Die Nachbarin von links hält uns zunächst für Handwerker. Dann: „Ich habe Sie ja gar nicht erkannt. Aber starkes Auto!“ Die von gegenüber stößt ins gleiche Horn. „Tolles Teil, das will ich haben.“ Wir zählen schnell die Nachteile für den Alltagsgebrauch auf. Mit 5,16 Meter Länge viel zu groß für hiesige Gefilde, eine Ladefläche ist generell unpraktisch, Gepäck liegt dort ungeschützt vor Regen und Langfingern, ein Deckel kostet rund 2000 Euro Aufpreis und nimmt den Vorteil, wirklich Sperriges, das höher als 50 Zentimeter ist, draufzupacken. Und sie ist arg kurz. 1,35 Meter Länge sind nicht viel.Allerdings hat die Doppelkabine tatsächlich gut Platz für vier bis fünf Personen. Die Beinfreiheit auf der in der Neigung verstellbaren Rückbank ist gut, die Kopffreiheit passt. Und für ein Nutzfahrzeug fährt der KGM Musso EV wirklich anständig. Kein Wunder, der elektrische Musso steht auf einer selbsttragenden Karosserie, im Gegensatz zum Pendant mit Dieselantrieb, das ganz klassisch auf einem Leiterrahmen ruht. Hier ist auch eine Version mit einer um 31 Zentimeter verlängerten Ladefläche im Angebot. Im Prinzip sind beide Musso somit technisch verschiedene Autos, nicht nur wegen der Motorenkonzepte. Zudem gibt es leichte Unterschiede im Design.Aus dem SUV von damals ist ein Pick-up gewordenWem der Name KGM nichts sagt: Bis 2023 hießen die Fahrzeuge Ssangyong, die Marke kommt aus Südkorea, sie ist seit 1993 auf dem deutschen Markt. Damals war sogar noch Mercedes-Benz beteiligt. Der Musso, auf Südkoreanisch heißt das Nashorn, war von Anfang an dabei. Seit Kurzem geht die dritte Generation an den Start, aus dem SUV ist ein Pick-up geworden. Außerdem bietet KGM die Modelle Tivoli, Korando, Torres, Actyon und Rexton an. Alle sind SUV. Die technische Basis teilt sich der Musso EV mit dem Torres EV. Als elektrischer Pick-up ist er ein wahrer Exot auf dem Markt, aber warum eigentlich nicht? Elektroantrieb wird augenscheinlich immer beliebter. Das Drehmoment, also die Kraft, liegt bekanntlich bei Elektromotoren sofort an und muss nicht wie bei Verbrennermaschinen aufgebaut werden. Talent zum Schleppen von Lasten hat der Musso EV also gewiss.Für Haus und Hof und Heu: KGM Musso, die seltene Spezies der elektrischen Pick-upsHerstellerMit einem maximalen Drehmoment von 339 Newtonmetern ist der Elektriker zunächst dem Diesel (441 Nm) unterlegen, solange man sich für die frontgetriebene Variante wie im Testwagen entscheidet. Allradantrieb kostet 4000 Euro Aufpreis, er wird durch einen zweiten Motor an der Hinterachse realisiert. Fortan stehen 678 Nm und 414 PS auf dem Datenblatt. Die mögliche Anhängelast steigt von 1,8 auf 2,5 Tonnen. 4×4 ist eine Überlegung wert, jedoch steigt der Verbrauch und die Reichweite fällt, wenn auch moderat.Reichweite und Ladegeschwindigkeit lassen zu wünschen übrigDiese und die Ladegeschwindigkeit sind und bleiben wichtige Eckpunkte in der Entscheidung für ein Akku-Auto, in diesen Disziplinen bekleckert sich der Musso nicht mit Ruhm. 120 kW ist die offizielle Angabe für das maximale Ladetempo an der Gleichstromsäule, das können andere viel besser. Zwar fließen in der Praxis tatsächlich sogar kurzfristig bis zu 140 kW über den Ladeanschluss vorn links am Kotflügel, aber die Ladekurve flacht schnell ab. Um von zehn auf 80 Prozent Ladestand zu kommen, braucht es lange 45 Minuten. Für 20 bis 80 Prozent gibt KGM 36 Minuten an. Beim heimischen Wallbox-Laden fällt auf, dass auch hier die möglichen elf kW relativ früh zurückgenommen werden. So ist die 80-kWh-Batterie von (fast) leer auf voll nicht in rund acht, sondern in rund zehn Stunden bei 100 Prozent. Weil es keinen Frunk gibt, hat das Ladekabel für Wechselstrom seinen Platz hinter der nach vorn umklappbaren Rückbanklehne. Da passt es gerade so hin zwischen Bank und Rückwand.Geradezu klassischer InneraumHerstellerAls Reichweite gibt KGM 420 Kilometer an, in der Praxis kamen wir auf gut 300, bei einem Durchschnittsverbrauch von 24,5 kWh auf 100 Kilometer. Für ein so großes Autos ist Letzteres kein so schlechter Wert und relativ nah dran an der Werksangabe, die bei 23,0 liegt. Für den 4×4 werden 26,0 genannt. Gefahren sind wir fast immer im Programm „Eco“ und auf langen Strecken in der Regel nicht schneller als 130 km/h. Möglich sind 162 km/h. Mit zwei angetriebenen Achsen schafft der Musso EV 178 km/h, „Winter“ ist dann ein drittes Fahrprogramm.Die Bremsen werden mit dem Gewicht gut fertigBäume reißt der schwächere Musso EV nicht aus, aber in immerhin 8,8 Sekunden kann im Programm „Sport“ von 0 auf 100 km/h beschleunigt werden. Auf nassem oder losem Untergrund drehen die angetriebenen Vorderräder schon mal durch, die Antriebseinflüsse in der Lenkung halten sich jedoch in Grenzen. Die Bremsen werden mit dem hohen Gewicht gut fertig. Er fährt sich wie ein großes SUV, nicht wie ein Nutztier.Voller Mut voraus: Goldgelb wäre auch im Angebot.HerstellerFahrer und Beifahrer sitzen bequem, getrennt durch eine große Mittelkonsole mit zahlreichen Ablagen. Die digitale, flache und leicht dem Fahrer zugewandte Instrumententafel (15 cm hoch, 70 breit) erstreckt sich etwas über die Mitte des Armaturenbretts hinaus, sie ist in zwei getrennte Bereiche unterteilt: Fahrzeuginformationen direkt vor dem Fahrer und rechts das Infotainment samt Navigation. Zum Teil muss hier bedient werden, Sitzheizung und Klimaanlage zum Beispiel. Die Lenkradheizung hat einen eigenen Knopf am selbigen. Hier sind auch die Bedienfelder für den adaptiven Tempomaten, zudem gibt es Paddel fürs Verstellen der Rekuperation. Was es nicht gibt, ist ein Head-up-Display.Die Rückfahrkamera zeigt ein gutes BildDie nervigen Warner (Tempo, Aufmerksamkeit) lassen sich nach einem Wisch einzeln abstellen. Ein gutes Bild zeigt die Rückfahrkamera mit exakten Hilfslinien fürs Rangieren. Mit der Qualität der verwandten Materialien im Innenraum kann man zufrieden sein. Da erinnert nichts an einen einfachen Pick-up, der nur zum Arbeiten herhalten muss. Alle gängigen elektrischen Helfer sind an Bord, der Fahrzeugschlüssel kann in der Tasche bleiben, nach dem Reinsetzen muss aber ein Startknopf gedrückt werden. Für die Fahrtrichtung ist eine Schaltwippe in der Mittelkonsole zuständig. Um in R oder D zu kommen, muss immer zweimal gedrückt werden.Preislich ist der Musso EV mit rund 50.000 Euro kein Sonderangebot, jedoch viel günstiger als andere E-Pick-ups (siehe Daten). Übrigens ist der Diesel in der Lux-Ausstattung fast gleich teuer, hat jedoch Allradantrieb. In der Grundausstattung Core kosten beide um die 42.000 Euro, etliche Nettigkeiten wie das Schiebedach oder die Wärmepumpe, wichtig für Elektrofahrzeuge, fehlen dann aber. Wer Lux wählt, muss sich nur noch für die Farbe oder 4×4 entscheiden, sechs Lacke sind im Angebot, nur „Grand White“ kostet keinen Aufpreis. Unser Testwagenblau „Ultra Marine“ sieht echt schick aus.Für Menschen, die ein individuelles Auto suchen, mögen Pick-ups erste Wahl sein, die Nachteile, die man sich einkauft, hatten wir schon erwähnt. Wer den großen Auftritt sucht, ist mit einem KGM Musso EV nicht schlecht bedient. Unsere Nachbarin von gegenüber denkt weiterhin darüber nach.Unser FazitSTARK: Der individuelle Auftritt. Gutes Platzangebot. Fast komplette Ausstattung. Füreinen Pick-up feines Fahrverhalten.SCHWACH: Ladeleistungmit 120 kW zu gering, daher längere Ladezeiten,kein Head-up-Display, Fahrleistungen könnten besser sein. Aufpreis für4×4.RAHMENPROGRAMM: Es gibt den Musso auchals Diesel und dortmit längerer Ladefläche. Dann aber auf einem Leiterrahmen.Die DatenKGM Musso EV LuxEmpfohlener Preis 48.990 EuroPreis des Testwagens 49.690 EuroSynchron-ElektromotorLithium-Eisenphosphat-Batterie mit 80,6 kWh bruttoLeistung 207 PS (152 kW), maximales Drehmoment 339 NmEingang-AutomatikFrontantriebLänge/Breite/Höhe 5,16/1,92/1,75 Meter Radstand 3,15, Wendekreis 12,38 MeterLeergewicht 2240, zulässiges Gesamtgewicht 3070 Kilogramm, Anhängelast 1800 Kilogramm, Ladepritsche 1,35 x 1,52 x 0,51 Meter, circa 1000 Liter LadevolumenReifengröße 245/60 R17 108H XLHöchstgeschwindigkeit 162 km/hVon 0 auf 100 km/h in 8,8 sVerbrauch Nach Norm 23,0 kWh Strom auf 100 Kilometer. 0g/km CO2 , im Test 24,0 bis 26,1 kWh Strom auf 100 Kilometer, im Durchschnitt 24,5 kWh, jeweils mit Ladeverlusten, Reichweite nach der Norm 420 Kilometer, im Test gut 300, Ladeleistung mit Gleichstrom bis 140 kW, an der Wallbox 11 kW, Ladezeit von zehn bis 80 Prozent im Test 45 Minuten, an der Wallbox 10 StundenKomfort & Sicherheit Apple Car Play und Android Auto mit Kabel, Rückfahrkamera, adaptiver Tempomat, acht Airbags, Glasschiebedach, digitale Instrumente, beleuchtete Ladefläche, Wärmepumpe, NiveauregulierungDie AnderenFord Ranger PHEVTeilzeitstrom, 281 PS, ab 46.950 EuroMaxuse Terron 9Noch größer, 442 PS, ab 74.958 EuroToyota Hilux BEV DutyBrandneu, 195 PS, ab 70.210 Euro
KGM Musso EV: Wie gut ist der elektrische Pick-up?
Pick-ups sieht man immer öfter im Straßenbild. Elektrischer Antrieb ist noch selten. Der KGM Musso EV setzt auf einen solchen. Taugt das arg eigene Fahrzeugkonzept auch für den Alltag jenseits der Baustelle?







