von CDU und CSU. © picture alliance/dpa/Oliver Berg Längst wird in Unionskreisen damit gerechnet, dass entweder Söder oder NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst den Kanzler beerben werden, und zwar womöglich schon in den kommenden Wochen oder Monaten. Die SPD würde Wüst mitwählen und müsste notgedrungen selbst Söder mittragen. Neuwahlen will sie verhindern, vermutlich um fast jeden Preis. Söder und Wüst belauern sich seit Jahren Söders Erfolge bei Wahlen sind bescheiden, doch der bayerische Ministerpräsident ist das, was man ein political animal nennt: Machtinstinkt und Machtdrang machen ihn aus. Als Vorsitzender der CSU kommt er für die Kanzlerschaft gewiss in Betracht. Das sieht mancher in der CDU freilich anders, erinnert an Söders rasante Positionswechsel und seine außenpolitischen Pirouetten, und wirbt für Wüst.Wüst ist recht beliebt und führt Schwarz-Grün in NRW überwiegend geräuschlos. Sein Werben für die Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens am Montag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt hat in der CDU jedoch irritiert. Zudem wird Wüsts machtpolitisches Zaudern in der eigenen Partei längst registriert und ihm teilweise schon verübelt.Die Dynamik von Merz’ Machtverfall wird es Wüst im Zweifel nicht erlauben, zunächst die Landtagswahl in NRW im April 2027 gewinnen zu wollen. Söder und Wüst belauern sich seit Jahren. Nach den Wahlen in Nordosten und Berlin kann es in der Union zu einer nicht vorhersehbaren Dynamik kommen.Und wenn es Merz doch noch einmal versucht? Die SPD zu Reformen drängt, die Gesetzespakete zu Gesundheit, Rente, Pflege, Haushalt, notfalls mit Vertrauensfrage, durch das Parlament bringt? Oder wenn Merz erst einmal ankündigt, den CDU-Vorsitz abzugeben?Da hätte immerhin Söder kein Mitspracherecht, und Wüst wäre wohl gesetzt. Doch das käme für Merz einem wenig ehrenhaften Abschied auf Raten gleich. Mit einer erneuten Kanzlerkandidatur von Merz bei der nächsten Bundestagswahl rechnet ohnehin fast niemand mehr.Ja, das Grundgesetz sieht vor, dass der Bundeskanzler nur durch die Wahl eines Nachfolgers ersetzt werden kann. Ein Kanzlerwechsel ist möglich, wenn auch mitten in der Legislaturperiode unüblich.Viel hängt nun an den Ministerpräsidenten und mächtigen Landesvorsitzenden der CDU. Sollten sie nahe dem Wahl-Wochenende zu Merz pilgern und ihm nahelegen, dass es mit ihm als Kanzler nicht mehr gehe, dürfte er sich kaum verweigern können. Die Union war immer eine Machtmaschine. Wenn ihre Amtsträger keine Macht mehr versprechen, kann sie gnadenlos sein.
Friedrich Merz in der Krise: Kanzlerdämmerung
Kanzler Friedrich Merz erlebt einen Autoritätsverfall auf offener Bühne. Wenn es dafür noch eines Beweises bedurft hätte, sind es die Worte von Markus Söder. Die Wahlen am 20. September können für Merz zum Aus führen.














