Der deutsche Kanzler gilt in der eigenen Partei zunehmend als Belastung. In der CDU rumort es gewaltig, doch wagt bis anhin niemand den offenen Aufstand. Entscheiden die kommenden Landtagswahlen über sein politisches Schicksal?01.08.2026, 04.30 Uhr8 LeseminutenEr kann kurz aufatmen, mehr nicht: Kanzler Friedrich Merz.Filip Singer / EPABundeskanzler Friedrich Merz lächelte, als er an diesem Donnerstagnachmittag vor die Medien trat. Er wirkte erleichtert. Soeben hatte die Unionsfraktion im deutschen Parlament seinen Vertrauten Thorsten Frei zu ihrem Vorsitzenden gewählt, mit dem beachtlichen Ergebnis von 92 Prozent der Stimmen. So gut hatte Freis Vorgänger Jens Spahn nie abgeschnitten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Läuft also alles nach Plan für den Kanzler?Im Gegenteil. Hinter den Kulissen rumort es gewaltig in der CDU. Die Stimmung hat sich nach scharfer Kritik an Merz’ Führungsstil und der öffentlichen Abrechnung durch einen entlassenen Staatssekretär so sehr gegen ihn gewendet, dass sich gar die Frage stellt, wie lange er sich noch im Kanzleramt wird halten können.Die Erleichterung bei Merz wirkt eher wie die eines Autofahrers, der in eine Karambolage verwickelt ist, voller Adrenalin den verbeulten Wagen betrachtet und sich freut, dass er noch fährt. Die Frage ist nur, wie weit. Oft liegen die Schäden tiefer.Misstrauen gegenüber MerzEin Unionsabgeordneter, der am Donnerstag für die Abstimmung über den Fraktionsvorsitzenden aus den Ferien anreisen musste, sagt der NZZ: «Mich irritiert, dass schon so wenig dafür reicht, dass Merz erleichtert ist.» Freis Wahlergebnis könne nicht als Unterstützung von Merz gelesen werden. Zwar blieb der Eklat in der Fraktion aus, trotzdem war die Kritik am Kanzler unüberhörbar. Wie Teilnehmer der Sitzung berichten, sagte etwa der Abgeordnete Leif Bodin, dass seine Stimme ausschliesslich Thorsten Frei gelte – und wirklich nur diesem.Bodin ist bei weitem nicht der einzige Christlichdemokrat, der inzwischen offen auf Abstand zum Bundeskanzler geht. Dessen Autorität erodiert in atemberaubender Geschwindigkeit und mit ihr das Ansehen von Partei und Regierung.Es könnte sein, dass kein weiter Weg mehr vor dem Kanzler und Parteivorsitzenden Friedrich Merz liegt. Offen ist jedoch, ob es in der Partei jemanden gibt, der den Mut zur Revolte aufbringt.Untergangsstimmung hat inzwischen weite Teile der CDU erfasst, in den Umfragen hält die Partei sich teilweise nur noch knapp über der 20-Prozent-Marke. Mandate stehen auf dem Spiel. Es ist die schwerste Krise der Partei seit der Parteispendenaffäre zur Jahrtausendwende. Mit banger Erwartung blicken die Christlichdemokraten nun auf die drei Landtagswahlen im Herbst, bei denen nach jetzigem Stand schwere Niederlagen zu erwarten sind, vor allem gegen die AfD.Dabei hatte die Koalition mit der Krankenkassenreform und den Reformvorhaben bei Rente und Steuern endlich einmal geliefert, nach dem so zähen Beginn dieser Regierung. Die Koalitionäre freuten sich auf einen etwas ruhigeren Sommer.Doch der Rücktritt von Jens Spahn durchkreuzte die Pläne. Er machte einen Umbau in Kabinett und Partei nötig, den Merz sich eigentlich erst für den Herbst vorgenommen hatte, womöglich auch nur in geringerem Umfang. Den Rücktritt sah keiner kommen, und eigentlich war er eine Gelegenheit für Merz. Ein Abgeordneter drückt es so aus: «Das war eine Chance, Ruhe in den Laden zu bringen. Sie wurde aber auf desaströse Weise vertan.»Erst rückte praktisch die ganze rheinland-pfälzische CDU von Merz ab, weil er den aus der Eifel stammenden Verkehrsminister Patrick Schnieder entlassen hatte. Dann rechnete der geschasste Staatssekretär Tino Sorge in einer Erklärung öffentlich mit dem Kanzler und dessen «Stil» ab, und im Bundesvorstand hielt der Bremer CDU-Chef Heiko Strohmann Merz entgegen, er leite kein Unternehmen, sondern eine Partei.Verfügt der Kanzler persönlich überhaupt über die Mittel, das Land und seine Regierung noch weiter zu führen?Diejenigen in der Union, die ihm noch immer wohlgesinnt sind, loben meist, dass er die Lage des Landes richtig analysiere: die strukturellen Probleme, die globalen Herausforderungen und die Folgen schlecht regulierter Masseneinwanderung. Doch selbst seine Unterstützer bemängeln mittlerweile Merz’ kommunikative Schwächen.«Selbstherrlichkeit ist das Problem»«Seine Selbstherrlichkeit ist das Problem», sagt ein christlichdemokratischer Abgeordneter der NZZ. Merz glaube, er löse die Probleme der Welt. Er sei aber nicht bereit, daheim die Hinterbänkler seiner Fraktion zu bespassen. «Es fehlt ihm an Loyalität und Kameradschaft.»Mittlerweile wird das zum Problem für den Kanzler, denn Fraktion und Partei sollten ihm eigentlich als Machtbasis dienen. Ihn tragen. So war es bei Angela Merkel, so war es bei Helmut Kohl.Diese haben meist schon beim ersten Anzeichen von Unzufriedenheit in der eigenen Truppe reagiert. Merz hingegen, so hört man in der Partei, sei unvorbereitet in die Sitzung des CDU-Bundesvorstands am Montag gegangen. Dort schlug ihm der Unmut entgegen, aber niemand sprang für ihn in die Bresche.Gute Laune nach der Wahl des Fraktionschefs: Kanzler Friedrich Merz, der CSU-Chef Markus Söder und Thorsten Frei (von links).Sean Gallup / Getty Images EuropeUnd vor einer entscheidenden Fraktionssitzung wie jener am Donnerstag hätten «Merkel und Kohl vorher ihre Loyalisten gebrieft und sie zu Wortmeldungen animiert», sagt einer aus der Union. «Aber es gibt bei Merz einfach niemanden. Allenfalls diejenigen, die es qua Amt müssen.»Kritik von den Wahlkämpfern im OstenAuch unter den Landesverbänden ist bis anhin keiner, der dem Parteichef jetzt öffentlich beispringt. Merz kommt aus Nordrhein-Westfalen, und der Vorsitzende des mächtigen Landesverbands ist Ministerpräsident Hendrik Wüst – der Mann, der bei Gedankenspielen über eine Ablösung des Kanzlers am häufigsten als Nachfolger genannt wird.Merz ist so unbeliebt und so glücklos, dass die Wahlkämpfer in den Ländern von ihm und der Bundesregierung abrücken. Teils diskret, teils offen.Sven Schulze, der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, wandte sich jetzt gemeinsam mit den christlichdemokratischen Ministerpräsidenten von Thüringen und Sachsen gegen die von der Koalition geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren.Am Donnerstag präsentierten sie ein Positionspapier, das gleich einen ganzen Forderungskatalog enthielt, etwa zur Pflege und zu einer familienfreundlichen Steuerpolitik. Sie mahnten an, dass die geplanten Sozialreformen der Bundesregierung die strukturellen Unterschiede zwischen Ost und West stärker berücksichtigen müssten.Das Ganze verbanden die Ministerpräsidenten mit der Drohung, die geplanten Reformen im Bundesrat scheitern zu lassen.Bei den christlichdemokratischen Wahlkämpfern in Sachsen-Anhalt beklagt man, dass das Chaos in Berlin ihren Wahlkampf belaste. Es sei «schwer oder unmöglich», noch mit landespolitischen Themen durchzudringen, sagte Ministerpräsident Schulze dem Deutschlandfunk. Die Klage, mit landespolitischen Themen nicht mehr durchzudringen, ist zwar nichts Neues. Auffällig ist aber, wie ungerührt der Missstand Merz angehängt wird.In Sachsen-Anhalt gab es ausserdem Verärgerung darüber, dass der Magdeburger Bundestagsabgeordnete Tino Sorge im Zuge der Personalwechsel seinen Posten als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium verloren hatte. In Anbetracht einer AfD, die angesichts erheblicher Vorsprünge in den Umfragen vor Kraft kaum laufen kann, empfinden die Christlichdemokraten hier den Umgang mit Sorge als demütigend.So verlegen sie sich auf eine Kampagne, aus der Merz zwar nicht verbannt ist – er soll durchaus auf Wahlveranstaltungen sprechen –, die aber dennoch auf maximale Distanz setzt. Die sachsen-anhaltische CDU legte etwa eine Reihe von Gesprächsabenden auf, bei der Ministerpräsident Sven Schulze mit dem Komiker Dieter Hallervorden über «Kunst und Freiheit» diskutiert. Die Union will sich damit als Verfechterin der Meinungsfreiheit präsentieren, ein Thema, für das sich auch die AfD starkmacht.Hallervorden hatte sich in jüngerer Zeit immer wieder gegen die deutsche Unterstützung Israels während des Gaza-Kriegs gewandt und der Nato eine Mitschuld am russischen Angriff auf die Ukraine gegeben; damit stellt er sich zentralen Positionen der Unionsparteien entgegen. Eine der wenigen noch verbliebenen Konstanten der CDU ist ihre transatlantische Prägung und ihr Bekenntnis zur Nato. Zwei Gesprächsabende fanden schon statt, und der bald 91 Jahre alte Hallervorden sang dabei ein Lied, in dem er dem Kanzler und dem Verteidigungsminister Boris Pistorius Kriegstreiberei vorwirft.Auf der Plattform X teilte der Politikwissenschafter Carlo Masala ein Video von der Veranstaltung und merkte an, es sei schon «next level crazy», wenn die Sachsen-Anhalter Wahlkampf gegen den eigenen Kanzler machten. Der CDU-Verteidigungspolitiker und Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter kommentierte den Post Masalas wie folgt: «Leider. So weit hat er uns schon gebracht.» Kiesewetters Einordnung ist wenig überraschend, er gilt als Merkelianer, der mit Merz immer gefremdelt hat. Aber auch hier fällt auf, wie kräftig einige Christlichdemokraten nun öffentlich nachtreten.Auch die Jungen versagen Merz den RückhaltWohin Merz sich auch wendet, die Unterstützer schwinden. Die Parteijugend gibt ihm schon lange keinen Rückhalt mehr. Vor seiner Kanzlerschaft applaudierte die Junge Union ihm noch heftig, wenn er auf deren «Deutschlandtag» zu Gast war. Schliesslich war sein grosses Versprechen, die Merkel-Ära zu beenden und das konservative Profil der Partei zu schärfen. Doch die Zeiten der vorbehaltlosen Unterstützung sind vorbei.Johannes Winkel, Vorsitzender der Jungen Union, übte in der Fraktionssitzung deutliche Kritik am Kurs der Regierung und sprach von einem grundlegenden «Glaubwürdigkeitsproblem».Wie tief die Kluft inzwischen ist, zeigte ebenfalls in der vergangenen Woche ein Ereignis in Brandenburg: In dem Bundesland trat die dortige Landesvorsitzende der Jungen Union Laura Strohschneider aus Protest gegen den Kurs der Bundesregierung von ihrem Amt zurück und verliess sogar die CDU. Die Partei habe «ihre Glaubwürdigkeit verspielt», sagte sie der NZZ und verwendete dabei ein in diesen Tagen häufig gebrauchtes Wort. Den drastischen Schritt des Parteiaustritts gehe sie, weil sie die Hoffnung auf Veränderung verloren habe.Ist der Sturz des Kanzlers unausweichlich?Gibt es eine Chance, dass Merz die Lage seiner Partei noch in den Griff bekommt, dass er den verbeulten Wagen CDU wieder halbwegs zum Laufen bringt?Ein Anführer kann seine Gefolgschaft auf Dauer nur durch Erfolg und Fürsorge an sich binden. In einer Demokratie braucht es dafür Wahlsiege und damit die Macht, den eigenen Leuten Ämter und Mandate zu sichern.Darum blicken die Christlichdemokraten jetzt gebannt auf die Wahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern im Herbst. Von deren Ausgang hängt auch für Merz vieles ab, vielleicht alles.Was geschehen wird, ist eine Gleichung mit mehreren Unbekannten.Ein Szenario, das sich bei Gesprächen mit Unionspolitikern herauskristallisiert, könnte Merz zumindest noch Zeit verschaffen: Gelingt es der Union in Sachsen-Anhalt, sich irgendwie an der Macht zu halten, dann könnte auch die Bundespartei das als Erfolg verkaufen. Dann könnte die Botschaft lauten: Nur wir sind wirklich anschlussfähig, die AfD ist es nicht. Auch den möglichen Verlust des Roten Rathauses in Berlin könnte die Partei so verschmerzen.In diesem Fall könnte noch einmal Ruhe einkehren, und Merz erhielte eine weitere Chance, sich als Reformer zu bewähren.Kommt es hingegen zu einer AfD-geführten Regierung in Sachsen-Anhalt und verliert die Union auch das Rote Rathaus in Berlin, dann könnten womöglich nur noch schnelle und deutliche Durchbrüche bei den Reformen den Regierungschef retten.Im Übrigen könnten Spieler von Gewicht den Kanzler zum Rückzug drängen, etwa ein Bündnis mehrerer Unions-Ministerpräsidenten. Dafür müsste ein Nachfolger bereitstehen.Der bayrische Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder hat sich in einem Interview mit dem «Handelsblatt» in dieser Woche als künftiger Kanzlerkandidat aus dem Rennen genommen: «Dieses Kapitel ist abgeschlossen», sagte Söder. Was Söder sagen würde, wenn die Schwesterpartei CDU ihn doch eines Tages dringend bitten würde, Kanzler zu werden, ist eine andere Frage. Doch ist es unwahrscheinlich, dass die CDU als grössere der beiden christlichen Parteien auf das Kanzleramt verzichtet, solange sie einen geeigneten eigenen Kandidaten hat.Und den gibt es. In der CDU fällt in der Regel ein Name, wenn es um die Frage geht, wer Merz ablösen könnte: Hendrik Wüst. In der Partei ist Wüst beliebt, in Nordrhein-Westfalen regiert er verhältnismässig geräuschlos mit den Grünen. Diese äussern sich wohlwollend über ihn.Wird die AfD bei einer künftigen Bundestagswahl stärkste Kraft, könnte die Anschlussfähigkeit der Union gegenüber den Grünen entscheidend sein. Zweitplatzierte Christlichdemokraten wären vermutlich zu einer Dreierkoalition gezwungen, für die die Grünen ein potenzieller Partner sind.Bei den Mitgliedern der CDU, die Angela Merkel nachtrauern, dürfte Wüst gute Karten haben. Seine Aufgabe wäre im Falle einer Ablösung von Merz aber vor allem, diejenigen einzubinden, die vom Kanzler enttäuscht sind, weil sie sich eine deutlich konservativere Politik erhofft hatten. Und das sind einige.Wüst ist allerdings fast zwanzig Jahre jünger als Merz, er hat Zeit. Bis anhin ist sein nächstes Ziel, bei der Landtagswahl im kommenden April bestätigt zu werden. Dann wäre seine Position noch einmal gefestigter. Merz hingegen kämpft jetzt um das, was die Kanzlerschaft für jeden Inhaber dieses Amts ist: sein Lebenswerk. Das kann Kräfte mobilisieren.Passend zum Artikel
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