Elf Tage vor der Wahl ist es auf keinen Fall zu früh, endlich richtig anzugreifen. Das hat nun auch Sven Schulze gemerkt, der bisher aussichtslos gegen die AfD zurückliegende Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt.Der CDU-Kandidat, der fast allein die bröselnde Brandmauer gegen die radikalen Rechtspopulisten (mit populistischen Rechtsradikalen in ihren Reihen) verteidigen soll, hat am Mittwochabend ein erstes Momentum in seinem bisher schleppenden Wahlkampf gefunden.Angesichts des Rückstands von 20 Prozentpunkten auf seinen Herausforderer Ulrich Siegmund (AfD) suchte Schulze im direkten TV-Duell in Magdeburg den Frontalangriff – und überraschte Siegmund, der sich wohl seiner immer noch möglichen absoluten Mehrheit schon etwas zu sicher zu sein scheint.Schulze, der Dinge detailliert, aber oft emotionslos erklären kann, zeigte erstmals Stärken als Wahlkämpfer: In präsidialer Art präsentierte er Fakten, aber bohrte auch immer wieder bei Siegmund nach, was diesen mehrfach und für alle sichtbar ins Schlingern brachte.Wie er den Ärztemangel ohne Zuwanderung bekämpfen wolle? Vage Antworten von Siegmund. Wie er den Lehrermangel bekämpfen wolle? Keine Antwort. Warum die AfD den Praktikumshilfen für Kinder und Jugendliche im Landtag nicht zugestimmt habe? Schulterzucken bei Siegmund. Wie er denn die Energiepreise senken wolle? Mit Diplomatie, so die Antwort. Als ob die von Magdeburg bis nach Moskau und Washington reichen würde. Kritische Nachfragen sind nicht Siegmunds Ding Das direkte TV-Duell war tatsächlich ein Punktsieg für den Amtsinhaber. Siegmund, der sich sonst auf seinen Veranstaltungen von Tausenden wie ein Volkstribun bejubeln und von rechten Streamern umgarnen lässt sowie auf TikTok Hunderttausende erreicht, musste im Fernsehstudio von Magdeburg erkennen: Die von ihm totgesagte CDU – ja, sie lebt noch. Und kritische Nachfragen sind auf jeden Fall nicht sein Ding; darum brach er wohl nach der Sendung auch ein Tagesspiegel-Interview ab.Andererseits sollte auch nicht unterschätzt werden: Siegmund hat bisher einen nahezu perfekt durchorchestrierten, emotionalisierenden Wahlkampf abgeliefert und auch im von ihm verteufelten öffentlich-rechtlichen Fernsehen keinen großen Fehler gemacht, der ihn den Wahlsieg noch kosten könnte. Wenige Prozentpunkte womöglich schon. Auf die allerdings kommt es in dem denkbar knappen Rennen um die Macht in Magdeburg an.Ja, auch das hat diese Debatte gezeigt: Am Ende entscheiden in Sachsen-Anhalt und generell in Ostdeutschland die kleinen Parteien über das große Ganze. Sollten, wie in der jüngsten Umfrage prognostiziert, SPD und Grüne in den Landtag in Magdeburg einziehen, reicht es wohl wahrscheinlich nicht für die absolute Mehrheit der AfD. Die Tolerierung einer von Schulze geführten Minderheitsregierung durch die Linke – in der CDU unbeliebt und nicht gewollt, in Sachsen und Thüringen aber längst gelebter Alltag – ist da schon eingepreist.Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Das TV-Duell in Magdeburg ließ auf jeden Fall nicht nur die totgesagte CDU wieder munter werden. Ähnlich angriffslustig gab sich auch Susan Sziborra-Seidlitz als Vertreterin der im Osten schon lebendig begrabenen und in rechten, zuweilen auch in konservativen Milieus verhassten Grünen. Sie könnten nun in Magdeburg das entscheidende Zünglein an der fragilen Wahl-Waage werden.Ihr Gewicht in die andere Waagschale wirft dagegen das BSW, das sich inzwischen offen der AfD als Steigbügelhalter andient, was die allerdings gar nicht will. Keine Überraschung angesichts des Fernsehduells, in dem sich BSW-Spitzenkandidat Thomas Schulze als politisches Fliegengewicht entpuppte. Die AfD wirkt wie die einzige Opposition Auf jeden Fall bleibt die Wahl in Sachsen-Anhalt spannend bis zum letzten ausgezählten Prozentpunkt hinter dem Komma. Die Frage, ob die gerade in Ostdeutschland vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestufte AfD erstmals nach der Macht greifen kann und damit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in die nächste, dann womöglich amtsbedrohende Krise stürzt, dürfte sich in den nächsten elf Tagen an Kleinigkeiten entscheiden.Ein großer Eindruck aber bleibt: Die AfD steht fest und mobilisiert stark gegen alle anderen Parteien. So wirkt sie wie die einzige Opposition gegen das langsame, zuweilen disparat wirkende demokratische System, quasi als eine Alternative.Genau diese Erzählung, genau dieses übergreifende Momentum wird sie weiterhin strukturell stärken. Auch wenn sie die absolute Mehrheit in Sachsen-Anhalt nicht gewinnen sollte. Auch wenn sie das Fernsehduell in Magdeburg eher verloren hat.Weitere Hintergründe zu Ostdeutschland erfahren Sie im neuen Tagesspiegel-Podcast „Im Osten – Wo Deutschland sich entscheidet“. Thema der aktuellen Folge ist die Zerreißprobe der CDU zwischen links und rechts. Jetzt überall, wo es Podcasts gibt – und hier.