In dieser Woche werden sich viele Augen in Deutschland auf Sachsen-Anhalt richten. Am 6. September sind dort 1,7 Millionen Menschen aufgerufen, einen neuen Landtag zu wählen. Umfragen zufolge kann die AfD ein Rekord-Ergebnis einfahren, womöglich an der absoluten Mehrheit kratzen, in einem extremen Szenario sogar künftig den Ministerpräsidenten stellen.Selten war eine Landtagswahl derart bundespolitisch aufgeladen wie diese. Die AfD versteht es, aus multiplen Krisen und Defiziten politisch Kapital zu schlagen. Russlands Krieg gegen die Ukraine, die damit verbundenen Folgen, die nur langsam wachsende Wirtschaft, Integrationsprobleme – immer suggeriert die AfD, es gäbe einfache Antworten auf große Probleme und Umbrüche. Sie beschwört ein wirtschaftlich, sozial und innenpolitisch stabiles Gestern, das es so oder so ähnlich niemals gab. Will sie ausgerechnet zurück in die Ära der von ihr verhassten Angela Merkel? In die rot-grünen Jahre mit zeitweise mehr als 20 Prozent Arbeitslosigkeit in Sachsen-Anhalt? In die DDR? Oder gar in noch düstere Zeiten?Immer öfter ist das Argument zu hören, die AfD müsse nur einmal regieren, etwa mit Ulrich Siegmund den Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt stellen, um sich sogleich zu „entzaubern“. Die „Brandmauer“ sei der Mutterboden, auf dem die AfD gedeihe, heißt es zuweilen sogar in der politischen Mitte. Beide Thesen sind kühn, ja naiv. Es steht zu befürchten, dass sich eine AfD an der Macht in Magdeburg mitnichten bundesweit entzauberte. In Sachsen-Anhalt leben nur zwei Millionen der rund 83 Millionen Menschen in Deutschland.Vor allem aber spielt die AfD nicht nach den eingeübten politischen Regeln. Ihr Wesensmerkmal ist die Suche nach Sündenböcken. Liefe etwas in einem von ihr regierten Land nicht nach Wunsch, gäbe es immer Schuldige: Deutschland, die EU, „die Medien“, die „Altparteien“, im Zweifel Friedrich Merz oder gar Angela Merkel. Eine sich selbst prüfende, selbstkritische Haltung ist der AfD fremd. Eine Brandmauer wiederum dient dazu, die Ausbreitung eines Brandes zu vermeiden. Wieso sollte ausgerechnet die CDU, deren Vernichtung die AfD offen propagiert, sie an die Macht führen? Nein, kein Demokrat kann die gesichert rechtsextreme und weithin völkische AfD in Sachsen-Anhalt guten Gewissens in Staatskanzlei und Ministerien lotsen.Die AfD verweigert sich, wie ihr politisches Vorbild Donald Trump, den eingeübten demokratischen Verfahren von Konsensfindung und Kompromissen. Längst agiert die Partei nach dem Drehbuch des US‑Präsidenten. So baut sie bereits für den Fall vor, dass es am 6. September nicht für Siegmunds Wahlziel „Alleinregierung, 45 Prozent plus x“ reichen sollte. Parteichef Tino Chrupalla sät Zweifel an der Briefwahl. „ZDF bezahlt negative Umfrage“, raunt Beatrix von Storch. Da fehlt nur noch, dass Siegmund à la Trump verkündet, er werde das Ergebnis nur bei einem Wahlsieg akzeptieren.Auf Basis der jüngsten Umfragen liegt eine von der CDU geführte Minderheitsregierung der politischen Mitte nahe. Mancher wäre erleichtert, käme es zu einer solchen Koalition, etwa aus CDU, SPD und Grünen, toleriert von der Linken. Doch natürlich wäre ein solches Experiment ebenfalls hochriskant. Schon jetzt wirken die Parteien der Mitte ausgesprochen schwach, verunsichert, orientierungslos. CDU, SPD, Grüne und die sozialdemokratischen Linken in Sachsen‑Anhalt stünden einer AfD gegenüber, die Tag und Nacht das Schmählied einer illegitimen „Altparteien“-Regierung singen würde. Dass unter diesen Umständen in Magdeburg stabil regiert werden kann – man kann es hoffen, aber kaum glauben.Was aber ist jetzt zu tun? „Für diese Demokratie kämpfen“, empfahl am Wochenende Altkanzlerin Angela Merkel (CDU), in der manche wegen ihrer Flüchtlingspolitik 2015 die unfreiwillige Geburtshelferin der AfD sehen. Was aber bedeutet es, für die Demokratie zu kämpfen? Es gibt nicht die eine Maßnahme, das Geheimrezept, um die AfD wieder zu schrumpfen. Radikal rechte Parteien finden sich in weiten Teilen Europas. Ausgerechnet aber die deutsche AfD ist weit völkischer und gefährlicher als etwa Frankreichs Rassemblement National oder Polens PiS.Umso mehr sollte die politische Mitte in einen Dialog treten mit den noch erreichbaren, noch nicht radikalisierten AfD-Anhängern, wohlwollend und in der Sache nüchtern. Der Widerspruch zu völkischen Thesen bleibt selbstverständlich Bürgerpflicht. Die schwarz-rote Koalition möge bitte ihrer eigentlichen Aufgabe nachkommen, nämlich zu entscheiden, zu regieren. Dabei müssen Union und SPD ihre schwierigen Entscheidungen geduldig erklären, ohne den Bürgern nach dem Mund zu reden. Das alles erfordert genau das, was derzeit viele Bürger bei Kanzler und Ministern vermissen: mehr Empathie, mehr Mut, Entschlossenheit und Klarheit, in einem Wort: Führung.