„Trauer ist nicht teilbar“ – aus diesem Grund plädierte Reinhart Koselleck 1997 für „ein Denkmal für alle Opfer“, „ansonsten bleibe der Vorwurf der Hierarchisierung“. Der Bielefelder Historiker befürchtete, dass die Gesamtdimension der Verbrechen in Vergessenheit geraten, Opferkonkurrenzen und eine Zerklüftung der Erinnerung die Folge sein könnten. Seine Argumente und die von Fachkollegen wie Christian Meier fanden Unterstützer, aber keine Mehrheit. Am 25. Juni 1999 beschloss der Deutsche Bundestag ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Zugleich verpflichtete der Bundestag die Bundesrepublik, „der anderen Opfer des Nationalsozialismus würdig zu gedenken“.Dieser Beschluss setzte ein auf die Opfer zentriertes Gedenken in staatlichem Auftrag in Gang und führte zur Gedenklandschaft in der Mitte Berlins zwischen Reichstag und Potsdamer Platz. Auf wissenschaftlicher Grundlage und im Austausch mit Verfolgten und ihren Nachkommen ist das gesellschaftliche Bewusstsein nicht nur des Holocaust, sondern auch der Verfolgung anderer Minderheiten im Nationalsozialismus erheblich gewachsen. Wirklich „vergessene“ Opfergruppen des Nationalsozialismus gibt es nicht mehr. Das ist das Verdienst des zugleich wissenschaftsbasierten und opferzentrierten Gedenkens. Im Großen und Ganzen gelang der Balanceakt.Die Namensvielfalt ist nicht die einzige SchwierigkeitMit dem jüngsten Denkmal werden jetzt aber die Grenzen dieses Ansatzes der Erinnerungspolitik deutlich, für die in der Bundesregierung ihr Beauftragter für Kultur und Medien (BKM) zuständig ist. Im Berliner Tiergarten wird am 24. Juni das Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas der Öffentlichkeit übergeben. Beschlossen wurde es 2023 anlässlich des neunzigsten Jahrestags des Verbots der „Internationalen Bibelforscher-Vereinigung“ in Preußen. Dieser Verein war das organisatorische Zentrum der religiösen Bewegung, deren Anhänger in den Quellen überwiegend und auch in Selbstbezeichnungen jener Zeit „Bibelforscher“ heißen. Die Gruppe ist seit den Dreißigerjahren auch unter dem Namen „Zeugen Jehovas“ bekannt. Die Namensvielfalt ist nicht die einzige Schwierigkeit, die mit einer Bestimmung der Gruppe, an die das Denkmal erinnern soll, verknüpft ist. Seine Umsetzung macht die Aporien eines radikal opferzentrierten Gedenkens sichtbar, das Gefahr läuft, seine eigenen Grundlagen zu untergraben.Matthias Leeck hat die fast fünf Meter hohe Bronzestele entworfen, die im Berliner Tiergarten an die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas erinnern wird.epdDie Bibelforscher in Deutschland und im nationalsozialistisch beherrschten Europa haben wie andere Gruppen von Verfolgten ein würdiges Gedenken verdient. Schon im Entschädigungsrecht der frühen Bundesrepublik waren sie als Verfolgte anerkannt, und ihre Stigmatisierung durch einen lila Winkel machte sie in den frühen Konzentrationslagern zu einer hervorstechenden Häftlingsgruppe. Von den mehr als 25.000 Bibelforschern, die 1933 im Deutschen Reich lebten, und mehreren Tausend im besetzten Europa waren etwa 15.000 Menschen von nationalsozialistischer Verfolgung betroffen, etwa 4500 waren in Konzentrationslagern inhaftiert, 1800 Bibelforscherinnen und Bibelforscher wurden ermordet. Am auffälligsten ist ihre Kriegsdienstverweigerung aus religiösem Pazifismus. Fast 300 junge Männer wurden von den Nationalsozialisten hingerichtet. Bemerkenswert ist die große Zahl verfolgter Frauen, die mit zunehmender Repression auch Leitungsrollen in der auf Männer ausgerichteten Gruppe wahrnahmen. Mittlerweile erinnern etwa 500 Stolpersteine in ganz Deutschland an verfolgte Bibelforscher/Zeugen Jehovas, Straßen sind nach ihnen benannt. In der DDR wurden die Zeugen Jehovas 1950 erneut verboten. Unter den dort Verfolgten waren mehrere Hundert, die schon im Nationalsozialismus gelitten hatten.Die Politik hat es hier mit einer anderen Gruppe von Verfolgten zu tun als bei jedem Denkmal bisher: einer Gruppe von Verfolgten ohne legitime Vertretung. Die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas kann dies nicht sein: Das liegt schon an ihrer Grundstruktur als Religion, die von der Mission neuer Gläubiger geprägt ist und eine hohe Fluktuation aufweist. Sozialwissenschaftlich erhobene Zahlen, die für die Vereinigten Staaten vorliegen, zeigen, dass zwei Drittel der in der Gemeinschaft aufgewachsenen jungen Menschen sich als Erwachsene aus ihr lösen. Eine intergenerationelle Kontinuität kann also nicht angenommen werden.Die missionierende Religion weist zudem sowohl Opfer- als auch Täternachkommen auf. Ihre Selbstdarstellungen vergangener Jahrzehnte berichten von der Konversion ehemaliger Nationalsozialisten, SS-Angehöriger und Wehrmachtssoldaten. Der Schriftsteller Marko Martin, dem plastische und sogar amüsante Innenansichten aus der Welt dieser Gläubigen zu verdanken sind, vermutet, dass sein Großvater, der in den Sechzigerjahren zum obersten Leiter der Zeugen Jehovas in der DDR aufstieg, mit seiner Bekehrung nach dem Krieg und seinem Engagement für „die Organisation“, wie man die Gemeinschaft intern nannte, auch für seine HJ- und Wehrmachtsjahre büßen wollte.Die Kontrollmechanismen nahmen erst in der Nachkriegszeit Form anDie Herausforderung, präzise zu bestimmen, an wen das Denkmal erinnern soll, berührt Kernfragen der historischen Quellenkritik. Die Bibelforscherbewegung war seit dem Tod ihres amerikanischen Gründers 1916 von zahlreichen Spaltungen gekennzeichnet. Die sich später „Jehovas Zeugen“ nennende Fraktion mit ihrer „Wachtturm-Gesellschaft“ setzte sich letztlich durch, die meisten der im Nationalsozialismus Verfolgten bekannten sich zu ihr. Aber auch hier besteht keine einfache Kontinuität. Den deutschen Bibelforschern in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus war etwa das Verbot von Bluttransfusionen ebenso fremd wie die soziale Ächtung von Ausgeschiedenen mit im Amerika des aufkommenden McCarthyismus entwickelten Kontrollmechanismen oder die absolute Hierarchie einer „theokratischen“ Führung.Das Profil der Zeugen Jehovas, wie es später sichtbar wurde, ist mit ihrem Ausbau zur globalen Organisation durch eine „leitende Körperschaft“ in den Vereinigten Staaten nach 1945 verknüpft. Die verfolgten Bibelforscher unterschieden sich in markanten Punkten von den späteren Zeugen Jehovas – ob sie sich nun nach 1945 weiter zu dieser Gemeinschaft bekannten oder nicht.Eine Religionsgemeinschaft mit hoher Fluktuation: Im August 2024 veranstalteten die Zeugen Jehovas im Deutsche Bank Park in Frankfurt einen Kongress mit Taufen.Felix Kaspar RosicEin Beispiel: Im Schwarzwald trotzten der frühere SPD-Gemeinderat Gottlieb Knöller und seine Familie der Verfolgung, die vom Verlust des Arbeitsplatzes bis zur Haft im Konzentrationslager reichte. Die drei Söhne verdeutlichen das Spektrum der Geschichte nach der Verfolgung: Der älteste wurde hauptamtlicher Funktionär der Zeugen Jehovas, der zweite Gemeindeältester mit wachsender Skepsis gegenüber der „Organisation“, bis er abgesetzt und an den Rand gedrängt wurde, der jüngste löste sich schließlich völlig von den Zeugen Jehovas – ein Verfolgungsschicksal, aber individuell verschiedene Wege.Das ist eine notwendige historische Differenzierung. Die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas dominiert das Bild der Gruppe. Von ihr veröffentlichtes Material über Verfolgte ist zumeist nicht nur hagiographisch eingefärbt und narrativ verkürzt, sondern auch selektiv. Ein Teil der als Bibelforscher Verfolgten kommt darin nicht vor: die Verfolgten, die sich vor oder nach 1945 aus der Gemeinschaft lösten, ebenso wenig wie die Verfolgten aus freien Bibelforschergruppen oder andere wie etwa Angehörige der Siebenten-Tags-Adventisten, die den Kriegsdienst verweigerten. Sie alle wurden von der SS mit dem lila Winkel als Bibelforscher gekennzeichnet. Ihre Zahl war klein, aber jedes Opfer hat ein Recht auf würdige Erinnerung. Darauf hat vor der Denkmalseinweihung Detlef Garbe hingewiesen, der Autor des Standardwerks über die verfolgten Zeugen Jehovas. Das ist Auftrag der Gedenkpolitik. „Die wissenschaftliche Fundierung ist der entscheidende Parameter“, postuliert die BKM-Gedenkstättenkonzeption.Der Künstler wurde ohne Wettbewerb bestimmtDie von der Bundesregierung ausgerichteten Eröffnungsfeierlichkeiten des neuen Denkmals lassen sich auf eine einseitige Geschichte ein. Gut organisierte Stimmen übertönen die historische Pluralität, ein Teil der Opfer ist nicht repräsentiert. Beim staatlichen Gedenkakt zur Eröffnung werden die Anhänger der Zeugen Jehovas zwar nicht explizit benannt, aber sie allein gestalten das Programm zusammen mit der Bundestagspräsidentin, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und dem Vertreter des Landes Berlin. Der ohne einen Wettbewerb bestimmte Künstler und die mitbeteiligte Interessenvertretung haben sich in Radiointerviews zu den Zeugen Jehovas und einer religiösen Deutung der Geschichte bekannt, das Orchester schmuggelt einen Schlüsselbegriff der Religion, die „Neue Welt“, ein. In Abweichung von der bundesrepublikanischen Gedenkpraxis werden „dem Wunsch der Religionsgemeinschaft entsprechend […] keine Blumen und Kränze niedergelegt“.Willy Hild (1894 bis 1977), Geiger im Frankfurter Opernorchester, wurde am 29. Juli 1938 nach Buchenwald verschleppt, wo er Arbeit im Steinbruch leisten musste. Er wurde zum Dienst in der Lagerkapelle verpflichtet und schrieb Lieder für die geheimen Treffen der in Buchenwald festgehaltenen Bibelforscher. Nach der Befreiung konnte er seine Orchestertätigkeit nicht wieder aufnehmen.Zeugen Jehovas in DeutschlandIst diese Verbeugung vor der heutigen Religionsgemeinschaft tatsächlich im Sinne aller Nachkommen der Verfolgten? Es hätten sich in Anerkennung der Pluralität der Geschichte zudem auch Nachkommen von Verfolgten finden lassen, die nicht den heutigen Zeugen Jehovas angehören, um an diesem Tag zu sprechen.Das Problem setzt sich im Begleitmaterial der Bundesregierung fort. Eine von der Stiftung EVZ und dem BKM geförderte offizielle Website zum Denkmal, die Biographien von Verfolgten sammelt, stellt bei den angegebenen „Materialien“ wissenschaftliche Arbeiten gleichrangig neben Schriften der „Wachtturm-Gesellschaft“ – und verlinkt direkt auf die Website einer Gemeinschaft, die deutschen und europäischen Gerichten zufolge als Sekte bezeichnet werden darf und sich immer wieder dem Vorwurf der Verletzung von Menschenrechten ausgesetzt sieht. Im Mittelpunkt stehen dabei etwa Kinderrechte oder die soziale Ächtung von Aussteigern, deren psychische und volksgesundheitliche Folgen eine Studie der Universität Zürich untersucht hat. Wer wissen will, was für Kinder das Aufwachsen im apokalyptisch-autoritären Milieu der Zeugen Jehovas bedeutet, erfährt es aus dem Roman „Kein Teil der Welt“ der F.A.Z.-Kolumnistin Stefanie de Velasco.Es sind es nur wenige Klicks von den Links auf einer staatlichen Website bis zu Aussagen, die mit universeller Menschenwürde und Demokratie kaum zu vereinbaren sind. Die „Vernichtung der gottlosen Menschen“ wird drastisch ausgemalt: „Es wird keine Ausnahme gemacht. Sogar die letzte Spur dieser rebellischen Welt, die Jehova Widerstand geleistet hat, wird ausgemerzt.“ Konversionsberichte „ehemaliger“ Homosexueller sollen zeigen, wie Homosexuelle „ein normales Leben“ führen können, denn „Homosexualität […] ist in Gottes Augen so schmutzig, dass in der Bibel Personen, die ein solch perverses Geschlechtsleben führen, als Hunde bezeichnet werden.“ Auch finden sich Aussagen zur „Befreiung der Frau“, der die Gemeindeältesten „Einhalt“ gebieten sollen.Solche Ansichten sind von der weitreichenden Religionsfreiheit des Grundgesetzes geschützt. Alle bisher durch die Bundesrepublik geehrten Gruppen von Verfolgten und ihre Interessenvertretungen stehen jedoch zur unantastbaren Menschenwürde aller Menschen und unterstützen die Demokratie des Grundgesetzes. Diese Gruppen weisen auch einen inneren Pluralismus auf, der dazu beiträgt, dass im Gedenken unterschiedliche Stimmen berücksichtigt werden. Am Anfang des opferzentrierten Gedenkens stand der Bundestagsbeschluss, staatliches Gedenken solle „alle künftigen Generationen mahnen, die Menschenrechte nie wieder anzutasten, stets den demokratischen Rechtsstaat zu verteidigen, die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz zu wahren und jeder Diktatur und Gewaltherrschaft zu widerstehen“. Es ist ein Balanceakt, aber staatliches Gedenken kann diesem Auftrag nicht ausweichen.Wie sich mit dem Dilemma umgehen lässt, zeigt das Gedenken an den kommunistischen Widerstand, der nach intensiven Debatten Teil der Erinnerungskultur wurde. Dieser Männer und Frauen erinnert man sich heute in ihrer Vielfalt und ohne offizielle Vertretung, ob sie auf Parteilinie waren oder unabhängig von der Partei handelten. Aber undenkbar gewesen wäre ein Gestalten des Gedenkens gemeinsam mit – direkten oder indirekten – Vertretern der SED oder totalitärer Parteien, die für sich das Erbe des kommunistischen Widerstands reklamierten.Das war der demokratische Konsens der bundesrepublikanischen Aufarbeitung. An diesem Vorbild könnte man sich orientieren, um nicht politischen und gesellschaftlichen Gruppen, die sich mit der Demokratie des Grundgesetzes nicht identifizieren, Tür und Tor für eine Instrumentalisierung der Erinnerungskultur zu öffnen.Der Staat, der Mahnmale errichtet, ist nur der Ermöglicher des Gedenkens. Die Verfolgten sollen zu Wort kommen, indem ihre Nachkommen und die Historiker ihre Geschichten in ihrer ganzen Vielfalt erzählen.Der Historiker Tim B. Müller unterrichtet an der Universität Mannheim. Er hat 2023 als Sachverständiger an der Anhörung des Kulturausschusses des Bundestags zum Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas mitgewirkt.
Neues Denkmal in Berlin: Zeugen Jehovas als Opfer der Nationalsozialisten
Am 24. Juni wird in Berlin das Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas der Öffentlichkeit übergeben. Es stellt die Prinzipien der deutschen Gedenkpolitik auf die Probe.








