WirtschaftsWoche: Herr Transfeld, hatten Sie und Ihre Magdeburger IHK-Kollegen mit einem solchen AfD-Triumph gerechnet?Carsten Transfeld: Vor der Wahl habe ich gesagt, dass ich keine absolute parlamentarische Mehrheit für die AfD erwarte. Die gibt es nun tatsächlich nicht. Trotzdem ist die Situation anders, als wir es uns vorstellen konnten.Die IHK Magdeburg, deren Vizepräsident Sie sind, fordert jetzt Verlässlichkeit, Planungssicherheit und kalkulierbare Rahmenbedingungen für die Unternehmen in Sachsen-Anhalt. Ist das angesichts des Wahlergebnisses nicht reines Wunschdenken?Wir appellieren an die 83 gewählten Abgeordneten, ihrer Verantwortung für unser Land gerecht zu werden und nicht Weisungen aus den jeweiligen Bundeszentralen der Parteien zu folgen.Aber im neuen Landtag stehen sich in gleich starken Blöcken die völkisch-nationalistische AfD und die ganze Palette der pluralistischen Parteien (CDU, SPD, Grüne plus Die Linke) gegenüber. Daneben gibt es noch die fünf BSW-Abgeordneten, die keiner Seite als sichere Mehrheitsbeschaffer dienen dürften. Wo soll da Stabilität herkommen?Die Abgeordneten müssen Verantwortung übernehmen und das Wahlergebnis so umsetzen, dass eine stabile Regierung gebildet werden kann. Erst kommt das Land, dann die Partei.Der Magdeburger Unternehmer und IHK-Vize Carsten Transfeld Foto: Öhmi/Viktoria Kühne Zur Person und zum Unternehmen Carsten Transfeld, Jahrgang 1978, studierte nach einjährigem US-Aufenthalt Jura und Wirtschaftswissenschaften in Bayreuth. Fünf Jahre arbeitete der gebürtige Magdeburger als Anwalt für Gesellschafts- und Insolvenzrecht in Berlin. 2013 übernahm er von seinem Vater die Führung der ÖHMI AG und lebt seitdem wieder in seiner Heimatstadt.Das Kürzel ÖHMI geht zurück auf das 1950 gegründete Zentrallabor der damaligen Öl-, Hefe- und Margarine-Industrie in der DDR. Peter Transfeld hat das Unternehmen 1992 von der Treuhandanstalt übernommen. Heute sind die wichtigsten Geschäftsfelder Laborprüfungen, Zertifizierungen und Gebäudedienstleistungen für Kunden in Lebensmittelproduktion, Einzelhandel, Wohnungswirtschaft, Gesundheitswirtschaft und Industrie im gesamten Bundesgebiet.ÖHMI wuchs unter Carsten Transfeld von 50 auf 250 Mitarbeitende und 20,5 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr. Transfeld ist einer der Vizepräsidenten der Industrie- und Handelskammer Magdeburg.Wahrscheinlicher ist eine monatelange Hängepartie – mit Verhandlungen als Theater und einer Neuwahl als Ziel. In der AfD hoffen viele, dann sogar über 50 Prozent der Stimmen einsammeln zu können.Ich hoffe, dass es so nicht kommt.Vor der Wahl haben Sie die Sorge geäußert, die Bundesregierung und der Rest der Republik könnten Sachsen-Anhalt im Falle eines AfD-Erfolgs bei Geldzuweisungen und politischer Teilhabe benachteiligen, um den Wählern vorzuführen, wie ein Land unter AfD-Dominanz unregierbar wird. Kleiner geworden ist diese Sorge nicht. Aber auch nicht größer. Die Bundespolitik darf Sachsen-Anhalt auf keinen Fall in dieser Weise zum Spielball machen. Und es darf auch zu keiner Ausgrenzung von Sachsen-Anhalt auf Bundesebene kommen. Der Weg aus dieser schwierigen Situation beginnt damit, den Menschen zuzuhören, Ängste zu nehmen und Gestaltungsideen ernst zu nehmen.Wird nicht umgekehrt Sachsen-Anhalt erst einmal die ganze Republik vorführen? In drei Wochen übernimmt es am 1. Oktober turnusgemäß den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz für ein Jahr. Eine perfekte Bühne für Ulrich Siegmund als Chef des gesichert rechtsextremen AfD‑Landesverbandes – sofern er sich zur Wahl stellt und Ministerpräsident wird. Als Unternehmer, Bürger und IHK-Vizepräsident kann ich nur sagen: Die Wählerinnen und Wähler haben ihre politische Entscheidung getroffen. Das ist Demokratie.Aber Sie hadern doch vermutlich damit. Vor zwei Wochen haben Sie mit Blick auf die nun noch übertroffenen Umfrageergebnisse rhetorisch gefragt, wie es in Deutschland so weit kommen konnte, keine 100 Jahre nach dem Aufstieg von Totalitarismus und Kollektivismus.Diese Frage stelle ich mir auch weiterhin und ich wünsche mir, dass sich das jeder fragt.Ihr IHK-Appell für mehr Stabilität lässt sich auch anders deuten: So als gehe der Wunsch nach mehr Pragmatismus so weit, dass der Wirtschaft eine handlungsfähige AfD-Regierung, die zum Beispiel Zuwanderung stoppt und den MDR abschafft, lieber ist als eine politische Hängepartie.So ist das nicht gemeint. Dieser Schluss wäre eine Fehlinterpretation.Warum beziehen Sie als IHK dann nicht auch inhaltlich deutlich Stellung – zum Beispiel für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Oder für Zuwanderung und Integration, weil zunehmender Fachkräftemangel wirtschaftliches Wachstum sonst verhindert?Das tun wir. Ich selber etwa mit meinem Engagement für ein weltoffenes Magdeburg. Als Unternehmer stelle ich natürlich Menschen mit Migrationsgeschichte ein. Derzeit sind es circa zehn Prozent in meinem Unternehmen. Der Anteil wird weiter zunehmen, wenn wir wie geplant beim Umsatz um vier bis acht Prozent wachsen wollen. Wichtig ist mir: Wir brauchen Zuwanderer nicht als günstige Arbeitskräfte, sondern aufgrund ihrer Kompetenzen. Im Wertekompass der IHK Magdeburg, deren Vizepräsident ich bin, steht: Wir achten die Menschenwürde und die unteilbaren Menschenrechte. Wir setzen uns entschieden gegen jede Form von Rassismus, Antisemitismus, Ausgrenzung und Hass ein.Landtagswahl Sachsen-Anhalt Die AfD gewinnt in der Mitte der Gesellschaft Zur Wahl in Sachsen-Anhalt trauten die Menschen der rechtsextremen Partei bei Wirtschaft, Sozialem und Bildung am meisten zu – mehr als CDU und SPD. von Cordula TuttUnd wer liest das? Bei den Themenfeldern Wirtschaft, Arbeitsplätze und Energieversorger nennen die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt die AfD jeweils als kompetenteste Partei – mit teilweise deutlichem Vorsprung vor der CDU. Muss die Wirtschaft näher ran an die Menschen?Als Wirtschaft übernehmen wir täglich Verantwortung, indem wir Vorreiter sind, handeln und vorleben. Die Politik muss endlich wieder herauskommen aus der spaltenden Politisierung und den Kulturkämpfen. Es ist Aufgabe der Politik, zuzuhören, zu werben, zu überzeugen, einzubinden und zu integrieren. Wir müssen aktiv daran arbeiten, Deutschland insgesamt wieder wettbewerbsfähig zu machen und Freiheitsspielräume zu vergrößern und zu schaffen.Das heißt?Hier in Magdeburg arbeiten bulgarische und andere osteuropäische Ärzte, die überlegen, das Land zu verlassen. Auslöser für ihre Überlegungen ist nicht die AfD, sondern dass in anderen Ländern keine 50 Prozent Steuern und Sozialabgaben vom Einkommen abgezogen werden. Die Belastungen hierzulande sind erdrückend. Wenn wir die Menschen davon befreien, wenn sich die wirtschaftliche Lage verbessert und möglichst viele Menschen von dieser Verbesserung profitieren, kommen wir auch raus aus der gesellschaftlichen Spaltung und politischen Sprachlosigkeit. Um das zu schaffen, fehlt derzeit leider ein Initiator wie der frühere Bundespräsident Roman Herzog, der den Weg für Gerhard Schröders Agenda 2010 erst frei gemacht hat.Es muss wieder ein Ruck durch Deutschland gehen?Vielleicht wirkt das Wahlergebnis von gestern Abend wie ein Weckruf dazu. Ja, es muss wieder ein Ruck durch Deutschland gehen.
Landtagswahl Sachsen-Anhalt: Unternehmer Transfeld warnt vor politischer Ausgrenzung
Der Magdeburger Unternehmer und IHK-Vize Carsten Transfeld fürchtet eine politische Hängepartie – und warnt davor, Sachsen-Anhalt abzustrafen.
















