Andres Martinez Casares / EPADie Politik von Chinas Staatsgründer kostete Millionen Chinesinnen und Chinesen das Leben. Die Kommunistische Partei verordnete sich Schutzmechanismen gegen Alleinherrscher, doch Xi schafft sie ab.Sabine Gusbeth, Peking09.09.2026, 10.00 Uhr5 LeseminutenAm Mittwoch feiert die Kommunistische Partei Chinas den 50. Todestag des Staatsgründers Mao Zedong. Die Schattenseiten von Maos Herrschaft wurden bislang kaum aufgearbeitet. Die Schutzmechanismen, die sich die Partei verordnet hatte, um Gewaltexzesse wie während der Kulturrevolution zu vermeiden, wurden von Xi Jinping nach und nach ausgehöhlt. Er ist der mächtigste Herrscher in China seit Mao.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Umgang mit der Mao-Ära wird bis heute bestimmt durch die Resolution des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas zur Geschichte von Juni 1981: «Mao Zedongs Verdienste sind das Primäre, seine Fehler das Sekundäre. Insgesamt überwiegen seine Verdienste seine Fehler. Sieben Teile Verdienste, drei Teile Fehler.»Dennoch wurde in der Resolution Kritik am Personenkult um den «Grossen Steuermann» und an seiner willkürlichen Ein-Mann-Herrschaft geäussert. Als Lehre entschied die Parteispitze um Deng Xiaoping, die kollektive Führung zu stärken und die Machtkonzentration auf einzelne Personen zu verhindern.Xi ist der «Vorsitzende von allem»1982 wurde eine neue Verfassung verabschiedet, die eine Begrenzung von zwei Amtszeiten für staatliche Spitzenämter wie das des Präsidenten oder des Ministerpräsidenten festschrieb. Sie galt jedoch nicht für das Amt des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei und auch nicht für das des Vorsitzenden der Militärkommission. In der Partei etablierte sich jedoch eine informelle Altersgrenze von 68 Jahren.Unter den Parteiführern Jiang Zemin und Hu Jintao wurden diese Regeln institutionalisiert. Xi, der 2012 das Amt des Generalsekretärs antrat und 2013 Präsident wurde, brach mit der Tradition: 2018 liess er vom Nationalen Volkskongress, Chinas Scheinparlament, die Grenze von zwei Amtszeiten für den Staatspräsidenten ausser Kraft setzen. Zudem wurden «Xi Jinpings Ideen des Sozialismus chinesischer Prägung im neuen Zeitalter» in der Verfassung verankert.Zum 50. Todestag von Mao Zedong tragen Anhänger sein Porträt durch den Geburtsort des Parteigründers. Der Kult um den «Grossen Vorsitzenden» bleibt im heutigen China fest verankert.Andres Martinez Casares / EPARufe auf dem Mao-Platz in Shaoshan: Zum 50. Todestag am 9. September pilgern zahlreiche Menschen in Maos Heimatprovinz Hunan. Trotz der verheerenden Folgen seiner Herrschaft bleibt die Verehrung ungebrochen.Andres Martinez Casares / EPABeim Parteitag 2022 wurde kein offensichtlicher Nachfolger in den Ständigen Ausschuss des Politbüros aufgenommen. Für den Parteitag im kommenden Jahr zeichnet sich bislang ebenfalls kein möglicher Nachfolger Xis ab. Selbst an die informelle Altersgrenze hält sich der inzwischen 73-Jährige nicht.Zudem hat Xi unter seiner Ägide immer mehr Macht von staatlichen Institutionen zurück auf die Partei übertragen und damit deren Einfluss wieder gestärkt. Dazu schuf er zentrale Kommissionen innerhalb der Partei, etwa zur Aussenpolitik, zu Finanzen, Wirtschafts- und Reformpolitik, zum Rechtsstaat sowie zu Technologie und Wissenschaft. Den vormals zuständigen staatlichen Institutionen wie Ministerien wurden Kompetenzen entzogen.Die Partei entscheidet damit stärker über strategische Fragen, der Staat verwaltet und implementiert. Viele der Kommissionen leitet Xi persönlich. Deshalb wird er im Volksmund gern als «Vorsitzender von allem» bezeichnet. Damit schwächt er das Modell der «kollektiven Führung».Innerparteilicher Wettbewerb geschwächtBevor Xi an die Macht kam, gab es zudem einen stärkeren innerparteilichen Wettbewerb unter verschiedenen Fraktionen wie der Kommunistischen Jugendliga um Hu Jintao und der sogenannten Schanghai-Clique um Jiang Zemin. Xi hat konkurrierende Machtzentren in der Partei, die nicht seinem Netzwerk angehören, schrittweise geschwächt.Als sinnbildlich gilt, wie Xi Jinpings Vorgänger Hu Jintao beim Parteitag 2022 vor laufenden Kameras aus der Grossen Halle des Volkes geleitet wurde. Hus Protégés wurden damals im Zentralkomitee durch Gefolgsleute Xis ersetzt.Der frühere chinesische Staatschef Hu Jintao wird am Parteitag der Kommunistischen Partei im Oktober 2022 unerwartet aus dem Saal begleitet – unter den kühlen Blicken seines Nachfolgers Xi Jinping.Kevin Frayer / GettyAuch im Militär vereint Xi inzwischen alle Macht auf sich. Im Januar entmachtete er den bis dato ranghöchsten General Zhang Youxia sowie den Stabschef Liu Zhenli. Die Zeitung der Volksbefreiungsarmee schrieb damals, Zhang und Liu werde nicht nur politische und wirtschaftliche Korruption vorgeworfen. Sie sollen zudem das «Verantwortungssystem des Vorsitzenden der zentralen Militärkommission schwerwiegend mit Füssen getreten und untergraben» haben – also die Autorität von Oberbefehlshaber Xi Jinping.Im August wurden sie offiziell aus der Militärkommission entfernt. Damit sind von den einst sieben Mitgliedern nur noch zwei übrig, einer davon ist Xi selbst. Experten äusserten sich besorgt über die zunehmende Machtkonzentration. Er vereint in China so viel Macht auf sich wie zuletzt Mao.Grosser Sprung nach vorn endet in historischer HungersnotMao zählte 1921 zu den Mitbegründern der Kommunistischen Partei Chinas. Nach dem Sieg der Roten Armee über die Kuomintang-Partei – die damals die international anerkannte Zentralregierung Chinas stellte – im chinesischen Bürgerkrieg rief Mao am 1. Oktober 1949 vom Tor des Himmlischen Friedens am Tiananmenplatz in Peking aus die Gründung der Volksrepublik aus.Sein Versuch, China ab 1958 mit dem sogenannten «Grossen Sprung nach vorn» in ein wohlhabendes, einflussreiches Industrieland zu verwandeln, endete im Desaster. Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, aber auch die Abordnung vieler Bauern für Industrie- und Infrastrukturprojekte führten zu einem Engpass bei Nahrungsmitteln. In der grossen chinesischen Hungersnot, die als die tödlichste in der Geschichte gilt, starben nach Schätzungen 15 bis 55 Millionen Menschen.Eine Woge aus roten Büchern: Die Führung der Kommunistischen Partei um Mao Zedong blickt auf jubelnde Studenten. Die Radikalisierung der Jugend markierte den Auftakt zu jahrelanger gesellschaftlicher Zerrüttung.Gamma-Rapho / GettyLaienschauspieler führen in der Provinz Jiangsu ein Stück gegen den Konfuzianismus und politische Abweichler auf. Die Welle markierte eine der letzten grossen Massenkampagnen der Kulturrevolution unter Mao Zedong.Bettmann / GettyUm sich an der Macht zu halten, liess Mao ab 1966 in der sogenannten «Grossen Proletarischen Kulturrevolution» politische Gegner und Intellektuelle brutal durch seine Anhänger, die Roten Garden, aus dem Weg räumen. Allein im roten August von Peking 1966 sollen Tausende Menschen ermordet und Zehntausende vertrieben worden sein. Die Schätzungen, wie viele Menschen bei politischen Säuberungen in Maos Amtszeit starben, liegen je nach Quelle zwischen Hunderttausenden und 20 Millionen Toten. Unzählige Kulturschätze wurden vernichtet.Mao starb mit 82 Jahren. Sein einbalsamierter Leichnam ist im Mao-Mausoleum auf dem Tiananmen-Platz aufgebahrt, das jährlich mehr als sieben Millionen Besucher anzieht. Millionen Chinesen pilgern zudem jedes Jahr im Rahmen des «roten Tourismus» zu Maos Geburtsort Shaoshan in der zentralchinesischen Provinz Hunan und zu zentralen Stationen des sogenannten Langen Marschs von 1934 bis 1935, auf dem Mao seine Macht in der Kommunistischen Partei festigte.Das Ende der kollektiven Führung: Ein Souvenirladen in Peking stellt Xi Jinping auf eine Stufe mit Mao.Giulia Marchi / Bloomberg / GettyPassend zum Artikel