Klangminuten statt Schweigeminuten: der Siegerentwurf für das Schweizer Memorial für die Opfer des NationalsozialismusDas Berner Denkmalprojekt stellt einen Mittelweg dar: Es verweigert sich der klassischen Monumentalität eines Denkmals, gleitet aber nicht in die Unscheinbarkeit ab.Hubertus Adam10.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDas Siegerprojekt: «Unfolded Minute» wurde erarbeitet von den Historikerinnen Isabel Koellreuter und Franziska Schürch, der Künstlerin Rahel Zaugg, den Architektinnen Andrea Steegmüller und Salomé Gutscher und dem Komponisten Jannik Giger.Véronique Gobet / Visualisierung ASA+SAGADer Architekt Walter von Gunten war kein Avantgardist. Aber in Bern ein veritabler Vertreter des Neuen Bauens. Sein Hauptwerk: die Grossgarage zwischen Kirchenfeldbrücke und Hotel Bellevue, erbaut zwischen 1935 und 1937. Aareseitig zeigt sich die fünfgeschossig in die Tiefe führende Fassade fast schiessschartenartig, zur Stadt hin ist das unterirdische Volumen unsichtbar. Die darauf befindliche Promenade zur Aare und der etwas erhöhte Casinoplatz sind nun zukünftig Standort des Schweizer Memorials für die Opfer des Nationalsozialismus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Standortwahl, die dem Wettbewerb voranging, überzeugt: Nicht entlegen, sondern mitten in der Stadt und im alltäglichen Leben, frequentiert von Bernern und Besuchern gleichermassen. Und in unmittelbarer Nähe des Bundeshauses, des damaligen wie heutigen politischen Entscheidungszentrums. Dass die Casinoterrasse baulich auf die 1930er Jahre verweist, verstehen die Gewinner des vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten ausgelobten Wettbewerbs als eine glückliche Fügung.«Unfolded Minute» – ausgefaltete Minute – heisst das zur Ausführung bestimmte Projekt des Siegerteams, bestehend aus den Historikerinnen Franziska Schürch und Isabel Koellreuter, dem Komponisten Jannik Giger, der Künstlerin Rahel Zaugg und den Architektinnen Andrea Steegmüller und Salomé Gutscher. Kernidee ist eine vielfach geknickte und insgesamt 60 Meter lange sogenannte Klangwand, die der Stützmauer zwischen Casinoterrasse und tieferliegender Promenade vorgeblendet ist. Die Wand, die den Erdboden nicht berührt, soll aus Stahlplatten bestehen; die Farbigkeit wird auf die dahinter befindliche Stützmauer abgestimmt.Hämmer, die an zwölf Stellen hinter der Wand verborgen sind, erlauben es, einzelne Elemente zum Schwingen zu bringen und damit Töne zu erzeugen. Drei Mal in jeder Stunde, aber in unregelmässigen Abständen, soll eine computergenerierte, aber stets anders tönende Melodie erklingen – von Klangminuten statt Schweigeminuten sprechen die Beteiligten.Die «Klangwand» soll die Landesgrenze symbolisieren.Visualisierung ASA+SAGAIrritierende TonfolgenDie Wahl der Jury unter Vorsitz von Madeleine Schuppli wird verständlich, wenn man sich die weiteren zehn Entwürfe im Jurybericht ansieht. Man findet dort grosse plakative Gesten, aber auch bescheidene Interventionen, die Gefahr laufen, mit üblicher Kunst im öffentlichen Raum verwechselt zu werden. In gewisser Weise verkörpert der Siegerentwurf einen Mittelweg, der sich der klassischen Monumentalität eines Denkmals verweigert, zugleich aber auch nicht in die Unscheinbarkeit abgleitet.Das Interessante an der Idee mit den Tonfolgen ist, dass diese unregelmässig erklingen, damit Irritationen auslösen können und einem ritualisierten Gedenken zuwiderlaufen. Noch aber ist alles ein Konzept. Wie die Platten gestimmt sind, welche Tonfolgen in welcher Lautstärke erklingen, wie sich der Klang beim Gehen verändert: All das sind Fragen, die sich aufdrängen, auf die man aber aufgrund des skizzenhaften Entwicklungsstands des Projekts derzeit noch keine Antwort finden kann.Zu klären wird auch sein, wie sich die akustischen Eindrücke vor Ort mit dem Erinnerungsthema verbinden lassen. Die Projektverfasser sehen am Aufgang zur oberen Terrasse zwei Screens vor und überdies einen kleinen Pavillon, in dem Besucher und Passanten sitzen können und durch allgemeine Fragen wie etwa «Sind wirklich alle Menschen gleich?» zum Gespräch und Austausch angeregt werden sollen. Auch diese Ideen sind derzeit noch nicht wirklich ausgereift und müssen weiterentwickelt und konkretisiert werden.Künstlerische Intervention allein reicht an Erinnerungsorten nicht aus. Auch das Stelenfeld des Holocaust-Memorials von Peter Eisenman in Berlin wurde noch während der Planungszeit mit einem unterirdischen Informationszentrum versehen. Im Berner Siegerprojekt ist der Wunsch nach Informationsvermittlung zwar berücksichtigt, doch stehen die Teile noch etwas unvermittelt nebeneinander.Auch die Form der Klangwand verweist übrigens auf das Erinnerungsthema: Die geknickte Struktur zeigt die Form der Schweizer Aussengrenze, gewissermassen abgewickelt und auf die Strecke von 60 Metern skaliert. Das sieht vor Ort niemand. Man braucht die Hintergrundinformationen, um den Gedanken zu verstehen – wird aber alles erklärt, droht am Ende eine Überpädagogisierung, die den künstlerischen Gehalt erstickt.Die Beteiligten sprechen von Klangminuten statt Schweigeminuten.Véronique Gobet / Visualisierung ASA+SAGAKein SeparatraumMit der Veröffentlichung des Siegerentwurfs hat die eigentliche Arbeit also erst begonnen. Das vorgestellte Projekt, so muss man konzedieren, bietet Potenzial. Es schreibt sich in die Stadt ein und bildet keinen ästhetischen Separatraum aus, mit Zugangskontrolle und Öffnungszeiten.Man wünscht dem Wettbewerbsteam eine gute Begleitung – Interventionen im öffentlichen Raum unterliegen vielen Restriktionen. Lärmschutz, Vandalismusresistenz, Sicherheit und andere Anforderungen können gutgemeinte und nicht nur auf Robustheit getrimmte Projekte bis hin zur Unkenntlichkeit verändern. Davor muss man dieses für die Schweiz so wichtige und überfällige Vorhaben bewahren.Die Einweihung soll Ende 2027 erfolgen. Ob das angesichts der vielen nötigen Konkretisierungen und Entscheidungen realistisch ist, bleibt fragwürdig. Die Zeit, zu wachsen und sich zu konkretisieren, braucht «Unfolded Minute». Ein Trägerverein wird zukünftig für den Unterhalt und die Aktualisierung der Vermittlungsinhalte sorgen.Ein zweiter Erinnerungsort ist in Diepoldsau geplant, direkt an der Grenze zu Österreich. Unter Mitwirkung des Jüdischen Museums Hohenems soll in den früheren Zollgebäuden 2029 ein Vermittlungszentrum eröffnen, das am realen Ort über die während der NS-Zeit weitgehend geschlossene Grenze informiert, die für viele jüdische Flüchtlinge zur Todesfalle wurde.Passend zum Artikel
Schweizer Memorial für die Opfer des Nationalsozialismus: Der Entwurf verweigert sich der Monumentalität eines Denkmals
Das Berner Denkmalprojekt stellt einen Mittelweg dar: Es verweigert sich der klassischen Monumentalität eines Denkmals, gleitet aber nicht in die Unscheinbarkeit ab.








