Wernigerode, Merseburg, Halle (Saale), Zorbau, Berlin. Es läuft nicht nach Plan für Sven Schulze. An diesem Montagabend in Wernigerode ist das ausnahmsweise eine gute Nachricht für den CDU-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt. Eigentlich sollte er um 18 Uhr im Saal des „Harzer Kultur- und Kongresshotels“ auf der Bühne stehen, zusammen mit CSU-Chef Markus Söder, der seinen Unionskollegen unterstützen will. Doch der Auftritt verzögert sich um eine halbe Stunde. Der Grund: großer Andrang. „So voll? Wohl eine AfD‑Veranstaltung“, spöttelt jemand in der Schar der CDU-Anhänger.Die Marktplätze und Säle füllt in diesem Wahlkampf AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, den seine Anhänger bei vielen Auftritten wie einen Messias feiern. CDU-Kandidat Schulze tut sich hingegen schwer. Voll wird es bei den Veranstaltungen des Ministerpräsidenten, wenn er Prominenz mitbringt – ob den Kabarettisten Dieter Hallervorden oder eben seinen bayerischen Amtskollegen. Schulze rackert sich ab, kann aber bisher weder Stimmung noch Umfragen drehen.Die Wahl in Sachsen-Anhalt könnte damit gleich mehrfach zur Zäsur werden. Erstmals könnte eine vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei ein Bundesland regieren. Mit absoluter Mehrheit könnte die AfD den Ministerpräsidenten wählen, sämtliche Ministerien übernehmen, den Haushalt beschließen und Gesetze ohne Koalitionspartner durchsetzen.Sachsen-Anhalt würde zum politischen Versuchslabor.Es entscheidet sich in diesem ostdeutschen Bundesland mit nur 1,7 Millionen Wahlberechtigten aber auch das Schicksal der CDU, wenn nicht gleich der ganzen Bundesregierung. Die wenigsten in Berlin glauben, dass Friedrich Merz unbeschadet weiterregieren kann, wenn Schulze verliert und Siegmund Regierungschef werden sollte.Selbst bei der betont harmonischen Kabinettsklausur in Schloss Neuhardenberg war die Lage in Sachsen-Anhalt als nervöses Dauerrauschen immer dabei, beim Mittagessen ebenso wie beim abendlichen Grillen, wie Teilnehmer berichteten. Und mit der Wahl Anfang September ist es ja nicht getan: Zwei Wochen später finden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin statt, da sieht es für die Union tendenziell noch schlechter aus.Noch klammern sich Union und SPD daran, dass es so schlimm schon nicht kommen wird, dass es sich noch zu kämpfen lohnt: gegen die AfD vor allem, aber mittlerweile auch gegen die Zeit. Dass Schulze, auch wenn er die Mehrheit wohl nicht mehr holt, am Ende doch regiert. Nur: mit wem? Bleibt es beim Nein zur AfD – oder kippt die „Brandmauer“? Und was hätte das für Folgen für die Partei?1. Die AfD feiert schon den MachtwechselFür Siegmund ist die Sache bereits klar: Er will mit seiner Partei nicht einfach stärkste Kraft werden. Der 35 Jahre alte AfD-Spitzenkandidat will regieren und Sachsen-Anhalt grundlegend verändern. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt Siegmund im TV-Duell gegen Schulze am Mittwochabend. Die AfD werde bei der Wahl „Geschichte schreiben, so oder so“.Egal, wo Siegmund dieser Tage auftaucht, die Menschen scharen sich um ihn. So auch beim AfD-Familienfest in Merseburg am vergangenen Wochenende: Aus den Lautsprechern schallt Tina Turners „Simply the best“, es gibt Frischgezapftes, für Kinder eine Drachen-Hüpfburg und Luftballons.