Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt ist für die CDU niederschmetternd. Nicht sie hat die Zustimmung für die in Teilen rechtsextreme AfD halbiert, sondern die AfD hat der CDU Wähler abgejagt und schrammte nur knapp an der absoluten Mehrheit vorbei. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) spricht von der schwersten Wahlniederlage seiner Partei seit Jahrzehnten. Immer grundsätzlicher stellt sich die Frage nach den mittelfristigen machtpolitischen Perspektiven für die Christdemokraten.Kann die Partei, deren wirtschaftspolitischer Markenkern das Bekenntnis zu Sozialer Marktwirtschaft, freien Märkten und engen Handelsbeziehungen vor allem mit den Vereinigten Staaten sind, mit diesen Positionen weiter die dominierende politische Kraft der Bundespolitik sein? Oder ergeht es ihr wie verwandten Parteien im Ausland? Diese schrumpften, wurden zu Juniorpartnern rechtspopulistischer Parteien oder wechselten – wie in den Vereinigten Staaten – selbst das Lager und verabschiedeten sich von marktwirtschaftlichen Überzeugungen. Ein Überblick zeigt, welche Szenarien der CDU drohen.Britische Konservative rücken nach rechtsIn Großbritannien braucht die Konservative Partei starke Nerven, um den Aufstieg der rechtspopulistischen Konkurrenz Reform UK zu stoppen. Parteichefin Kemi Badenoch will ihre Partei als die fiskalisch vernünftigere und verantwortungsbewusste Alternative präsentieren. Nur die Konservativen stünden für eine solide Haushaltspolitik, betont sie. Reform UK, die noch junge Partei von Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage, die in den vergangenen zwei Jahren spektakuläre Wahlerfolge erzielte, fuhr fiskal- und wirtschaftspolitisch einen Schlingerkurs: Anfangs machte sie gigantische, unbezahlbare Steuersenkungsversprechen. Zwischendurch war Farage auch für mehr Kindergeld. Inzwischen hat die Partei ihre Linie revidiert.Der finanzpolitische Sprecher Robert Jenrick, ein ehemaliger Tory-Minister, zieht haushaltspolitisch die Zügel an: Auf dem Parteitag in der vergangenen Woche in Birmingham versprach die Partei staatliche Ausgabenkürzungen um bis zu 100 Milliarden Pfund, darunter Einschnitte im Sozialstaatsbudget, um die Verschuldung zu senken. Durch den Zustrom ehemaliger Tory-Politiker, von denen viele Margaret Thatcher als Idol ansehen, ist die Partei marktwirtschaftlicher und fiskalisch konservativer geworden.Die Tories und Reform liegen damit in vielen Fragen auf einer Linie. Unter dem Druck von Reform ist die Tory-Partei, die 2024 eine heftige Wahlniederlage erlitten hatte, in einigen innen-, migrations- und energiepolitischen Fragen weiter nach rechts gerückt. So ließen die Tories das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 fallen. Farages Partei punktete bis vor Kurzem vor allem mit Forderungen nach einer radikalen Bremsung der Einwanderung, massenhafter Rückführung von illegalen Einwanderern und einer harten Hand gegen Kriminelle. In diesen Fragen haben die Tories sich einigen Reformpositionen angenähert. Jetzt kämpft Farages Partei mit mehreren Spendenskandalen; in einigen Umfragen ist sie daher hinter Labour auf den zweiten Platz zurückgefallen. Selbst die Konservativen schöpfen wieder Hoffnung.Niederlande: Mehrheit für Mitte-rechts, Beteiligung von LinksIn den Niederlanden ist die Lage komplex, weil nicht nur das konservative Lager insgesamt, sondern inzwischen auch Rechtsaußen zersplittert ist. Am rechten Rand dominiert die 2006 gegründete PVV von Geert Wilders, die sozioökonomisch marktliberal begann, aber mehr und mehr sozial(demokratisch)e Positionen annahm: zum Beispiel in der Renten- und Gesundheitspolitik. In der rechten Mitte ist als führende Kraft seit 2010 der Christdemokratische Aufruf (CDA) von der rechtsliberalen VVD verdrängt worden, die längste Zeit unter Mark Rutte. Der tief gestürzte CDA hat sich in der jüngsten Wahl 2025 etwas erholt, ist aber auch jetzt in der Zweiten Kammer mit 18 von 150 Sitzen nur fünftstärkste Kraft. Er steht im Kern für unternehmensfreundliche Positionen und Haushaltsdisziplin. Die einst feste Verankerung bei Landwirten ist verloren; eine frühere CDA-Politikerin hat eine Bauernpartei ins Leben gerufen.Auffällig ist, wie stark das Thema Existenzsicherheit in den Vordergrund gerückt ist, gespeist durch steigende Lebenshaltungskosten und die Sorge um die Kaufkraft der Bürger. Das gilt für das gesamte bürgerliche Spektrum. Auch in der kurzlebigen Rechtskoalition 2024/25 war es – neben Einwanderung – ein zentrales Thema. Dieser Koalition gehörte die PVV an, die mehr als ein Jahrzehnt zuvor schon einmal ein christdemokratisch-liberales Minderheitskabinett geduldet hatte. Was die VVD angeht, fiel der ansonsten ausnehmend wirtschaftsfreundliche Rutte dadurch auf, dass er vor Jahren die Nöte der arbeitenden Mittelschicht aufgriff und Großkonzerne zu höheren Lohnsteigerungen ermahnte.Die heutige Koalition besteht aus VVD, CDA und der linksliberalen D66, die 2025 die meisten Stimmen bekam. Dieses Minderheitskabinett ist momentan dabei, einen Haushalt zu zimmern. Nachdem sie sich in besonders zähen Verhandlungen intern auf einen Entwurf geeinigt hat, steht sie jetzt im Kern vor der Frage, wo sie sich Unterstützung in der Opposition holt: rechts oder links. Das Minderheitskabinett ist eine indirekte Folge des Rechtspopulismus und des zersplitterten bürgerlichen Lagers. Obwohl die Bürger mit deutlicher Mehrheit konservativ-liberal gewählt haben, bekommen sie eine Regierung mit linker Beteiligung.Was von der alten Republikanischen Partei übrig istDas nahezu unverwüstliche Zweiparteiensystem der USA führt dazu, dass politischer Unmut sich nicht in der Zersplitterung der Parteienlandschaft Bahn bricht, sondern in der halbwegs friedlichen Übernahme einer Partei. Hatte es in der ersten Trump-Regierung noch die Vorstellung gegeben, dass die alte Country-Club-Partei aus fiskalkonservativen Freihändlern überleben könnte, ist diese Illusion unter Trump II verflogen. Die Republikaner sind zu einer politischen Gruppierung geworden, die Trumps Wünsche absegnet. Der zentrale Grund ist, dass Trumps Botschaften in der republikanischen Kernwählerschaft verfingen.Die Schließung von Fabriken in klassischen Industrieregionen und die wachsende Importkonkurrenz durch China, das sich um Wettbewerbsregeln nicht scherte, entwurzelten Arbeitnehmer und ließen Regionen veröden. Mit Covid wuchs die Sensibilität dafür, dass man bei lebenswichtigen Produkten nicht zu abhängig von asiatischen Liefermonopolen sein sollte. Kein anderer Politiker verstand es so wie Trump, die Nöte der Leute aufzugreifen und sich zunutze zu machen.Der Immobilienunternehmer stellt die Vereinigten Staaten als ein Land dar, dessen Großzügigkeit vom Rest der Welt hemmungslos ausgenutzt wird. Unterschiede zwischen Freunden und Feinden macht Trump dabei nicht. In der Opferrhetorik finden sich viele Leute wieder, die sich beunruhigenden Veränderungen der Wirtschaftswelt ausgesetzt sehen. Fiskalkonservatismus, der früher zumindest die Rhetorik der Partei bestimmte, ist nur noch in Spurenelementen erkennbar. Steuersenkungsversprechen sind der verbliebene Kern der Partei, die es nicht mehr schafft, sich Ausgabensteigerungen entgegenzustellen. Schulden und Defizite sind unter Trump so hoch, wie sie außerhalb von Kriegs- und Krisenzeiten fast nie waren. Die Vorstellung von einem Staat, der sich aus der Wirtschaft heraushält, ist von Trump über Bord geworfen worden. Seit Anfang 2025 hat die Regierung sich an mehr als 30 Unternehmen beteiligt, von US Steel über Intel bis North American Blue Energy Partners, der in Venezuela aktiven Ölgesellschaft.Die politisch fruchtbaren Bestrebungen, die Einwanderung zu begrenzen und Einwanderer zu deportieren, entsprechen ebenfalls nicht mehr republikanischen Vorstellungen, wie sie etwa Ronald Reagan vertreten hatte. Während illegale Einwanderung immer ein Stein des Anstoßes war, wurden legale Einwanderer oft als Hoffnungsträger eines dynamischen Amerikas gefeiert. Das gilt nicht mehr so unter Trump, der mit allen Mitteln versucht, die Einwanderung zu begrenzen. Eine Ausnahme bildet die „Gold Card“, die Einzelpersonen eine Million Dollar kostet und ein Aufenthaltsrecht garantiert. Eine „Platinum Card“ für fünf Millionen Dollar ist angekündigt.Italien: Ein Ex-General macht rechts der Meloni-Koalition DruckDer stärkste populistische Druck kommt in Italien seit geraumer Zeit von dem früheren General Roberto Vannacci. Mit einer neuen Partei rechts der Regierung findet er Zustimmung. Das ist ein Problem für die Dreierkoalition von Giorgia Meloni, aber vor allem für die beiden Juniorpartner: in erster Linie für die Lega von Matteo Salvini, dem Rechtsaußenausleger der Koalition, aber auch für die moderate ehemalige Berlusconi-Partei Forza Italia, die in den Umfragen zuletzt nur noch auf rund sieben Prozent kam.Forza Italia, der offizielle CDU-Partner in Italien, ist seit Oktober 2022 Teil der Regierungskoalition. Dort dominiert bis heute Melonis Partei Fratelli d’Italia. Wenn Forza Italia unter ihrem Parteivorsitzenden, dem Außenminister und erfahrenen Europapolitiker Antonio Tajani, punkten kann, dann ist es auf genau seinen Kompetenzgebieten.Seine Partei gilt unter den großen politischen Gruppierungen Italiens zudem als die liberal-konservative Kraft mit einem wirtschaftsliberalen Kern, wobei Forza Italia sich aus Gründen der Wählerklientel immer mal wieder für staatliche Ausgaben und nationalen oder europäischen Konkurrenzschutz, etwa gegen China, starkmacht. Mit Salvinis populistischer Lega, die nicht selten staatliche Interventionen fordert, liegt sie regelmäßig über Kreuz, etwa wenn die Lega eine Bankensteuer fordert (was einmal von Meloni erhört wurde), oder wenn die Betreiber von Strandbädern vor Wettbewerb geschützt werden sollen (wo sich trotz EU-Drucks bis heute wenig bewegt).Insgesamt ist vom Einfluss von Forza Italia in der Wirtschaftspolitik wenig zu spüren. Beim Thema Bürokratieabbau oder bei Privatisierungen kam man kaum voran. Die erfolgten Steuersenkungen für niedrige Einkommen und die Ablehnung eines staatlichen Mindestlohnes waren auch Inhalte von Melonis Partei. Die Kontrolle der staatlichen Ausgaben, die zum Rückgang der Neuverschuldung führte, ist zudem einem Lega-Mann zu verdanken: Finanzminister Giancarlo Giorgetti. Politisch war der Eintritt von Forza Italia in die Regierungskoalition dennoch ein geschickter Zug: Ihr Überleben in der Opposition wäre mehr als fraglich gewesen.Frankreich: Rechtsschwenk und Schnittmengen mit Le PenFrankreichs rechtsbürgerliche Republikaner sind so wie die Sozialisten nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Schwesterpartei von CDU/CSU, die unter Nicolas Sarkozy noch den Präsidenten gestellt hatte, schaffte es in den vergangenen beiden Präsidentschaftswahlen mit ihren Kandidaten nicht mehr in die Stichwahl. Führende Köpfe der Republikaner haben sich der Bewegung von Emmanuel Macron angeschlossen, der mit dem Slogan „Weder rechts noch links“ die Überwindung der alten ideologischen Gräben versprach. In der Nationalversammlung verfügt die Fraktion der Republikaner heute über weniger als zehn Prozent der Sitze.Mit Bruno Retailleau steht inzwischen ein konservativer Hardliner an der Parteispitze. Er war maßgeblich beteiligt am jüngsten Rechtsruck der Republikaner. Vor allem in der Migrationspolitik haben sie ihre Rhetorik verschärft und sich damit den Rechtspopulisten um Marine Le Pen angenähert, die sich wiederum gemäßigt haben. Retailleau will in Einwanderungsfragen das nationale Recht über das europäische stellen, Volksentscheide über Einwanderungsfragen abhalten und Leistungen für Ausländer stark einschränken.Klassisch wirtschaftsliberale Positionen wie ein späterer Renteneintritt unterscheiden die Republikaner weiterhin von Le Pen, die trotz Versprechen wie niedrigeren Steuern und weniger Bürokratie interventionistisch-sozialpopulistisch bleibt. In der Energiepolitik sind die Schnittmengen groß. „Die Unbeständigkeit der erneuerbaren Energien birgt die Gefahr von Stromausfällen“, schrieb Retailleau mit zwei Parteifreunden in einem viel beachteten Beitrag für die Zeitung „Le Figaro“. Priorität müsse es sein, die Kernkraft zu stärken.Retailleau kandidiert für die Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr, steht in Umfragen aber deutlich hinter Le Pen, dem Mitte-rechts-Kandidaten Édouard Philippe und dem Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon. Allzu großen Erfolg hatte der Rechtsschwenk bislang nicht. Erschwerend hinzu kommen innerparteiliche Streitigkeiten: Eine Gruppierung um den früheren Parteichef Éric Ciotti spaltete sich vor zwei Jahren ab und paktiert seither mit Le Pen.