An der Neuen Kräme wurde der erste von 600 Papierkörben installiert, mit denen die Stadt sauberer werden sollte. Im türkischen İzmit eröffnete eine Delegation aus Frankfurt ein von dieser Stadt finanziertes Jugendhilfezentrum. Im Westend endete eine Hausbesetzung – freiwillig und friedlich, wie es hieß. Alltag in Frankfurt. Nichts sprach dafür, dass dieser Dienstag, der 11. September 2001, länger in Erinnerung bleiben sollte als andere Tage in diesem Frühherbst vor 25 Jahren.Bis gegen 15 Uhr. Kein Geringerer als der einstige amerikanische Außenminister Henry Kissinger spricht während eines Festakts der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young in der Alten Oper, als Holger Weinert, Moderator des Hessischen Rundfunks, auf die Bühne stürmt und aufgeregt verkündet, das World Trade Center in New York stehe in Flammen. Ungläubigkeit, Entsetzen. Kissingers Mundwinkel klappen nach unten. Was solle er dazu sagen, murmelt er im Hinausgehen nur. Verwirrt blicken die Gäste der Feier auf das Fernsehbild, das jetzt jemand auf die Leinwand projiziert hat. Ulrich Wickert überlebensgroß. Hinter ihm ein brennendes Hochhaus, dicker Rauch darüber.Trauermarsch: Angehörige der Frankfurter Feuerwehr gedenken auf dem Römerberg insbesondere den Opfer in den Reihen der New Yorker Feuerwehr.Wolfgang EilmesAmerikaner und Europäer sollten sich mehr füreinander interessieren, hatte Kissinger in seinem Vortrag gesagt. An diesem Dienstagnachmittag ist Amerika tatsächlich auf einmal ganz nahe, wenn auch anders als gedacht. Wenn man im Rückblick schreibt, die Nachricht von den Anschlägen in den Vereinigten Staaten sei wie ein Lauffeuer um die Welt gegangen und so auch nach Frankfurt gelangt, so ist zu bedenken, dass die Welt 2001 noch ohne Smartphone und Pushmeldungen auskommen musste. Ein bisschen länger als heute dauert es also schon, bis jeder davon weiß. Aber nicht viel. Wer sich gerade am Hauptbahnhof aufhält, ist jedenfalls rasch informiert. Dort hängen im Jahr 2001 große Bildschirme. Gebannt verfolgen Pendler und Passanten die Katastrophe. „Diese Schweine“, ruft eine Bankangestellte, „oh mein Gott“, sagt einer. Eine Frau spricht in ihr Mobiltelefon und beschreibt, was sie auf dem Bildschirm sieht. Auch auf der Zeil stehen die Leute vor Schaufenstern, in denen Fernseher laufen. „Ich glaube das alles nicht“, meint jemand. „Wer tut so etwas?“Sprachlosigkeit: Auf einer Großbildleinwand verfolgen die Menschen im Frankfurter Hauptbahnhof das Geschehen in New York und Washington.Cornelia SickSo viel geschieht jetzt auf einmal. Vor dem amerikanischen Generalkonsulat, damals an der Siesmayerstraße, legen Frankfurter Blumen nieder. Auf dem Bürgersteig patrouillieren Polizisten. Aus Furcht vor Bomben nimmt das Konsulat in den nächsten Tagen keine Post mehr an. Für alle Einrichtungen der Vereinigten Staaten gilt die höchste Sicherheitsstufe. Auch für die Israels.Am Flughafen sind die Passagiere ratlos. Die Flüge in die Vereinigten Staaten werden am späten Nachmittag ausgesetzt. In der Nacht kampieren gestrandete Reisende im Sheraton-Hotel gegenüber auf Feldbetten des Technischen Hilfswerks; die Hotels in der Stadt sind wegen der bevorstehenden Automobilmesse ausgebucht. Die Sicherheitskontrollen am Flughafen werden strenger. Vom Einsatz bewaffneter Flugbegleiter ist in den nächsten Tagen die Rede und vom Einbau von Panzertüren in die Maschinen, die den Zugang zum Cockpit erschweren sollen. In den entführten Flugzeugen hatten die Terroristen die Cockpits gestürmt und die Maschinen dann selbst geflogen. Viele wollen sich gar nicht mehr in ein Flugzeug setzen. In den Frankfurter Reisebüros stehen in den nächsten Tagen die Telefone nicht still, zahllose Reisen werden storniert.Die Oberbürgermeisterin im Anflug nach New YorkDie Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) sitzt, der Zufall will es so, in der Stunde der Anschläge in einem Flugzeug auf dem Weg nach New York. Roth ist zur Abschiedsfeier des dortigen Bürgermeisters Rudolph Giuliani eingeladen. Die Lufthansa-Maschine wird umgeleitet nach Kanada, zehn Stunden müssen die Passagiere in der Maschine ausharren, dann werden sie in einer Turnhalle in Gander in Neufundland untergebracht. Erst am Sonntag wird Roth zurück in Frankfurt sein, erschöpft und dankbar für die Hilfe in der fernen Kleinstadt.Bei der Deutschen Bank ist man in größter Sorge um die eigenen Mitarbeiter. Die Großbank hat in New York Büros mit 5000 Mitarbeitern in unmittelbarer Nähe der beiden Türme. Doch alle Räume können evakuiert werden. Am Samstag wird das Kreditinstitut mitteilen, es spende vier Millionen Dollar für die Opfer der Anschläge. Unter den elf Deutschen, die in den Türmen des World Trade Centers sterben, ist der Deutsche-Bank-Mitarbeiter Sebastian Gorki. Ihm wurde zum Verhängnis, dass er an diesem Morgen einen Termin im 94. Stockwerk des Südturms hatte.Auf dem Börsenparkett reagieren manche aufgebracht auf die Entscheidung des Managements, den Handel mit amerikanischen Werten am späten Nachmittag wieder aufzunehmen. „Wenn da drüben Menschen sterben, ist es ein Wahn, dass wir hier stehen und an Profit denken“, ruft eine Kursmaklerin. Ein Händler will gar keinen Kommentar abgeben. „Ich kenne zu viele in New York“, sagt er wie mit eingeschnürtem Hals. Am Abend eine Bombendrohung, das Gebäude wird geräumt. Die Polizei findet jedoch nichts. Der Frankfurter Feuerwehrchef gibt unumwunden zu, auf ein Szenario wie in New York sei man nicht vorbereitet. „Solche Dimensionen haben wir nicht einmal in unseren Planspielen erreicht“, sagt Reinhard Ries.Jeder, der diesen Tag erlebt hat, wird sein Leben lang davon berichten können, wie er von der Nachricht erfahren, was er anschließend gemacht hat. Die Menschen schauen fern, reden, suchen Gemeinschaft. Die Alte Nikolaikirche am Römerberg ist die ganze Nacht über geöffnet. Auf der Einladung findet sich der Psalm 130, Vers 1: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir.“ Die „Bild“-Zeitung wird tags darauf mit der Zeile „Großer Gott, steh uns bei!“ aufmachen.„Angriff auf Amerika“ heißt die Schlagzeile der F.A.Z. am 12. September, mit zwei Fotos auf der Titelseite, völlig unüblich. „Entsetzen, Trauer und Furcht vor Anschlägen in der Region“, so fasst die Rhein-Main-Redaktion die Lage in Frankfurt und Umgebung zusammen. Kollege Michael Hierholzer schreibt einen Kommentar. New York, die seelenverwandte Weltstadt. Die Katastrophe treffe alle. „Gerade auch Frankfurt, das sich all dem verpflichtet weiß, wofür die stolzen Hochhaustürme des World Trade Centers standen.“ Keine Miniglosse an diesem Tag unten auf der ersten Seite der Rhein-Main-Zeitung. Zum einzigen Mal.Alle Glocken läuten8000 Menschen nehmen am Mittwoch an einem Schweigemarsch durch die Innenstadt teil. Alle, die Rang und Namen haben in der Stadt, sind dabei. Bürgermeister Joachim Vandreike (SPD) sagt, die Anschläge hätten nicht allein Amerika gegolten, sondern der freiheitlichen Grundordnung. „Allein schon deshalb ist es unsere Pflicht, jetzt fest an der Seite unserer amerikanischen Freunde zu stehen.“ Die Stadtverordneten kommen zu einer Sondersitzung zusammen. Im Dom findet ein Gedenkgottesdienst statt. Die Glocken aller Innenstadtkirchen läuten. Immer wieder gibt es in diesen Tagen Bombendrohungen von Trittbrettfahrern, einmal wird der Messeturm geräumt.Am Donnerstag steht um 10 Uhr das Leben still. Fünf Schweigeminuten zum Gedenken an die Opfer des Terrors. Im Kaufhof an der Hauptwache ein surreales Bild: Nach einer Durchsage suchen die einen weiter am Angebotstisch für Socken herum. Die meisten aber stehen mit gesenktem Blick da und schweigen. Eine Kundin läuft zunächst zielstrebig an drei, vier ruhig dastehenden Leuten vorbei. Dann besinnt sie sich und hält inne.An diesem Tag, zwei Tage nach den Anschlägen, soll die Internationale Automobil-Ausstellung beginnen. Niemandem ist wohl dabei. Der hessische Innenminister Volker Bouffier (CDU) hatte zunächst eine Absage erwogen. Schließlich beginnt die Messe wie geplant, aber ohne die Eröffnungsfeier mit dem Bundeskanzler. Als am Mittwoch, die Schau ist noch im Aufbau, aus der neuen Halle 3 Rauch aufsteigt, liegen die Nerven blank. Es ist aber nur eine Klimaanlage defekt.Mehrere SchweigemärscheAm Freitag ziehen 4000 Schüler durch die Innenstadt. Zum Generalkonsulat kommt man inzwischen nicht mehr, die Straße ist gesperrt. So verharren die Schüler zu drei Minuten des Gedenkens an der Ecke zur Siesmayerstraße. „Wir als Jugendliche dulden diesen Terror nicht“ steht auf einem Plakat.Mit den Tagen verlagert sich die Diskussion. Wie sicher sind die Frankfurter Hochhäuser? Wie lässt sich die Sicherheit im Luftverkehr steigern? Welche Folgen wird der 11. September für die Wirtschaft haben? Grenzen werden sichtbar. Nein, Frankfurt will nicht auf seine Bewerbung für die Olympischen Spiele 2012 zugunsten New Yorks verzichten. Am Dienstag kommt doch noch der Bundeskanzler zur IAA. „Es gibt keinen Grund für Kaufzurückhaltung“, sagt Gerhard Schröder (SPD) beschwörend. „Wir lassen uns nicht unterkriegen.“Der Herbst verläuft unerfreulich. Am Jahresende steht der Dax ein Fünftel tiefer als im Januar. Die Wirtschaft schwächelt. Drei von zehn Unternehmen der Region wollen Stellen abbauen, wie eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer Frankfurt im Oktober ergibt. Doch zugleich schieben sich andere Themen in den Vordergrund. Am 1. Januar 2002 löst der Euro die Deutsche Mark als Bargeld ab, das wird in der Stadt groß gefeiert. In ihrem Grußwort zum neuen Jahr schreiben die Oberbürgermeisterin und Stadtverordnetenvorsteher Karlheinz Bührmann (CDU) von der Vorfreude auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und der Hoffnung, Frankfurt könne 2012 die Olympischen Spiele ausrichten. Von Zuversicht und Neugier ist die Rede.Doch der 11. September bleibt in den Köpfen. Als fast eineinhalb Jahre später, am 5. Januar 2003, ein Sportflugzeug zwei Stunden über der Frankfurter Skyline kreist, sind die Bilder sofort da. Hochhäuser, soweit sie an diesem Sonntag überhaupt belebt sind, werden geräumt. Der Betrieb des Flughafens wird eingestellt. Straßen werden gesperrt, auch der Hauptbahnhof. Es stellt sich heraus, dass es sich um einen geistig verwirrten Mann handelt, der in Babenhausen gestartet ist und über Funk wilde Drohungen ausstößt, bevor er auf dem Frankfurter Flughafen landet und festgenommen wird. Es ist nichts passiert. Aber da ist er wieder, der Satz: Amerika, New York ist nahe. Menschen, Städte, urbane Kulturen sind nicht unverletzlich. Lange noch hallt das nach.
Was am Tag der Anschläge vom 11. September 2001 in Frankfurt geschah
Henry Kissinger bricht seine Rede ab, die Banken holen ihre Mitarbeiter aus den Hochhäusern. Auch in Frankfurt wurde der 11. September 2001 zu einem Tag, den niemand jemals vergessen sollte.












