KommentarErinnerungskultur ist nicht überflüssig – sie hält Wunden offen, die offen bleiben müssenAm Dienstag, 81 Jahre und 4 Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hat der Bund in Bern das Siegerprojekt für das erste nationale Memorial für die Opfer des Nationalsozialismus vorgestellt. Es hat lange gedauert.09.09.2026, 15.28 Uhr3 LeseminutenAm 25. Mai 2021 wurde in Bern eine Petition für eine Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkriegs eingereicht. Auf den Fotos zeigen die Petitionäre Bilder von Menschen, die in deutschen Konzentrationslagern den Tod fanden.Peter Schneider / KeystoneIn der Schweiz ist wieder vermehrt vom Krieg die Rede. Christoph Blochers Neutralitätsinitiative kommt im September zur Abstimmung. Damit wird auch eine Kriegserzählung wieder lebendig, die die Schweizer Geschichte ein Stück weit verklärt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Blocher verweist bei seinen vielen Auftritten stets darauf, dass der Bundesrat 1938 beschloss, zur sogenannten «integralen» Neutralität zurückzukehren. Mit dem Beschluss hob die Schweiz die seit 1920 geltende «differenzielle» Neutralität auf.Christoph Blocher ist überzeugt, die Neutralität habe wesentlich dazu beigetragen, dass die Schweiz im Krieg verschont blieb. Sie und das Reduit.Die Flucht in die Neutralität ist erklärbar. Am 13. März 1938 schloss sich das austrofaschistische Österreich dem nationalsozialistischen Deutschen Reich an. Krieg zeichnete sich ab.Wenige Monate später, am 5. Oktober 1938, führte die Schweiz den sogenannten Judenstempel ein. Das rote J wurde fortan in deutsche Reisepässe gestempelt, wenn der Besitzer Jude war. Eingeführt wurde die potenziell tödliche Markierung auf Vorschlag der deutschen Behörden. Sie wollten auf diesem Weg verhindern, dass der Bundesrat eine allgemeine Visumspflicht für deutsche Staatsbürger erliess.Bei einer Sitzung, an der neben Heinrich Rothmund, dem Chef der Eidgenössischen Fremdenpolizei, auch alle kantonalen Polizeikommandanten teilnahmen, wehrte sich nur einer gegen das J: Paul Grüninger. Der St. Galler Polizeikommandant, der später Hunderten von Menschen mit vordatierten Papieren oder anderen Dokumenten das Leben retten sollte, sagte: «Die Rückweisung der Flüchtlinge geht schon aus Erwägungen der Menschlichkeit nicht.»Die Schweiz tat sich lange schwer mit der Aufarbeitung ihrer Rolle im Zweiten Weltkrieg. Erst 1996 konnten sich der Bundesrat und das Parlament dazu durchringen, eine Historikerkommission einzusetzen, die auch die dunklen Stellen ausleuchten sollte. Und als der Bericht der von Jean-François Bergier geleiteten Expertengruppe 2002 erschien, wurde das Ergebnis mehr als heftig diskutiert und als «linke Geschichtsschreibung» abgetan.Am Dienstag, 81 Jahre und 4 Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hat der Bund nun in Bern das Siegerprojekt für das Schweizer Memorial für die Opfer des Nationalsozialismus vorgestellt. In der Schweiz gibt es rund sechzig Erinnerungsstätten, die an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen erinnern, aber es gibt noch keine nationale Gedenkstätte.Das Memorial ist allen Schweizer Opfern gewidmet: Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Sozialisten oder Schweizerinnen, die aufgrund einer Heirat mit einem Ausländer ihr Bürgerrecht und damit den Schutz der Heimat verloren.Die Schweiz war im Krieg umgeben von Achsenmächten. Vieles, was die Schweiz machte oder geschehen liess, geschah aus Angst oder aus Opportunismus. Der Druck war riesig. Paul Grüninger wurde bereits 1939 entlassen. Er erhielt zeit seines Lebens keine feste Anstellung mehr. Ein bisschen Anerkennung bekam er erst kurz vor seinem Tod. 1970 dankte ihm die St. Galler Regierung «für seine menschliche Haltung», und 1971 schenkte der damalige deutsche Bundespräsident Gustav Heinemann dem völlig Verarmten einen Farbfernseher zu Weihnachten.Das Memorial in Bern wird auch an Menschen wie ihn erinnern. Erinnerungskultur ist nicht überflüssig. Im Gegenteil: Erinnern hält mitunter Wunden offen, die offen bleiben müssen. Erinnern ist Arbeit an der Zukunft.4 KommentareBeat Schaub vor 19 Minuten1 EmpfehlungVielleicht liegt genau darin die unbequeme Pointe dieses Kommentars.