Er kann einen Raum auch dominieren, wenn er gar nicht da ist. Halle, Anfang vergangener Woche: Die Industrie- und Handelskammer hat die Spitzenkandidaten zur Landtagswahl in einen Hörsaal zur Diskussion geladen. Der amtierende CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Sven Schulze, ist gekommen, ebenso die Konkurrenz. Nur einer fehlt: Ulrich Siegmund, der Kopf der AfD, der populärste Wahlkämpfer. Ausgerechnet.Warum er den Unternehmern an diesem Abend die kalte Schulter zeigt, sorgt für Spekulationen. Vielleicht meine die AfD-Spitze, es sei klüger, kritische Nachfragen zu ignorieren? Vielleicht sei sich Siegmund auch einfach sicher, dass er viele Chefs und Geschäftsführer ohnehin auf seiner Seite hat? Es sind jedenfalls Unternehmer im Raum, die bekennen, „blau“ wählen zu wollen.Nicht nur sie. Wo Ulrich Siegmund, 35, ehemals Firmeninhaber für Raumbeduftung, geboren in Havelberg, dann doch erscheint, strömen ihm die Menschen zu. So wie am Mittwoch vergangener Woche in Dessau: Siegmund winkt, strahlt, signiert lächelnd „Spiegel“-Exemplare. Das Magazin hat ihn als „gefährlichsten Mann Deutschlands“ betitelt. Jetzt sind die Ausgaben seine neuen Autogrammkarten. Anhänger stehen für Selfies mit ihm an, skandieren „Ost-, Ost-, Ostdeutschland“.Landtagswahlen im Osten „Wer die AfD heute wählt, weiß genau, wofür er sich entscheidet“ Der Politologe Benjamin Höhne analysiert die Gründe für den Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt, was die Partei konkret verändern könnte – und warum sie mittlerweile auch im Mittelstand ankommt. von Max HaerderDie Fassade schillertEs ist ein perfekt inszenierter und choreografierter Wahlkampf, den Siegmund da führt. Der Pastellbraune, strahlend blau. Die Landespartei hinter dem Postergesicht ist gesichert rechtsextrem. In Siegmunds Umfeld tummeln sich ehemalige Mitglieder der inzwischen verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend. Viele Menschen stehen trotzdem auf Siegmund. Und gerade deshalb. Auf TikTok folgen ihm 800.000 Nutzer, auf Instagram mehr als 580.000. Die Zahlen zeigen, wie professionell die AfD Politik vermarktet.Wahrscheinlich braucht Siegmund die klassischen Bühnen wie bei der IHK tatsächlich nicht mehr, er schafft seine eigenen, analog wie digital: Bürgerfeste, Nostalgiefahrten mit Mopeds der DDR-Marke Simson, Podcasts. „Wir sind nicht rechtsextrem“, sagt er in einem dieser Podcasts mit Millionenreichweite: „Wir sind extrem im Recht.“WiWo History Von den Nazis enteignet, von der AfD gefeiert Simson produzierte Waffen für die Wehrmacht. Heute ist das Unternehmen vor allem für seine DDR‑Motorroller berühmt – zum Leidwesen der Familie Simson. von Leonard Frick„45 plus X“, ruft Siegmund seinen Anhängern bei Auftritten wie in Dessau entgegen. Darum gehe es. Absolute Mehrheit. Triumphzug. Die erste AfD-Regierung in einem deutschen Bundesland.E-Autos aus Deutschland Das Märchen der AfD über die Elektromobilität Neue Daten zeigen: E-Autos retten gerade die deutsche Autoindustrie – während die AfD unverdrossen ihre Verbrenner-Märchen verbreitet. Ein Kommentar. Kommentar von Martin SeiwertDie WirtschaftsWoche wollte mit Siegmund über seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen und Pläne sprechen. Eine Anfrage blieb unbeantwortet. Dafür reden andere. Unternehmer. Mittelständler. Viele warnen. Manche schweigen. Und ja – einige hoffen.Lasst sie doch mal machen!In der Nähe von Halle, ein Industriegebiet. Ein mittelständischer Chemieunternehmer will erklären, warum er die AfD für die richtige Alternative hält. Er beschäftigt rund 150 Mitarbeiter. Seinen Namen will er nicht veröffentlicht sehen, er fürchtet um Kunden. Aber er teilt den Blick der AfD auf die Welt. Migration, Energiepolitik. „Der Realitätssinn bei der AfD scheint mir geschärfter zu sein als bei den Altparteien“, sagt er.Dass man Ulrich Siegmund vorwerfe, nicht erklären zu können, wie er die wirtschaftlichen Probleme des Landes lösen wolle, sei „unanständig“. Die, und damit meint er vor allem die CDU, seien doch in Sachsen-Anhalt über Jahrzehnte an der Macht gewesen und hätten zu wenig bewirkt: „Schlechter, als es jetzt ist, kann es nicht werden.“ Es sei doch eine klassische Unternehmerhaltung, zuerst das Ziel festzulegen, um dann Wege zu finden. Auch durch Probieren. „Die sind pragmatisch. Die sind entschlossen. Nun lasst sie doch mal rennen.“Es ist eine Haltung, die man oft hört in diesen Tagen in Sachsen-Anhalt.Unionsvize Müller „Strom aus Kohle würde die Energiepreise senken“ Unionsfraktionsvize Sepp Müller spricht im Interview über Kohlestrom als Ausweg aus der Gasknappheit und den Erfolg der AfD in Ostdeutschland. von Cordula TuttDas Urteil von Ökonomen fällt harsch aus. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) hat das Wahlprogramm der AfD taxiert und eine Finanzierungslücke von rund 2,2 Milliarden Euro im Jahr festgestellt. Prädikat unseriös. IWH-Präsident Reint Gropp geht noch weiter: Das Wirtschaftswachstum in Sachsen-Anhalt könnte unter einer AfD-Regierung um etwa ein halbes bis ein Prozent pro Jahr sinken.Doch in viele Unternehmen ist Fatalismus eingezogen. Motto: Schlimmer als jetzt, mit der CDU-geführten Regierung, könne es kaum werden. Deshalb sei es den Versuch wert, das Risiko AfD einzugehen. Die Sehnsucht nach einer vermeintlich befreienden Kettensägenpolitik à la Javier Milei in Argentinien oder Donald Trump in den USA scheint in vielen Unternehmen größer zu sein als die Furcht vor den Folgen einer AfD-Wirtschaftspolitik.
AfD-Wirtschaftsprogramm: Was Unternehmer in Sachsen-Anhalt hoffen
Die AfD steht in Sachsen-Anhalt vor einem Triumph. Auch weil einige Unternehmer der etablierten Konkurrenz überhaupt nichts mehr zutrauen.















