Von ihrer ersten Kreuzfahrt kamen Jan Demczur, seine Frau und die beiden Kinder am 8. September frühmorgens zurück. Eine Woche waren sie auf See gewesen, bis hinauf nach Kanada. Um halb sieben lief das Schiff in den Hafen von New York ein, und weil die Silhouette in der Morgendämmerung schimmerte, schoss Nadia Demczur ein Bild von der Skyline. „Das brauchst du nun wirklich nicht“, sagte Jan Demczur. Warum sollte man etwas aufnehmen, das man jeden Tag sieht? Vielleicht lag aber auch Stolz in seinem Vorwurf, wer weiß, denn seine Frau fotografierte gerade seinen Arbeitsplatz. Es ist das letzte Foto, das sie vom World Trade Center besitzen. Nadia Demczur hat es in ein rotes Album geklebt, darauf eine Schutzfolie.Jan Demczur hat noch viele Bilder aufgehoben, vielleicht zu viele. Alle sind sie in seinem Kopf. Wenn jemand fragt, wenn er sich mit dem Psychologen unterhält, sieht er die Bilder durch, versucht sie zu ordnen, fängt ganz von vorne an. So wie er an jedem seiner vielen Arbeitstage in den Zwillingstürmen immer alles der Reihe nach erledigte.So wie er, leise, sparsam, beharrlich, sein Leben geordnet hat, vor 21 Jahren nach New York kam, vor 16 Jahren heiratete, die Kinder plante. So wie er sein Haus in Jersey City eingerichtet hat, mit der großen Terrasse hinten und dem sauber eingefassten Beet vorne, dem schönsten in der ganzen Straße, und die ist lang. Er ordnet die Bilder in seinem Kopf, so genau wie er immer schon war. Aber seit dem 11. September geriet ihm manchmal etwas durcheinander. Dann rief seine Frau aus der Küche herüber, ob es nicht doch ein bisschen anders war. Meistens hatte er recht. Nur noch meistens.Manchmal dachte er: „Mein zweites Zuhause“Also der Reihe nach. Am Samstag kamen sie aus dem Urlaub zurück, am Montag begann er wieder mit der Arbeit. Am Dienstag klingelte um halb fünf der Wecker, um zehn nach fünf verließ er das Haus, um zwanzig vor sechs ging der Zug. Eigentlich brauchte er von seinem Haus bis zum Bahnhof keine halbe Stunde: die St. Paul’s Avenue hoch, dann links über die Summit Avenue, nach ein paar Ampeln die Pavonia Avenue nach rechts, und schon ist man am Bahnhof Journal Square; zwölf Minuten.Aber Jan Demczur wollte immer pünktlich sein. Also ging er um zehn nach fünf aus der Haustür, über den diagonal nach rechts durch das Beet gepflasterten Weg auf den Bürgersteig. Beim Überqueren der Straße schaute er sich am Dienstag, dem 11. September, wieder um, blickte nicht über seine rechte Schulter dahin, wo sein Haus liegt, der Vorgarten, die Garage, sondern wie immer über seine linke Schulter dahin, wo hinter dem Hudson, hinter New Jersey zwei hell gesprenkelte Türme in die Nacht ragten. Manchmal, vielleicht an diesem Dienstag, vielleicht aber auch nicht, dachte er: „Mein zweites Zuhause.“Die Freunde waren neidisch auf seine Arbeitsstelle: Jan Demczur arbeitete als Fensterputzer im Nordturm (links) und hatte einen weiten Blick auf New York und New Jersey.APDie Freunde waren neidisch auf seinen Arbeitsplatz. „Andere Menschen kamen von weit her, um dieses Gebäude zu sehen.“ Früher hat er im Südturm gearbeitet, ganz oben, wo andere für die Aussicht bezahlten. „Wenn man hier arbeitet, spart man 14 Dollar“, sagte er zu Kollegen. Er hat oft 14 Dollar gespart. In der Firma, der American Building Maintenance Corp., wollten nur zwei von 15 Fensterputzern mehr als normal arbeiten.Mit dem Kollegen hat er sich abgesprochen. Einer machte den Samstag, einer den Sonntag. Sechs Tage in der Woche Fenster putzen. Meist machte er den Sonntag, denn seine Frau arbeitete oft samstags, Sechs-Tage-Woche, und einer musste sich um die Kinder kümmern, Olesia, 14, und Pavlo, zehn Jahre alt. Am Sonntag nahm er manchmal Frau und Kinder mit hoch. Er putzte die Fenster, die Kinder schauten aus den Fenstern. Nadia Demczur machte Fotos.Der Plan war flexibel, wenn man Zeit sparen konnteVom Bahnhof aus war er am 11. September schnell bei der Arbeit: Journal Square, Grove Street, Exchange Place, World Trade Center. Aussteigen auf Ebene 5, mit der Rolltreppe auf Ebene 4, Sicherheitskontrolle, Fahrstuhl bis zur Ebene B1, erstes Untergeschoss, ins Chefbüro, Stechkarte, immer um sechs Uhr, mal eine Minute später, mal zwei Minuten früher. Auf der B1-Ebene hinüber in den Südturm, hoch in den dritten Stock, Umkleideraum, ein paar Worte mit den Kollegen. Viertel nach sechs.Im Spind der Eimer, der Gummischrubber, der kurze Griff und der lange Stiel für höhere Aufgaben. Aus dem dritten Stock runter auf die Plaza. Bei schönem Wetter, und es war schön, über die Plaza zum Nordturm, die Rolltreppe hinunter, von dort mit dem Aufzug ins 44. Stockwerk, zur Skylobby, Zwischengeschoss, Wechselstation. Aufzug zur 48, denn dort, in einer japanischen Bank, war rund um die Uhr der Mann von der Sicherheit. So früh war das nicht in allen Büros so. Manchmal musste er vor verschlossenen Türen warten oder den Plan ändern. Das kostete Zeit. Nur gut, dass er alle Sicherheitsleute kannte.Im 48. Stock die erste Glaswand. Dann mit dem Sicherheitsmann, der aufschließen musste, in den 49. Stock. Schließlich ohne Sicherheitsmann in den 50. Stock, denn dort war nur im Flur zu tun, und der war frei zugänglich. Das dauerte 40 Minuten. Wieder hinunter in die 44, von dort hoch nach 78, die zweite Skylobby, wieder Aufzug wechseln, hoch in den 93. Stock. Sieben Uhr. Wenn er zum Beispiel einen Sicherheitsmann aus dem 92. Stock im Aufzug getroffen hätte, wäre er vielleicht erst dorthin. Der Plan war nämlich flexibel, wenn man Zeit sparen konnte.„Zwanzig vor neun. Wohin jetzt?“An dem Dienstag traf er niemanden aus 92 im Lift. Also erst die 93, dann die 92. Halb acht. Noch eine Versicherung im 77. Stock. Halb neun. Zeit für die Pause. Mit der Rolltreppe hoch in die Skylobby auf 78, dann mit dem Aufzug runter auf 44. Dort den Eimer neben die Aufzüge. Von 44 auf 43 mit der Rolltreppe, ins Café. Einen Becher entkoffeinierten Kaffee, etwas Süßes. „Während ich da saß und aß, dachte ich: zwanzig vor neun. Wohin jetzt?“Keine Frage. Zuerst wollte er in den 70. Stock, eine halbe Stunde lang zur Hafenbehörde, dann 72, 74, 68, 18. Es ging immer um Stockwerke und Minuten. Er musste gut organisiert sein. Schließlich arbeitete er nicht im Südturm oben, auch nicht mehr draußen – das musste man ohnehin nur in den oberen drei und den unteren neun Stockwerken, die restlichen der 43.600 Fenster wurden von außen mit der Maschine geputzt. Jan Demczur arbeitete seit Juni 1992 im World Trade Center, Dienstältester in der Firma. Er hatte sich seinen eigenen Ablauf ausgearbeitet. Jeder Tag sah anders aus. Sein Plan ging auf. Nie hat sich jemand über seine Arbeit beschwert.Der Aufzug schlug hin und her wie ein PendelGleich viertel vor neun. Jan Demczur warf den Kaffeebecher in den Müll, ging hoch zum 44. Stock. Nahm den Eimer, ging in einen Aufzug, der zu den Stockwerken 68 bis 74 führte. Fünf Männer waren schon drin. Einen kannte er flüchtig, er kannte viele Gesichter im Nordturm. Die Tür ging zu. Er stand links vor der Tür. Ein Mann stand rechts, die anderen hinten. Einer hatte schon die 68 gedrückt. Der Aufzug ging hoch. Demczur wollte gerade die 70 drücken. Eine dumpfe Erschütterung. Der Aufzug schlug hin und her wie ein Pendel. Ging nach unten, aber nicht ruckartig. Jan Demczur hielt den Eimer in der rechten Hand. Mit der anderen drückte er auf die Stockwerkknöpfe. „Drück den roten Knopf“, rief er nach rechts. „Drück den roten Knopf!“Alfred Smith, Angestellter der Hafenbehörde, drückte den roten Knopf. Der Aufzug wurde langsamer und hielt. Minuten vergingen. Erst dachte Demczur, sie hätten technische Schwierigkeiten mit dem Aufzug. Aber dann drang Rauch in die Kabine ein. In die Sprechanlage riefen sie: „Hier ist Aufzug 69 A. Hier stimmt was nicht. Wir sind ein paar Stockwerke runtergefallen!“ Aus der Sprechanlage sagte eine Stimme, es gebe Probleme im 91. Stock, vielleicht eine Explosion. Dann brach die Verbindung ab.Die Katastrophe nahm kein Ende: Der Nordturm des World Trade Center (vorne), in dem Jan Demczur arbeitete, wurde zuerst getroffen, eine Viertelstunde später schlug auch in den Südturm ein von Terroristen gesteuertes Flugzeug ein.AFPZwei Männer hatten ein Handy dabei. Keine Verbindung. Einer von ihnen, George Phoenix, Ingenieur bei der Hafenbehörde, schlug gegen das Kabinendach. Nichts tat sich. Demczur zog mit John Paczkowski, Manager der Hafenbehörde, die Doppeltür auseinander. Auf der Wand stand geschrieben: „50“ – ein Stockwerk ohne Öffnung zu diesem Aufzugschacht. Beim ersten Mal drückten sich die Türen des Aufzugs wieder zusammen. Beim zweiten Mal presste Demczur den großen Stiel, fast 1,20 Meter lang, quer zwischen die Schiebetüren. Das mit dem Stab zwischen den Türen fand Demczur auch danach noch komisch: Früher hatte er den Stiel oft noch schnell dazwischen gehalten, wenn er im Aufzug stand, die Türen sich schlossen, aber noch jemand hineinwollte. Und die Türen gingen wieder auf.Sie kratzten sich durch mehrere Rigips-PlattenImmer mehr Rauch kam herein, denn zwischen dem Aufzug und der Wand waren 20, 30 Zentimeter Platz. Wasser hatte niemand dabei, in Demczurs Eimer war Seifenlauge. Also zogen sie Papierservietten durch die Milch, die einer von ihnen gerade im Café gekauft hatte, und hielten sie sich vor den Mund. Nur Demczur hielt sich nichts vor die Nase. Er tastete die Wand ab. Rigips, kein Beton. Das erkannte er sofort, Handwerk ist sein Hobby.Niemand hatte einen spitzen Gegenstand dabei. Demczur nahm sein Putzgerät, zog das Gummi von der Metallleiste, die so lang war wie die Fenster im World Trade Center breit, 47 Zentimeter, so dass man mit einem einzigen Wisch von oben bis unten die Fenster putzen konnte und es keine Streifen gab. Nein: Die Metallleiste war nur fast so lang wie die Fenster breit, weil das Gummi an beiden Enden der Leiste etwas überstehen musste, damit das Metall nicht die Fensterrahmen zerkratzte.Er brauchte die Leiste. Denn mit Fäusten oder Füßen war die Rigipsplatte nicht zu zerstören. Demczur nahm die Leiste in beide Hände, Paczkowski den dreieckigen Metallgriff. Sie kratzten am Rigips, immer auf und ab, tiefer hinein als eine normale Rigipsplatte dick ist, drei Zentimeter, fünf Zentimeter. Drei Platten waren aufeinander geschraubt.Demczur kratzte und stieß und wunderte sich, wie Paczkowski, der Büromensch, so gut mithalten konnte. Dass Paczkowski früher bei den Marines war, erfuhr er erst später. Demczurs Hände wurden schwächer. Die Leiste fiel hinunter, durch den Spalt, in den Aufzugschacht. Die Männer fluchten. Demczur hatte noch das Metallstück, das Leiste und Stiel verbindet, kratzte damit weiter, bis sie endlich durchkamen, ein kleines Loch entstand, bessere Luft hereinkam, aber auch der Gipsstaub, dass die Augen schmerzten.Sie traten weiter, bis das Loch groß genug warGeorge Phoenix hatte Schuhe mit harten Absätzen und war der größte von ihnen: Er stützte sich mit den Händen an der Rückwand des Aufzugs ab, den Rücken zur Tür, und trat nach hinten mit seinen Füßen gegen die Platten, immer wieder, bis das Loch so groß wurde, dass sie hindurchschauen konnten. Noch eine Wand. Als das Loch groß genug war, trat Phoenix auch gegen die Wand. Sie gab sofort nach: Kacheln. „Da sind Waschbecken!“ Ein Toilettenraum im 50. Stockwerk.Sie traten weiter, bis das Loch groß genug war für den dünnsten, Alfred Smith. Halb zehn. Smith zwängte sich hindurch, ging raus auf den Gang. Niemand mehr da. Alfred Smith wollte hinunter in die Skylobby, wo immer viele Menschen sind, wo Hilfe sein musste. Er fuhr mit dem Aufzug aus dem 50. ins 44. Stockwerk, rief einen Feuerwehrmann, fuhr mit dem Feuerwehrmann im Aufzug wieder nach oben ins 50. Stockwerk, fand die Tür zur Toilette nicht mehr.Nach und nach krochen auch die anderen raus. Demczur ließ sich durch das Loch noch seinen Eimer hinausreichen, Paczkowski seinen Laptop. Es war eine Herrentoilette. Jan Demczur war schon oft hier gewesen, denn auch im 50. Stock arbeitete er immer wieder. Die Männer stellten sich vor: Jan Demczur, John Paczkowski, George Phoenix, Colin Richardson, Shivam Iyer. Dann kam Alfred Smith herein mit dem Feuerwehrmann. Alle zum Aufzug. Demczur wollte nicht hinein, aber die anderen riefen ihn, und so fuhren sie wieder gemeinsam Aufzug, hinunter in den 44. Stock.Den Eimer nahm Demczur mit nach untenIn der Skylobby leiteten Feuerwehrleute und Polizisten sie zum Treppenhaus. Demczur schüttete noch die Seifenlauge in einen Pflanzenkübel. Er ließ die anderen ihre Telefonnummern aufschreiben. Vielleicht brauchte er die, wegen des Arbeitgebers, der Versicherung, damit er Zeugen hatte. Einige schrieben die Durchwahl ihres Büros auf den Zettel. Dann begannen sie den langen Marsch nach unten, Paczkowski mit seinem Laptop in der Hand, Demczur mit seinem Eimer. „Was willst du mit dem Eimer?“ – „Der ist mir ans Herz gewachsen! Vielleicht bestellt mir die Firma nicht mehr so einen.“Nur zwei, drei Stockwerke, dann kamen sie ans Ende der Schlange, die langsam nach unten kroch. Die Luft voller Staub, manchmal kein Licht. Jan Demczur dachte: „Gott hilft uns.“ 40, 39, 38. Feuerwehrleute kamen ihnen entgegen. Viel Wasser auf dem Boden. Demczur rutschte aus, fiel auf die linke Seite. Im 28. Stockwerk erzählte man ihm, zwei Flugzeuge seien in die Türme gekracht, und er dachte, die Flugzeuge seien über den Türmen zusammengestoßen.Weiter runter. Ein dicker Mann schwankte bedrohlich. Zwei Feuerwehrleute fassten ihn unter den Armen, zogen ihn das Treppenhaus hinunter, die Hose des Mannes rutschte herab, die Knie schlugen auf den Boden, Jan Demczur schaute weg. Das Bild konnte er nicht ertragen. Später, unten, sah er den Mann wieder, als sie ihn in einen Krankenwagen schoben.Eine Minute vor zehn. Zwölftes Stockwerk. Irgendwo eine schwere Explosion, ein metallisches Geräusch, noch mehr Staub, diesmal von unten. Feuerwehrleute riefen von unten: „Hoch! Hoch!“ Demczur und einige andere gingen hoch. Im 15. Stock riefen die Feuerwehrleute von oben: „Runter! Runter!“ Sie gingen wieder runter. Er wusste nicht, was für eine Explosion das war, sah auch später unten nicht, dass der zweite Turm fehlte, auch nicht, als er abends zu Hause war. Erst am nächsten Tag sagte er zu sich: „Mein Gott, der Südturm ist ja auch eingestürzt!“Jemand schrie: „Die Leute raus hier!“Im Nordturm ging es langsam hinunter. Eine dreiviertel Stunde hatten sie aus dem Aufzug gebraucht. Eine dreiviertel Stunde brauchten sie durch das Treppenhaus. Im vierten, dritten Stock noch mal Verwirrung, Rauch, Treppenende, Umwege. Dann doch ein Ausgang. Zwanzig nach zehn. Staub, Trümmer, Glas, Dunkelheit. Ein Feuerwehrwagen, ein Feuerwehrmann mit Leuchte. Wasser, Sauerstoff. Jemand schrie: „Die Leute raus hier!“Was vom Nordturm übrig blieb: Hinter den Trümmern erhebt sich das Woolworth Building, das nicht beschädtigt wurde.ImagoDemczur schaute hoch, die Antenne auf dem Nordturm hing plötzlich schräg, er lief, es donnerte, er zitterte, es krachte. „Werde ich meine Frau und meine Kinder noch einmal sehen?“ Die Wolke holte ihn ein. „Das hat mich fertiggemacht, all die Polizisten und Feuerwehrleute, die noch hinter mir waren.“ Am West Side Highway sagte ihm ein Polizist, was vorgefallen war. Dort traf er auch George Phoenix, der ihm sein Handy lieh. Aber Jan Demczur wusste nicht mehr die Telefonnummer seiner Frau im Büro. Also wollte er zu Hause anrufen, auf den Anrufbeantworter sprechen. Aber Jan Demczur wusste seine eigene Telefonnummer nicht mehr.„Ich kannte doch so viele Leute, in so vielen Stockwerken“Er ging weiter, zur Gewerkschaft, sechste Avenue, traf einen Bekannten, blieb dort eine Stunde, Ärzte behandelten ihn, Augen auswaschen, Puls messen. Ein Arzt rief seine Frau an, denn Demczur hatte die Nummer dabei, irgendwo in einer Tasche. Nadia Demczur war erleichtert, aber sie hatte es sich schon gedacht, dass er hinausgekommen war. Schließlich hatte er um Viertel vor neun Pause, und die verbrachte er im 43. Stock – das Flugzeug schlug 50 Stockwerke höher ein. Demczur blieb bei seiner Frau im Büro, an der 14. Straße. Abends mit der Fähre hinüber nach Hause.Handwerk ist sein Hobby: Jan Demczur befreite sich selbst und weitere Männer aus dem Aufzug.Barbara Sophie NägleIn den drei Monaten danach hat er nicht gearbeitet. In den ersten Tagen hatte er Kopfschmerzen. In den ersten Nächten wachte er immer wieder auf, dachte nach. „Ich kannte doch so viele Leute, in so vielen Stockwerken.“ Die aus dem 92. und 93. Stock, all die anderen. Er bekam Medikamente. Nach drei Monaten fühlte er sich langsam besser. „Ich muss normal werden.“ Seine Firma bot ihm Arbeit an mit Schichtbeginn fünf Uhr. Er hätte um drei Uhr aufstehen müssen. Das wollte er nicht. Damals verhandelte er noch. Medienauftritte beschäftigten ihn. Polnische Zeitungen waren da, denn er kommt aus Polen, eine ukrainische Zeitung, denn ursprünglich stammt er aus der Ukraine, seine Frau auch. Mit den Kindern sprachen sie ukrainisch, obwohl es amerikanische Kinder sind.Fast drei Monate danach stand er zum ersten Mal wieder dort, wo einmal seine Arbeitsstätte war. Seine Frau hat die Videokamera mitgebracht und filmt. Vor dem World Financial Center zeigte er auf das Stahlgerippe, das einmal der Wintergarten war. Da ist er immer hindurchgekommen, zur Mittagspause, hat sein Sandwich gegessen mit Blick auf den Hudson, auf die Freiheitsstatue, auf den ehemaligen Hafen. Und wenn er dann wieder zur Arbeit ging, ganz hochfuhr, schaute er öfters hinüber nach Jersey City, gleich vor den beiden Schornsteinen, etwas rechts vom Zentrum, da war sein Haus, das heißt, da ist es noch heute.Dieser Text erschien am 11. Dezember 2001 in der F.A.Z. und wurde leicht angepasst.