PfadnavigationHomeWissenschaft„Blitzlichterinnerungen“Wo waren Sie am 11. September 2001?Stand: 10:09 UhrLesedauer: 3 MinutenDie brennenden „Twin Towers“ am 11. September 2001 in New YorkQuelle: Spencer Platt/Getty ImagesEs gibt Momente, die kollektiv im Gedächtnis bleiben: Die Terroranschläge vom 11. September gehören zu den sogenannten „Flashbulb-Memories“. Was unser Gehirn erinnert – und wo es sich trotzdem täuschen kann.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenEs gibt Tage, an denen die Welt sich teilt: in ein Davor und ein Danach. Der 11. September 2001 ist einer dieser Tage. Fast 25 Jahre später wissen viele Menschen noch genau, wo sie waren, was sie taten und wer ihnen die Nachricht überbrachte, als die ersten Bilder der brennenden Türme des World Trade Centers um die Welt gingen. Der Psychologe Ulric Neisser beschreibt sie als Momente, in denen sich die Geschichte des eigenen Lebens mit der großen Weltgeschichte überschneidet. In der Psychologie gibt es für solche Erinnerungen einen Namen: Flashbulb-Memories, auf Deutsch „Blitzlichterinnerungen“. Sie sind selten, aber wenn sie passieren, dann prägen sie die gemeinsame Erinnerung für lange Zeit. In den Gegenden, die von der Flutkatastrophe im Juli 2021 betroffen waren, wird noch jeder genau wissen, was er oder sie getan hat. Lesen Sie auchDer erste Corona-Lockdown im März 2020 oder der Fall der Mauer am 9. November 1989 waren ebenfalls solche „Wo-warst-du?“-Momente. Auch positive Ereignisse können sich auf diese Weise einprägen, etwa der deutsche Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 2014.Der Begriff „Blitzlichterinnerung“ geht auf die US-Psychologen Roger Brown und James Kulik zurück. Sie prägten ihn 1977 in einer Studie über die Erinnerung an besonders überraschende und folgenreiche Ereignisse. Als klassisches Beispiel nannten sie die Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy am 22. November 1963.Die Terroranschläge vom 11. September 2001 erfüllen alle Kriterien, die Psychologen für die Entstehung von Blitzlichterinnerungen nennen. Da ist zum einen die große Überraschung: Die Angriffe kamen völlig unerwartet. Dann die emotionale Intensität: Weltweit fühlten die Menschen Angst, Fassungslosigkeit und Trauer.Lesen Sie auchDer letzte Punkt ist die persönliche oder kollektive Bedeutsamkeit. Für viele Menschen stellte der 11. September einen Wendepunkt dar, der Politik, Sicherheitsdenken und den Alltag nachhaltig veränderte. In der Gedächtnisforschung ist der 11. September eines der am intensivsten untersuchten Beispiele.Erinnerung fühlt sich anders anDie Psychologinnen Ciara Greene und Gillian Murphy erklären, dass sich Blitzlichterinnerungen oft anders anfühlen als gewöhnliche Erinnerungen. „Sie scheinen klarer, heller und lebendiger, und wir sind uns häufig sicherer, dass sie akkurat sind.“Lesen Sie auchDoch das stimmt nicht immer, erklären die Psychologinnen, und beziehen sich dabei auf Ergebnisse von Studien, für die über Jahre hinweg Teilnehmer immer wieder zu ihren Erinnerungen an den 11. September befragt wurden. „Auch wenn sich Blitzlichterinnerungen besonders anfühlen, sind sie nicht weniger anfällig für Verfall und Verfälschung als andere Erinnerungen“, fassen Greene und Murphy die Forschungen zusammen. Denn nach Erkenntnissen der beiden Psychologinnen funktioniert das Gedächtnis eben nicht wie eine Videokamera oder Festplatte. Erinnerungen werden nicht einfach gespeichert und später unverändert abgerufen – sie werden jedes Mal neu zusammengesetzt und dabei verändert. Bei historischen Ereignissen kommt dazu, dass die Medien zu Jahrestagen wiederum Bilder und Filme zeigen. Auch sie beeinflussen die persönliche Erinnerung nachhaltig.Der damalige US-Präsident George W. Bush ist eines der prominentesten Beispiele dafür, wie Blitzlichterinnerungen variieren können. Bush befand sich am Morgen des 11. September 2001 in der Booker Elementary School in Sarasota, Florida, als ihm Stabschef Andrew Card ins Ohr flüsterte: „Ein zweites Flugzeug hat den Turm getroffen. Amerika wird angegriffen.“ Das Foto zeigt Bush mit erstarrtem Gesicht, während er weiter neben den vorlesenden Kindern sitzt.Im Laufe der Jahre gab der frühere US-Präsident in Interviews oder in seinen Memoiren unterschiedliche Erinnerungen an diesen Tag wieder. Das gab Anlass zu Verschwörungstheorien, die sich reichlich um die Terroranschläge vom 11. September ranken. Für die Gedächtnisforschung ist der Fall dagegen vor allem ein Beispiel dafür, wie trügerisch die eigene Gewissheit sein kann: Selbst Erinnerungen an einen historischen Moment, den man meint, nie zu vergessen, können sich ändern.KNA/lkl