Lucerne Festival: Ein schöner Klang ist nicht allesDie Wiener Philharmoniker, das Freiburger Barockorchester und das Pittsburgh Symphony Orchestra wetteifern bei Konzerten im KKL Luzern. Dabei zeigt sich wieder einmal: Erst der richtige Stil macht die Sternstunde.09.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDas Freiburger Barockorchester unter der Leitung von Sir Simon Rattle mit der Geigerin Isabelle Faust als Solistin im Violinkonzert von Robert Schumann.Priska Ketterer / Lucerne FestivalIsabelle Faust geigt nicht, sie kämpft. Sie ringt um jeden Ton, mit fast bekenntnishafter Dringlichkeit. Elegant oder «schön» im herkömmlichen Sinn klingt das nicht, aber sehr wahrhaftig. Denn Faust ist in ihrem Element: Sie spielt das Violinkonzert von Robert Schumann – als eine von ganz wenigen weltweit hat die Geigerin das sperrige Werk seit Jahren in ihrem aktiven Repertoire. Und jede Aufführung wirkt absehbar wie ein Stachel im Fleisch der Veranstalter, die gern die erfolgssicheren Violinkonzerte von Beethoven, Brahms oder Mendelssohn auf die Programme setzen, das Problemstück von Schumann aber notorisch «übersehen».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Haute Culture: Ausgesuchte Hochkultur für klassische ErlebnisseDie Klassik- und Kultur-Highlights auf einen Blick dank Haute Culture: Von den grossen Klassikern der Orchestermusik über weltberühmte Opern und meisterhafte Ballettaufführungen. Buchen Sie jetzt Ihr nächstes Highlight.Hier gehts zum TicketportalIsabelle Faust will bei ihrem Auftritt im KKL nichts beschönigen: Das letzte grosse Orchesterwerk, das Schumann vor seiner Einweisung in eine Nervenheilanstalt abschloss, lässt sich schlicht nicht gefällig machen. Faust, die kühl-souveräne Rationalistin, wäre ohnehin die falsche Interpretin dafür. Ihre beeindruckend detailgenaue, in keiner Weise konziliante Lesart könnte sogar all jenen Argumente liefern, die in der wilden Komposition Vorzeichen von Schumanns geistigem Zusammenbruch hören wollen. Für andere, etwa den Schweizer Komponisten Heinz Holliger, ist das Violinkonzert dagegen ein visionärer, keineswegs dem Wahnsinn abgelauschter Blick ins Innerste der Seele. Wer recht hat? Man wird es nie wissen.UnterrepräsentiertMan muss es zum Glück aber auch nicht entscheiden. Gerade dieser Schwebezustand passt zu dem Konzert des Freiburger Barockorchesters (FBO), das in Luzern ausschliesslich Werke von Schumann im Gepäck hat. Darunter neben dem Violinkonzert und der «Genoveva»-Ouvertüre auch die 2. Sinfonie, die lange als Spiegel einer ersten grossen psychischen Krise des Komponisten missdeutet und entsprechend vernachlässigt worden ist. Bei der Aufführung durch das FBO entsteht ein besonderer Reiz durch die Wahl des Dirigenten: Es ist Simon Rattle, der sich seit langem von der Originalklang-Bewegung inspirieren lässt; hier bringt er zugleich seinen gestalterischen Weitblick aus der jahrzehntelangen Arbeit mit traditionellen Sinfonieorchestern ein.Der Dirigent Simon Rattle, ehedem Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und beim London Symphony Orchestra, arbeitet seit Jahren mit führenden Ensembles aus der Originalklang-Bewegung wie dem Freiburger Barockorchester zusammen.Priska Ketterer / Lucerne FestivalDie beglückende Aufführung der Zweiten wurzelt fest in der historisch informierten Aufführungspraxis, gewinnt aber durch den Zugriff des Dirigenten eine weit über alle Stilfragen hinausweisende Dynamik und beeindruckendes Format. Umso mehr wundert man sich nach diesem herausragenden Konzert, dass es das erste Gastspiel des FBO am Festival seit vierzehn Jahren ist. Noch mehr wundert man sich, dass unter den rund hundert Konzerten des Luzerner Sommerprogramms gerade einmal drei von Ensembles mit historischen Instrumenten bestritten werden. Angesichts der Bedeutung, die das Ideal eines möglichst authentischen Klangbildes inzwischen erlangt hat, weit über die Ursprünge in der Alten Musik hinaus, ist diese Strömung entschieden unterrepräsentiert.AusnahmebegabungZudem hört man die Vorzüge des leicht gedeckten, dafür transparenteren Ensembleklangs im Konzert mit Isabelle Faust unmittelbar. Ungewollt unterstreicht dies der Auftritt des Pittsburgh Symphony Orchestra unter Manfred Honeck. Das amerikanische Ensemble packt beim 1. Klavierkonzert von Johannes Brahms kräftig zu – und bringt den Solisten Alexandre Kantorow prompt in Bedrängnis. Das geschieht bei modernen Wiedergaben häufig; dabei haben Experimente mit Instrumenten aus der Brahms-Zeit erwiesen, dass das Stück keineswegs zu üppig orchestriert ist. Umso mehr beeindruckt, wie der allenthalben als Shootingstar gehandelte Kantorow hier dennoch die Balance aufrechterhält.Kantorow, Gewinner des Tschaikowsky-Wettbewerbs 2019, ist ohne Frage eine Ausnahmebegabung – und der geborene Brahms-Interpret. Trotz erheblichem Schalldruck vonseiten des Orchesters tönt sein Anschlag nie hölzern und hart, die Musik vibriert vielmehr innerlich, sie atmet und leuchtet unter seinen Händen, selbst noch in den massivsten Zuspitzungen. Was für ein Klangzauberer er ist, unterstreicht der Franzose mit seiner Zugabe, einem der späten Solostücke von Brahms.Alexandre Kantorow mit dem Dirigenten Manfred Honeck bei seinem Festival-Debüt im KKL Luzern.Manuela Jans / Lucerne FestivalEffiziente PantomimeDass viele etablierte Orchester immer noch zu wenig über grundsätzliche Stil- und Besetzungsfragen reflektieren, kann man zwei Tage später auch beim Auftritt der Wiener Philharmoniker beobachten. Österreichs Elitetruppe ist bei Mozarts früher g-Moll-Sinfonie KV 183 über alle technischen Probleme erhaben. Doch stilistisch ist man anscheinend tief in den 1980er Jahren steckengeblieben. Jede prägnante Artikulation wird immer noch dem geschlossenen Schönklang untergeordnet; anstelle einer sprechenden Formung der Phrasen – etwa nach dem Muster von Rede und Gegenrede – lauscht man endlosen, weil kaum strukturierten Melodien in erlesenem Legato. Das klingt tatsächlich «schön», keine Frage; aber es nimmt Mozarts Musik sowohl ihre innere Dramatik wie den Esprit.Nach der Pause dann das genaue Gegenteil: Bei Gustav Mahlers 1. Sinfonie wird die extreme Sensibilisierung des Orchesters für den philharmonischen Klang zum grössten Plus. Wo andere Ensembles oft nur über vier oder fünf verschiedene Lautstärkegrade verfügen, gibt es bei den Wienern ein Vielfaches an dynamischen Abstufungen, und zwar sowohl bei solistischen Einsätzen wie im Gesamtklang. Der Gastdirigent Tugan Sokhiev, der mit Beginn der Konzertsaison 2026/27 die Leitung des Orchestre de la Suisse Romande übernimmt, fordert diese Bandbreite an Nuancen aktiv ein – mit einer eigenartig pantomimischen, aber effizienten Körpersprache.Die Wirkung ist erstaunlich: Mahlers Erste, die heute alle grösseren Ensembles im Angebot haben, erhält viel von ihrer Ursprünglichkeit und verstörenden Radikalität zurück. Gerade weil die Wiener so kultiviert musizieren, nehmen sich die hier frech einmontierten Zitate von Naturlauten, falschen Kuckucksrufen, Liedern und allerlei Wirtshausmusik umso unkonventioneller aus. Die Kunst, diese vielstimmig in Ländler-, Jodler- und Walzer-Idiomen schillernde Tonsprache auch noch genuin «österreichisch» – nämlich wie einen beherzt über die Stränge schlagenden Schubert – klingen zu lassen, macht dem Orchester so bald niemand nach. Solche Aufführungen, in denen man selbst vermeintlich bekannte Musik wie neu hört, braucht jedes Festival.Die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Tugan Sokhiev im KKL Luzern.Priska Ketterer / Lucerne FestivalPassend zum Artikel