Mitten im Auge eines stürmischen Wahlkampfs wird es einsam. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU), der die erste AfD-Regierung verhindern soll, steht ziemlich allein im Gegenwind. Dabei ringt er nicht nur mit der Bundesregierung im fernen Berlin, deren Streitereien die Menschen obersatt haben. Inzwischen ist das schwierigste Terrain seine eigene Partei. Die CDU generell im Osten und besonders in Sachsen-Anhalt steht vor einer inneren Zerreißprobe zwischen links und rechts. Und droht dabei, ihre Mitte zu verlieren.Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Schulze, der neben dem die Umfragen weit anführenden AfD-Posterboy Ulrich Siegmund zu technokratisch rüberkommt, muss an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen. Die Bundes-CDU ist nach dem erzwungenen Abgang von Fraktionschef Jens Spahn aufgewühlt, Gerüchte über einen Kanzlertausch könnten sich nach einem Desaster bei den Ost-Wahlen zu Kampagnen auswachsen. Mehr als ein Auftritt mit Bundeskanzler Friedrich Merz, mit dem Schulze vor ein paar Monaten noch rumkumpelte, ist im CDU-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt bisher nicht vorgesehen. Kleine Verschiebungen entscheiden das große Ganze Im Streit um die angekündigte Abschaffung einer abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren, angezettelt von der ebenfalls wahlkämpfenden Meck-Pomm-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), hat sich Schulze längst in die Widerstandsfront eingereiht. Den Menschen in harten Zeiten Verzicht bei ihrer Altersvorsorge zu predigen, würde ihn die letzten wackligen Stimmen kosten.Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Politisch dramatisch ist auch die Lage im Zwei-Millionen-Menschen-Land selbst. Angesichts des stabilen Umfragerückstands von fast 20 Prozentpunkten hat Schulze intern das letzte für ihn mögliche Ziel ausgegeben: eine AfD-Alleinregierung zu verhindern und mit allen anderen eine Quasi-Koalition gegen die als rechtsextrem eingestufte Partei zu bilden. Dabei muss Schulze auf den Einzug von mindestens zwei kleinen Parteien in den Landtag hoffen – doch SPD, Grüne und FDP könnten die Fünf-Prozent-Hürde auch knapp reißen. Auf der anderen Seite bietet sich das BSW offen der AfD als Stimmenbeschafferin an. Schon kleine Verschiebungen entscheiden über das große Ganze.Längst innerlich in Kauf genommen hat Schulze, sich von der Linken tolerieren lassen zu müssen. Das widerspricht zwar dem Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU, doch im Osten gilt der angesichts der zerklüfteten Parteienlandschaft faktisch nicht mehr. In Sachsen und nun auch in Thüringen müssen sich CDU-geführte Minderheitsregierungen längst von der Linken aushalten lassen. Auch das zerrt an der Seele der CDU.Machttechnisch wäre eine Tolerierung in Sachsen-Anhalt kein Problem, längst stimmen sich die Beteiligten bei Sachthemen ab. Bei seiner Wahl zum Ministerpräsidenten bekam Schulze heimlich Stimmen aus dem linken Lager zugesteckt. Schon damals hatte dies einen Hintergrund, der kurz vor der Wahl erneut aufscheint: die Angst vor CDU-Überläufern zur AfD.Die Milieus von CDU und AfD im Osten sind sich nicht unähnlich, zumindest ähnlicher als die von CDU und Linke.Tagesspiegel-Autor Robert IdeSeit Monaten halten sich hartnäckig Gerüchte, dass bei der entscheidenden Abstimmung einige CDU-Leute heimlich Siegmund die womöglich fehlenden Stimmen beschaffen. Manche unterstellen hier sogar Taktik, damit Siegmund ohne Mehrheit regieren müsste und scheitern würde. Doch bei einigen in der CDU dürfte es vielmehr Nähe sein. Zu sehen war das zuletzt, als der CDU-Lokalpolitiker Bernd Prange aus dem Stendaler Kreistag zur Wahl der AfD aufrief und 10.000 Euro für sie spendete. Zur Gesamtlage passen neue Berichte, dass es ebenso gut AfD-Überläufer zur CDU geben könnte.Die Milieus von CDU und AfD im Osten sind sich nicht unähnlich, zumindest ähnlicher als die von CDU und Linke. Viele frühere Unterstützerinnen und Sponsoren der Ost-CDU sind über die Jahre zur AfD gewechselt. Ein Stimmen-Vertriebler wie Ulrich Siegmund hätte früher womöglich bei der CDU Karriere gemacht; nun verkauft er eben rechte, nationale Parolen.Die Nähe im nationalkonservativen Milieu und der dort verbreitete Hass auf das angeblich „links-grün-versiffte“ Berlin werden befördert von der Abstiegsangst vieler Menschen in der Wirtschaftskrise und Kulturkämpfen ums Gendern, das richtige Essen oder die DDR‑Erinnerung. Viele CDU-Anhänger teilen den Eindruck, dass sich endlich etwas radikal ändern müsse in Deutschland.Die in der Bundespolitik stets beschworene Brandmauer bröckelt im Osten längst von innen, AfD und CDU stimmen nicht selten gemeinsam gegen lokale Umwelt- oder Demokratieprojekte. In vielen Gemeinden und Landkreisen, in denen die AfD mit 40 Prozent faktisch mitregiert, wird die Brandmauer nur noch als hohle Phrase aus der Großstadt wahrgenommen. Nun bröckelt sie in Sachsen-Anhalt erstmals in einem ganzen Bundesland.Sven Schulze stemmt sich dagegen. Und bleibt dabei ziemlich allein.