55 Meter lang und rund 2 Meter hoch: So sieht die erste nationale Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkrieges ausLange tat sich die Schweiz schwer mit ihrer Vergangenheit. Nun entsteht mitten in Bern eine «Klangwand» und in Diepoldsau ein Museum. Lernt die Schweiz gerade das Erinnern?08.09.2026, 19.14 Uhr4 LeseminutenDie «Klangwand» soll die Landesgrenze symbolisieren – ausgefaltet.PDAn diesem Nachmittag sitzt eine Schulklasse auf der Casino-Terrasse in Bern. Einige starren ins Handy, andere lästern über den Lehrer. Sie verhandeln den Schulalltag, sie verhandeln die Gegenwart.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In rund zwei Jahren, so das Ziel, sollen die Schülerinnen und Schüler die Vergangenheit verhandeln. Dann nämlich, wenn an diesem Ort die erste nationale Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkriegs aufgebaut ist.Im Juni 2025 startete die internationale Ausschreibung, wobei elf Teams für den Projektwettbewerb zugelassen wurden. An diesem Dienstag ist nun das Siegerprojekt vorgestellt worden.«Unfolded Minute» heisst der Gewinner, ausgefaltete Minute. Es besteht aus einer 55 Meter langen und rund zwei Meter hohen geknitterten Metallwand, die die ausgefaltete Schweizer Landesgrenze symbolisieren soll. Die Minute zeigt sich zum einen in den sechzig Sekunden Fussdistanz, die für diese 55 Meter (mit wohl gemächlichem Gang) zurückzulegen sind. Zum anderen wird die Wand in unregelmässigen Abständen eine einminütige Melodie von sich geben, die jedes Mal anders klingen soll. Möglich machen das Einkerbungen im Metall.«Umgekehrte Schweigeminute»Laut dem Komponisten Jannik Giger soll jede «Klangminute» ein anderes anonymes Opfer des Nationalsozialismus würdigen. Er spricht von einer «umgekehrten Schweigeminute».Am Ende der Klangwand soll ein Metallpavillon platziert werden, wo ein Beamer Fragen an die Innenwände strahlen soll: «Sind wirklich alle Menschen gleich?» zum Beispiel. Oder: «Gehe ich wählen?» Weiter sollen zwei Bildschirme die Biografien von bisher unbekannten Opfern des Zweiten Weltkrieges beleuchten. «Ziel ist es, jene zu zeigen, die nicht in den Geschichtsbüchern auftauchen», sagt Franziska Schürch vom Siegerteam.1100 Gedenkstätten in der SchweizDen Anstoss für die nationale Gedenkstätte gab die Auslandschweizer-Organisation (ASO). Sie kam bei einem Kongress im Jahr 2018 zu dem Schluss, die Schweizer Opfer des Zweiten Weltkrieges ehren zu wollen. Die ASO setzte sich daraufhin mit dem Schweizerisch-Israelitischen Gemeindebund (SIG) in Verbindung, gemeinsam entstand die Idee eines nationalen Memorials. National- und Ständerat waren einstimmig dafür, 2023 sprach der Bundesrat 2,5 Millionen Franken für die Umsetzung.Aussenminister Ignazio Cassis hat bei der Medienkonferenz die Bedeutung einer Gedenkstätte betont. «Die letzten Überlebenden sterben, während Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung zunehmen», sagte er. Die Vergangenheit helfe dabei, Zeichen zu erkennen.Das Engagement des Bundes ist nicht selbstverständlich. Zwar verzeichnet das Inventar der Armee- und Kriegsdenkmäler über 1100 Objekte, wie der Historiker Jakob Tanner sagt: «zur vaterländischen Schlachtengeschichte, zu fremden Truppen oder tragischen Unfällen». Darüber hinaus gebe es viele Denkmäler für wichtige Personen. Diese seien aber immer von Vereinen und aus der Zivilgesellschaft heraus initiiert worden. «Denn als neutrales Land hat sich die Schweiz nicht beteiligt am offiziellen Totenkult sich bekriegender Nationalstaaten.»«Amtliche Geschichtsbehinderung»Die Klangwand ist nicht das einzige Beispiel einer aufkommenden helvetischen Erinnerungskultur.Im sankt-gallischen Diepoldsau soll ausserdem ein Museum entstehen – unter anderem mit Unterstützung des Kantons St. Gallen und aus Österreich. Eine Liegenschaft ist bereits gefunden: das Zollhaus an der schweizerisch-österreichischen Grenze, das ab 2029 teilweise umgenutzt werden kann.Die Idee erinnert an den Checkpoint Charlie in Berlin, den damaligen Grenzübergang zwischen West- und Ostdeutschland, der heute für die Teilung der Stadt steht. Denn die Liegenschaft ist kein Zufall: Beim Grenzübergang in Diepoldsau versuchten während des Krieges Tausende bedrohter Jüdinnen und Juden, in die Schweiz zu gelangen. Heute ist bekannt: Mindestens 24 000 Flüchtlinge lehnte die Schweiz während des Zweiten Weltkrieges ab. Viele von ihnen wurden später in Nazideutschland getötet.Dass es nicht mehr waren, war auch dem St. Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger zu verdanken. Er ignorierte die Dienstanweisung, fälschte Dokumente und verhinderte damit die «Rückweisung» von Hunderten Frauen, Kindern und Männern. Vielen von ihnen rettete er damit das Leben. Doch Grüninger wurde nicht gefeiert, sondern entlassen, verleumdet und sozial geächtet. Er fand kaum mehr Arbeit und verstarb 1972 verarmt. Erst in den neunziger Jahren wurde er rehabilitiert.Die Geschichte von Paul Grüninger erzählt viel über die Schweizer Erinnerungskultur. Das Land erlag der Versuchung der Selbstverklärung. Es deutete das Verschontbleiben während des Zweiten Weltkrieges mit der eigenen Wehrhaftigkeit, der geistigen Landesverteidigung, dem Rückzug ins Reduit, wo sich Deutschland nicht hingetraut habe. Das Narrativ wurde in Schulbüchern verbreitet und war auch deshalb ohne wirkliche Konkurrenz, weil die Akten zum Zweiten Weltkrieg mit jahrzehntelanger Sperrfrist versehen wurden. Tanner spricht von einer «amtlichen Geschichtsbehinderung».Noch 1989 feierte die Schweiz das 50-Jahr-Jubiläum der Mobilmachung. Als einziger Staat in Europa, der überdies vom Krieg noch verschont blieb. Das Ausland staunte.Akten zur Bergier-Kommission bald öffentlichEine ernsthafte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte folgte erst in den neunziger Jahren, als die amerikanischen Behörden sogenannte nachrichtenlose Vermögen auf Schweizer Banken untersuchten: Gelder von im Holocaust getöteten Jüdinnen und Juden. Der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel schrieb in einer seiner Kolumnen: «Nun werden wir – fünfzig Jahre später – vom Ausland gezwungen, doch noch zu erzählen, und wir versprechen hoch und heilig, es zu tun. Ob wir das noch können nach so langem Schweigen?»Das Erzählen gab der Bundesrat widerwillig in die Hand einer unabhängigen Expertenkommission, die vom Schweizer Historiker Jean-François Bergier präsidiert wurde. Die «Bergier-Kommission», wie sie bald genannt wurde, wurde mit allerhand Freiheiten und einem Budget von 22 Millionen Franken ausgestattet. Während sie forschte, einigten sich die Schweizer Banken mit den Opferfamilien auf eine Ausgleichszahlung in der Höhe von 1,25 Milliarden Dollar. Als der Bergier-Bericht schliesslich vorgestellt wurde, war es schon 2002, und die Politik hatte das Interesse verloren.Der Bergier-Bericht indes dürfte bald wieder zu reden geben: Nächstes Jahr werden viele der damaligen Akten verfügbar, die Sperrfrist läuft ab. Damit bekommt die Öffentlichkeit Einblick in eine Zeit, in der die Schweizer Geschichte so leidenschaftlich diskutiert wurde wie nie zuvor. Bis Ende 2027 soll dann die Gedenkstätte in Bern fertiggestellt sein. Für den Betrieb und Unterhalt sorgt ein Trägerverein, der vor einem Jahr gegründet wurde. Ihm gehören unter anderem der Schweizerische Israelitische Gemeindebund an, die Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz und das Archiv für Zeitgeschichte der Universität Zürich.Passend zum Artikel