Nein, die FDP spielt im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt derzeit keine große Rolle. Im Gegenteil. Sie muss sogar um den Einzug in den Landtag bangen. Laut aktueller Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der ARD liegt sie bei drei Prozent. Aber immerhin plakatiert die Partei eine für jede künftige Regierung in Magdeburg wichtige Anforderung: „Wirtschaft muss man können.“Ob nun bewusst oder unabsichtlich – die Liberalen spielen auf die große Unbekannte an. Zwar hat die AfD mit Ulrich Siegmund einen lächelnden und offenbar populären Spitzenkandidaten. Bei Infratest dimap liegt die Partei bei 42 Prozent. Eine absolute Mehrheit scheint zumindest möglich.Aber könnten Siegmund und die AfD Wirtschaft? Noch dazu in einem Bundesland, das in vielen Statistiken – etwa beim Wohlstand pro Kopf – Schlusslicht Deutschlands ist? Im selbstbewussten AfD-Regierungsprogramm kommt Wirtschaftspolitik allenfalls am Rande vor. Was also erhoffen sich manche Unternehmer von der Partei? Und wovor fürchten sie sich andere, wenn dieser vom Verfassungsschutz „gesichert rechtsextrem“ eingestufte Landesverband in Magdeburg die Macht übernehmen sollte?Wahl in Sachsen-Anhalt Kann die AfD allein regieren? So sehen die Umfragen vor der Wahl aus Was hat die AfD vor?Die Kurzantwort lautet: Ob die Partei es wirklich kann, ist ungewiss. Noch hat sie in keinem Bundesland regiert. Aber ihre Vorstellungen wecken Zweifel. In Sachsen-Anhalt, das im besonderen Maß auf den Zuzug von Fachkräften angewiesen ist, will die Partei zwar kleine und mittelständische Unternehmen „in den Mittelpunkt stellen“. Gleichzeitig will sie jedoch auf „kulturfremde Fachkräfte“ verzichten, was auch immer „kulturfremd“ genau bedeuten mag.Zudem soll Energie günstiger werden, am besten auch mit einem baldigen Rückgriff auf russisches Gas, gerne geliefert über eine reparierte Nordstream-Pipeline. Und bei den erneuerbaren Energien will die AfD laut ihrem „Regierungsprogramm“ eine „Kehrtwende um 180 Grad“ vollziehen. Baugenehmigungen für neue Windräder will sie nicht mehr erteilen, Solarparks auf Äckern verbieten und dem CO₂‑Preis sowie dem EU‑Emissionshandel ein Ende setzen.Den Staat will die Partei schlanker machen, indem sie mindestens ein Ministerium und Beamtenstellen streicht. Das Chemiedreieck Leuna, Schkopau, Bitterfeld-Wolfen will sie dagegen als Sonderwirtschaftszone ausweisen.Sehnsucht nach Milei und TrumpWas das an Wachstum bringt? Die Skepsis unter Ökonomen ist groß. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) hat zudem ein „AfD-Paradox“ ausgemacht. Ausgerechnet jene Wählergruppen unterstützen die AfD, die am meisten leiden würden, falls die Vorhaben auch umgesetzt werden. Die Kammern von Handwerk, Industrie und Handel äußern vor allem an der geplanten Zuwanderungspolitik erhebliche Zweifel.Wahl in Sachsen-Anhalt Was passiert, wenn die AfD gewinnt Kein Landesgeld mehr, wenn die „nationale Verwurzelung“ fehlt? Welche Pläne eine AfD-Alleinregierung zügig umsetzen könnte – und welche nicht. von Max HaerderGleichzeitig scheint bei vielen Unternehmern jedoch ein bemerkenswerter Fatalismus eingesetzt zu haben. Motto: Schlimmer als mit der derzeitigen, CDU-geführten Regierung könne es kaum werden. Die Bürokratie. Die Arbeitskosten. Vor allem die CDU habe zugelassen, dass das alles die Wirtschaft abwürge. Deshalb sei es doch den Versuch wert, das Risiko AfD einzugehen. Die Sehnsucht nach einer vermeintlichen Kettensägenpolitik, wie Javier Milei sie in Argentinien propagiert oder Donald Trump in den USA, scheint in vielen Unternehmen größer zu sein als die Furcht vor den Folgen einer AfD-Wirtschaftspolitik.Alle da, nur Siegmund nichtHalle, Anfang vergangener Woche. Die Industrie- und Handelskammer hat die Spitzenkandidaten aller Parteien in einen Hörsaal des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien zur Diskussion geladen. Der amtierende Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze ist da, die Spitzenkandidaten der anderen Parteien. Nur einer fehlt: Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD. Ausgerechnet. Und auch sein Ersatzmann Hans-Thomas Tillschneider, Fraktionsvize in Magdeburg, hat in letzter Minute abgesagt. Gekommen ist nur der wirtschaftspolitische Sprecher der AfD-Fraktion, „dritte Reihe“, wie ein Unternehmer enttäuscht sagt.Warum die AfD den Unternehmern an dem Abend die kalte Schulter zeigt, ist später Anlass für viele Spekulationen. Vielleicht ist sich die AfD sicher, dass sie viele der Chefs und Geschäftsführer ohnehin auf ihrer Seite hat. Es sind Unternehmer hier, die sich dazu bekennen, „blau“ wählen zu wollen, die AfD. Vielleicht ist es aber auch so, dass die AfD-Spitze glaubt, es sich leisten zu können, kritisches Kleinklein schlicht zu ignorieren. Läuft doch, auch ohne, dass man spitzfindige Wirtschaftsfragen beantworten müsste.Gerade erst hat der „Spiegel“ Siegmund als „gefährlichsten Mann Deutschlands“ bezeichnet. Der AfD-Spitzenkandidat hat das selbstbewusst und offensiv als Auszeichnung verkauft. Botschaft: Das tropft an mir ab.Ein perfekt inszenierter WahlkampfEs ist ein perfekt inszenierter Instagram- und TikTok-Wahlkampf, den Siegmund führt. Auf TikTok hat er mehr als 800.000 Follower, auf Instagram mehr als 580.000. Es sind Größenordnungen, von denen andere Politiker träumen. Zum Vergleich: Auf Tiktok hat Sven Schulze gerade mal etwas über 3500 Follower, auf Instagram etwas über 11.500 Follower. Die Zahlen zeigen vor allem, wie professionell die AfD ihr Polit-Marketing auf den sozialen Medien betreibt.Plakate, klassische Werbung, setzt sie dabei offenbar sehr dosiert ein. In den Innenstädten von Magdeburg oder Halle sind kaum welche von der AfD zu sehen, eher auf Ausfallstraßen.Wahlplakate in Halle: Gerade in den größeren Städten in Sachsen-Anhalt plakatieren die anderen Parteien oft groß, aber AfD-Plakate fehlen. Foto: IMAGO/dts NachrichtenagenturKurz nach Erscheinen des „Spiegel“-Berichts hat Siegmund zudem fast vier Stunden lang mit dem Podcaster und Youtuber Ben Berndt gesprochen, der zuvor auch schon dem Thüringer AfD-Fraktionschef Björn Höcke ein Forum geboten hatte. Lächelnd, sympathisch, scheinbar offen für jede Frage, zeigte sich Siegmund. Binnen zwei Tagen erreichte das Gespräch mehr als 2,5 Millionen Zugriffe auf YouTube, mittlerweile hat das Video mehr als sechs Millionen Aufrufe. Demonstrative Volksnähe vor Ort, plus über soziale und „alternative“ Medien eine beachtliche Reichweite tief in die eigene Klientel hinein, möglicherweise darüber hinaus. So mobilisieren Siegmund und die AfD derzeit, mit beachtlicher Effektivität: „45 plus X“, ruft er seinen Anhängern am Stand in Dessau entgegen. Darum gehe es. Alleinregierung. Absolute Mehrheit.Bei Thomas Brockmeier ist der Unmut dennoch groß. Brockmeier ist Hauptgeschäftsführer der IHK Halle-Dessau. Er hat die Diskussion mit den Spitzenkandidaten moderiert. „TikTok-Botschaften mögen ihre Berechtigung haben“, sagt er, „interessieren mich im Hinblick auf die Wirtschaftspolitik aber nicht. Denn ich möchte – im Interesse und im Dienste unserer Mitgliedsunternehmen – in einer sachbezogenen und solide geführten wirtschaftspolitischen Debatte nachfassen können. Wenn das Spitzenpersonal einer Partei fehlt, wird das schwer.“Es sei doch so: In „einigen Bereichen der Wirtschaftspolitik“ unterscheide sich die AfD-Position nicht einmal groß von den Positionen der IHK. Aber dort, wo es Differenzen gibt, soll das heißen, ist der Redebedarf eben besonders groß.Eine Lücke von 10.000 Arbeitskräften pro JahrDie Wirtschaft in Sachsen-Anhalt hat schon lange zu kämpfen. Das Bruttoinlandsprodukt lag 2025 bei 81,8 Milliarden Euro, das entspricht gerade mal 1,8 Prozent der deutschen Gesamtleistung. Die Arbeitslosenquote dagegen erreicht etwa 8 Prozent, einen der höchsten Werte der deutschen Flächenländer. Rund 69.000 Firmen gibt es im Land, viele davon klein und mittelständisch.Zu den größten Arbeitgebern gehören neben der Deutschen Bahn und dem Logistikkonzern DHL, die Gesundheits- und Sozialunternehmen Salus Altmark und Ameos, der Drogeriehändler Rossmann, aber auch der Sektproduzent Rotkäppchen.