«Friedrich Merz regiert mit Posen», sagt der Kanzlerversteher Ralf SchulerNach dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt sieht der langjährige Politikbeobachter die Union in einer existenziellen Krise. Er erklärt, warum Friedrich Merz zum Getriebenen geworden ist – und weshalb ein Kanzlertausch das Problem kaum lösen würde.12.09.2026, 04.30 Uhr8 LeseminutenEr kennt CDU und CSU wie seine Westentasche: Ralf Schuler. Der Journalist leitete von 2013 bis 2022 die Parlamentsredaktion der «Bild»-Zeitung.Wolf LuxDas Gespräch zwischen dem Journalisten Ralf Schuler und Beatrice Achterberg, Redaktorin der NZZ in Berlin, ist ein Auszug aus dem Deutschland-Podcast «Machtspiel» der NZZ und der Brost-Stiftung. Schuler ist Autor des Buches «Siegeszug der Populisten», das die Gründe für den Aufstieg populistischer Parteien analysiert. Das vollständige Interview finden Sie hier.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frage: Die AfD holt in Sachsen-Anhalt 44 Prozent, die CDU stürzt von 37 auf 17 Prozent ab. War das eine normale Landtagswahl, bei der es je nach Ergebnis personelle Konsequenzen gibt? Oder erleben wir hier den Anfang vom Ende der CDU?Antwort: Es war ein Erdrutsch und, wenn man die historische Dimension für ganz Deutschland mitberücksichtigt, eine Zäsur, die so tief ist, dass man sagen könnte: Hier endet ein Stück weit bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte. Die Szenarien, die man vorher aufgemacht hat, sind nach beiden Seiten übertroffen worden. Die AfD hat noch mehr gewonnen als in den Umfragen eingepreist, die Union noch dramatischer verloren.Antwort: Davon geht nun ein Beben nach Berlin aus. Wenn sich solche Erschütterungen in den Umfragen abzeichnen, ist die Politik noch immer nicht in der Lage, vorher darauf zu reagieren und Strategien zu entwickeln. Das ist, als würde ein Auto auf eine Wand zufahren. Der normale Fahrer würde anfangen zu bremsen, wenn er die Wand sieht. Dieser Mechanismus funktioniert in der Politik nicht. Die Kühlerhaube muss sich nach dem Aufprall erst langsam nach oben falten. Dann beginnt man zu überlegen: Oh, das war blöd, was mache ich denn jetzt?Frage: Ist das vor allem ein Problem der etablierten Parteien?Antwort: Sachsen-Anhalt ist ein Menetekel für die Bundespolitik. Die etablierten Parteien sind dort im Abschmelzen begriffen. Das ist eine Tendenz, die wir auch im Bund sehen: eine tiefe Vertrauenskrise gegenüber den etablierten Parteien.Antwort: Unser politisches System ist nach dem Krieg bewusst so konstruiert worden, dass ein direktes Umschlagen von Stimmungen in politische Entscheidungen nicht möglich ist. Wir haben föderale Strukturen, Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern, das Bundesverfassungsgericht und darüber noch die europäische Ebene. Das sorgt zwar für Stabilität, führt aber auch zu einer politischen Verkrustung und einer Zähigkeit im politischen Kräftespiel, die die Menschen ganz offensichtlich nicht mehr zu akzeptieren bereit sind.«Alice Weidel hat den neuralgischsten Punkt von Friedrich Merz getroffen: sein Ego.»Frage: Das haben wir auch in der Generaldebatte im Bundestag gesehen. Wie haben Sie Friedrich Merz dort erlebt?Antwort: Politisch interessierte Leute muss regelrecht aufwühlen, was man da geboten bekommen hat. Alice Weidel konnte vor Kraft kaum laufen nach dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt. Sie hat sich mit geradezu provozierender Lässigkeit ans Pult gestellt, die Worte lange sacken lassen, grosse Pausen gemacht. Sie sagte den Parlamentariern von CDU und CSU sinngemäss: «Schauen Sie nach links und nach rechts, nach der nächsten Wahl wird die Hälfte der Leute, die Sie sehen, nicht mehr dort sitzen, wenn Friedrich Merz mit Ihnen fertig ist!»Antwort: Damit hat sie den neuralgischsten Punkt von Friedrich Merz getroffen: sein Ego. Diese Machtdemonstration hätte ein kühl kalkulierender Politiker abtropfen lassen. Als Regierungschef muss man so eine Attacke ins Leere laufen lassen, seine Vision für Deutschland aufbauen und die Opposition nicht einmal zur Kenntnis nehmen.Antwort: Merz hat sich dagegen ab der ersten Sekunde an der Oppositionsführerin Weidel abgearbeitet. Er wurde zum Getriebenen, verliess sein Manuskript, blätterte Seiten um, obwohl er sie gar nicht abgelesen hatte, und begann, seinen Papierstapel mit beiden Händen zu ordnen. Das ist immer ein Zeichen von Nervosität. Ich habe so etwas noch nicht gesehen. Und ich fürchte, dass man in den Regierungsfraktionen jetzt begriffen hat, dass es so nicht weitergeht – und vor allem mit diesem Kanzler nicht weitergeht.«Die Ausweglosigkeit ist auch ein Zeichen der personellen, aber auch der programmatischen Erschöpfung der Union.»Frage: Sie kennen die Union seit vielen Jahren sehr gut. Wie ist dort gerade die Stimmung?Antwort: Wie oft ich die Wendung «an einem Tiefpunkt» schon verwendet habe – und es geht immer noch tiefer. Das Problem ist, dass man im Bundesland Sachsen-Anhalt sichtbar abgestraft worden ist und laut jüngsten Umfragen in Mecklenburg-Vorpommern als Union noch heftiger abgestraft wird. Das ist für die Union vom Selbstverständnis her völlig indiskutabel.Antwort: Ein Austausch des Kanzlers, was seit Mitte des Frühjahrs in Berlin die Runde macht, ist Ausdruck einer tiefen Hilflosigkeit. Die Ausweglosigkeit ist auch ein Zeichen der personellen und programmatischen Erschöpfung der Union und damit des gesamten Volksparteienlagers. Normalerweise wartet irgendein Nachrücker oder Konkurrent in den Kulissen, hält sich für den Besseren, sammelt Truppen und sagt dem Amtsinhaber irgendwann im Augenblick der Schwäche, dass jetzt Schluss sei.Frage: Was müsste die CDU in Sachsen-Anhalt nach diesem Ergebnis konkret anders machen?Antwort: Allein, dass wir über Sachsen-Anhalt reden, ein Land mit ungefähr zwei Millionen Einwohnern, ist schon bizarr. Selbst der amerikanische Präsident Donald Trump hat auf diese Wahl reagiert. Es ist eine Art Brennglas für die Verwerfungen im politischen System in ganz Deutschland.Antwort: Statt einer inhaltlichen Neuaufstellung sehen wir jetzt zunächst Ränkespiele. Der gescheiterte CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze gibt den Landesvorsitz ab, lässt sich aber zum Fraktionschef wählen. Die Fraktion selbst ist zerstritten.Antwort: Aber in einem angeschlagenen, nicht selbstgewissen Land sind solche Machtspiele, die sich nach der inneren Logik der Politik richten, so ziemlich das Falscheste, was man machen kann.Frage: Kann die CDU noch verhindern, dass die AfD in Sachsen-Anhalt regiert?Antwort: Bemerkenswert war doch, dass der Kanzler gleich zu Beginn seiner Rede sagte: Sie haben ja keine absolute Mehrheit bekommen. Die Partei von Konrad Adenauer und Helmut Kohl stellt sich also hin und feiert es als Erfolg, dass der AfD drei Stimmen zur absoluten Mehrheit fehlen. Wie klein muss man sich machen, um das auch noch zu erwähnen?Antwort: Die AfD kann jetzt noch keine Alleinregierung bilden. Aber wenn ein Land nahezu mit absoluter Mehrheit eine Partei wählt, muss ich doch als Politiker schonungslos mit mir selbst ins Gericht gehen. Ich muss inhaltlich, strategisch und auch in der Wortwahl darauf so reagieren, dass die Leute den Eindruck haben: Ich habe verstanden.Frage: Können Sie verstehen, dass Menschen grosse Sorgen über eine erste AfD-Regierung haben?Antwort: Ich kann verstehen, dass Menschen diese Sorge haben, wenn die AfD immer wieder in die Nähe der NSDAP gerückt wird. Wenn selbst der Bundeskanzler Weimar als Vergleich heranzieht, ist es eine logische Folge, dass Menschen Angst bekommen.Frage: Aber in der AfD Sachsen-Anhalt gibt es Personen mit Verbindungen in rechtsextreme Milieus. Kommen die Ängste nicht auch daher?Antwort: Abspaltungen haben die Tendenz, radikaler zu sein als die Herkunftspartei. Wenn sie gross werden wollen, müssen sie Dinge härter und klarer aussprechen. Und solche Abspaltungen haben auch die Tendenz, Radikale einzusammeln, die die Chance wittern, mit einer neuen Bewegung zu politischem Einfluss zu kommen.Antwort: Natürlich gibt es in der AfD unappetitliche Gestalten und Radikalisierungstendenzen. Aber ich halte die historische Analogie zur NSDAP für falsch. Die AfD hat keine militanten Vorfeldorganisationen wie die NSDAP, keinen eliminatorischen Rassismus und keine aussenpolitische Hegemonialstrategie wie Hitler. Solche Gleichsetzungen sind über weite Strecken ahistorisch.Frage: Sprechen wir noch einmal über Friedrich Merz. Sie haben geschrieben, dass der Druck auf ihn von mehreren Seiten wächst. Warum wird es jetzt gefährlich für den Kanzler?Antwort: Ich versuche immer, wenn ich gefragt werde, wie ich die Lage einschätze, nicht von meinen Gefühlen auszugehen, sondern Indizien zu sammeln. Und inzwischen gibt es mindestens sechs. Es gibt offene Rücktrittsforderungen. Die ehemalige deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat dieser Tage gesagt, sie habe die Brandmauer nicht erfunden und sei immer dafür gewesen, mit Menschen zu sprechen und Brücken zu bauen. Merkel hatte immer ein untrügliches Gespür für einen schwachen Moment bei ihren Gegnern.Antwort: Und ganz wichtig: Markus Söder. Er wurde gefragt: Ist Friedrich Merz noch der richtige Kanzler? Darauf antwortete Söder: «Ich glaube, dass er Kanzler ist.» Man muss auf die Wortwahl achten. Indem ich auf die Frage, ob er der richtige Kanzler sei, sage: «Ich glaube, er ist Kanzler», mache ich ziemlich deutlich, was ich von ihm halte.Frage: Das ist eine ziemlich vernichtende Einschätzung. Kann Merz überhaupt noch aus dieser Situation herausfinden?Antwort: Denklogisch gäbe es eine Situation: Ihm wird eine grosse historische Krise vor die Füsse gespült, und er meistert sie. Menschen können sich durch gutes Krisenmanagement auch aus einer sehr schwierigen Lage befreien. Aber ich sehe das im Moment nicht.Antwort: Ich sehe das im Augenblick nicht, weil ich glaube, dass das grösste Problem von Friedrich Merz in seiner Persönlichkeitsstruktur liegt. Friedrich Merz regiert mit Posen. Jeder, der das bezweifelt, soll sich einfach seine Reden anhören. Es sind immer rhetorische Posen, die er aufbaut.Frage: Was meinen Sie damit?Antwort: Nehmen Sie den Drohnenzwischenfall am Leipziger Flughafen. Da sagte er wörtlich: «Die werden bezahlen müssen.» Das ist Kriegsrhetorik. So einen Spruch liefert man nicht als Regierungschef, wenn man weiss, dass man in eine Öffentlichkeit hineinsendet, die Angst vor einem Krieg hat.Antwort: Überspitzung ist ein legitimes Mittel in der Politik. Aber «Die werden bezahlen müssen» insinuiert Gegenschläge und brutale Kraft. Dabei müsste man sich klarmachen, dass wir diese brutale Kraft militärisch nicht haben und auch nicht willens sind, Russland anzugreifen.Antwort: Aber rein technisch war von Anfang an klar, dass er das so nicht hinbekommt. Vieles ist Sache der Bundesländer. Und wenn man wochenlang über einen Koalitionsvertrag verhandelt und am ersten Tag einen Minister per Richtlinienkompetenz zwingen muss, ist die Koalition schon zu Ende. Da wollte er insinuieren, dass er wie Donald Trump Dekrete unterschreibt und einfach durchregiert.Antwort: Das sind diese Machtposen. Unabhängig davon, ob er die Macht als Rückhalt hat, ob er die eigenen Truppen in Partei und Regierung gesammelt hat und welche Stimmung im Land herrscht.Frage: Ihre Antwort auf die Frage, ob Merz noch etwas richtig machen könne, lautet also: Ausser, ihm fällt eine grosse Krise in den Schoss, eher nicht?Antwort: Das ist in der Tat der dramatische Befund, der sich mir Stand heute aufdrängt.Frage: Und wenn nicht: Kommt es zum Kanzlertausch? Über solche Überlegungen in der Union haben Sie schon im Frühjahr berichtet.Antwort: Diese Szenarien sind alle Ausweis einer tiefen Ratlosigkeit an der Parteibasis, aber nicht Ausweis realer Möglichkeiten. Hendrik Wüst ist der natürliche Kanzlerkandidat für kommende Wahlkämpfe. Aber er möchte zunächst die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen gewinnen und ist auch nicht derjenige, den die Basis unbedingt will.Antwort: Der CSU-Chef Markus Söder ist in der CDU ausserhalb Bayerns schwer zu vermitteln und würde wahrscheinlich keine hinreichende Gefolgschaft bekommen. Das weiss er auch, wird es aber trotzdem versuchen, sollte sich die Gelegenheit bieten.Antwort: Es gibt eigentlich keine guten Alternativen. Und das ist das ganz grosse Problem. Es ist eine sehr, sehr ungemütliche Perspektive auf Deutschland, die wir im Augenblick sehen. Denn die anderen Parteien sind ja nicht besser dran.Ralf Schuler: Siegeszug der Populisten. Warum die etablierten Parteien die Bürger verloren haben. Fontis-Verlag, Basel 2024. 304 S.Passend zum Artikel